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Welsede (doro). Das waren noch Zeiten, als im kleinen Welsede Turnfeste organisiert wurden, die selbst die Wettkämpfer aus Hameln und Stadthagen in Erstaunen versetzten. Dort könne ein solches Fest von kaum einem Verein durchgeführt werden, hieß es beim größten Welseder Sportfest 1958 – und dann auch noch ohne Sportplatz. Das 100-jährige Bestehen kann der TV Jahn-Welsede an diesem Wochenende auf dem 1982 eingeweihten Sportplatz im Siek feiern.

veröffentlicht am 08.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 17:21 Uhr

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Noch immer sind Geist und Geschichten von einst lebendig, doch die Teilnehmerzahlen von damals haben fast mythischen Charakter. „260 Mitglieder hat der Verein heute, die Zahl der Aktiven liegt bei rund 60, am aktivsten ist die Altersabteilung“, sagt Vereinschef Heinrich Bekedorf. Mit dem traditionellen Fünfkampf, zu dem Disziplinen wie Steinstoßen und Baumstammwerfen gehören, stellt der Verein aber noch jedes Jahr ein besonderes Fest auf die Beine. Das Sportabzeichen wird ebenfalls jährlich abgenommen. Doch wie die meisten Traditionsvereine kämpft man um den Nachwuchs: Die aktive Mitgliedschaft ist für die Kinder und Jugendlichen nicht mehr selbstverständlich – die Konkurrenz ist groß.

Da erinnert man sich gerne an Zeiten, in denen die Zahl der Turner und Leichtathleten die Erwartungen übertraf und das fehlende Gelände die Turnbrüder nicht aus der Bahn zu werfen vermochte. Die walzte man sich kurzerhand auf der Wiese von Bauer Koch selbst – nach dem Entfernen der Kuhfladen. Und weil die Bahn nicht die richtige Länge hatte, wurde kurzerhand der Weidezaun von Bauer Söffker entfernt. 18 Zelte vom Kreis und vom DRK reichten damals nicht aus, um die Turner unterzubringen – sie übernachteten am Lagerfeuer unter freiem Himmel. Zum Waschen wurde eine alte Badewanne befüllt.

Mit Riegen bis zu 40 Teilnehmern begannen am nächsten Tag die Leichtathletikwettkämpfe. Genauso wichtig wie das sportliche Ereignis war das Tanzvergnügen am Abend zuvor: Immerhin bewahrten die 700 Gäste den Verein davor, die Kosten beim Zeltverleiher mit Raps und Getreide zu begleichen, womit diese gebürgt hatten.

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Auf Kochs Kuhwiese entsteht eine Sprungkuhle. Fotos: pr

Große Turnfeste gab es eine ganze Reihe in Welsede seit der Währungsreform. Sportlerische Traditionen waren nach dem Krieg schnell wiederbelebt und die Welseder turnten nicht nur rege, sondern besuchten auch regelmäßig Feste in der Umgebung, die Deutschen Turnfeste und sogar das Bundesturnfest in Österreich. Langstreckenläufer des TV Jahn wie Helmut Holstein zogen mehr als einmal die Aufmerksamkeit auf sich und wer in Rügges Saal Sportlehrer Gesche turnen sah, wusste, wie man sich elegant am Turngerät zu bewegen hat: Der Vorturner war aus der damaligen DDR übergesiedelt.

Gegründet wurde der Verein 1912 unter dem Namen TV-Jahn auf Initiative von Adolf Bruer. Alsbald wurde im Saal der Gastwirtschaft Rügge in vier Riegen geturnt, 1921 fand das erste Turnfest auf einer Dorfwiese statt. Für die Turner scheute man auch im umfunktionierten Saal keine Mühe: Um bei der Riesenfelge ums Reck schwingen zu können, war ein Loch in der Decke unumgänglich. Turnwart Bruer führte in dieser Zeit ein strenges Regiment: Stand die Riege nicht ordentlich am Gerät, wurden die Teilnehmer „in der damals üblichen Form bestraft“, wie es in der Historie heißt, auch die Eltern wurden auf das Fehlverhalten aufmerksam gemacht.

In der Folgezeit schloss sich der Verein der Deutschen Turnerschaft (DT) an, als deren Gründer Friedrich L. Jahn („Turnvater Jahn“) gilt. Die im Kaiserreich gegründete DT war der größte deutsche Sportverband mit (1933) 13 000 Vereinen und 1,6 Millionen Mitgliedern; entstanden 1860 als Wiederbelebung der Ideale von Turnvater Jahn, war sie im Dritten Reich anfällig für nationalsozialistische Leibesertüchtigungs-Propaganda. Wie in ganz Deutschland stieg auch in Welsede ab 1933 die Teilnahme an Sportfesten sprunghaft an. 1934 ging der DT im „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ auf, formal wurde er 1936 aufgelöst.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm die Beteiligung am Sportgeschehen ab, dann ruhte der Turnbetrieb bis 1946 ganz. Nach dem Krieg hatte der Verein zunächst Startschwierigkeiten, formierte sich jedoch alsbald als unpolitischer Verein neu. Das Vereinsleben normalisierte sich, sogar ein Tanzvergnügen organisierte man und 1948 wurde das erste Zeltfest mit 150 Teilnehmern aus der Umgebung durchgeführt.

An die glanzvolle Turn- und Leichtathletik-Tradition der 50er- und 60er Jahre konnte der Verein zwar nicht mehr anknüpfen, aber auch in den 70er und 80er Jahren waren die Mitglieder aktiv: Skifreizeiten, Wanderungen wurden organisiert und der Tennisboom der 80er ließ die Mitgliederzahl auf 330 schnellen.

Heute 18 Uhr Antreten der Vereine am Lindenkrug, Kranzniederlegung, 19 Uhr Ehrungen, danach gemütliches Beisammensein. Samstag: Ab 14 Uhr Menschenkicker-Turnier, 14.30 Uhr Kinderfest und Gruppenvorführungen. Um 20 Uhr spielt die Band Schwarz-Rot-Gold – bei schönem Wetter Open Air. Ab 20.45 Übertragung des Fußballspiels Deutschland-Portugal. Sonntag 10 Uhr Ehrungen, 11 Uhr Gottesdienst, 12 Uhr Katerfrühstück.

Turner Klaus Mauring zeigt beim Sportfest des TV Jahn Welsede 1952, seine turnerischen Fähigkeiten.

Als die Eleganz auf der Kuhwiese zu Hause war

Der TV Jahn Welsede wird 100 Jahre und erinnert sich



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