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Oft sind es biografische Zäsuren, die in den Alkohol treiben

„Dem Suff entkommt man nur in der Gemeinschaft“

Hessisch Oldendorf (boh). Alkohol zählt zu den günstigsten und gesellschaftlich akzeptiertesten Drogen. In geselliger Runde kreist häufig die Flasche mit Hochprozentigem. Etwa nach dem fettigem Essen, auf Feiern oder einfach nur zur Entspannung. Wird aus gelegentlichem Alkoholkonsum ein zwanghaftes Bedürfnis, täglich zu trinken, sei der Schritt in die Abhängigkeit programmiert, warnen Mediziner.

veröffentlicht am 27.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 23:41 Uhr

Die Mitglieder der AA erzählen von ihren Erfahrungen.
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Dann würden sich die Betroffenen psychisch verändern: Alles Denken und Handeln sei nur noch auf das nächste Glas ausgerichtet. Aber wie jede Krankheit ist auch Alkoholismus therapierbar. Grundvoraussetzung ist, dass der Alkoholabhängige sich seine Sucht eingesteht, wissen die Therapeuten. Das schafft er aber nicht immer allein: Ärzte raten daher, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Nur hier ist der Austausch und die Hilfe bei Problemen durch andere Betroffene gewährleistet. Eine dieser Gruppen besteht seit Jahren im Werkhaus in Hessisch Oldendorf. „Den Schritt über die Schwelle zu wagen, kostet viel Überwindung“, weiß Daniela S. (alle Namen geändert) aus eigener Erfahrung. Sie habe eine klassische Trinker-Karriere hingelegt, sagt sie. Ihre Rückenprobleme betäubte sie mit Alkohol, bis sie innerhalb kürzester Zeit täglich eine ganze Flasche Schnaps leerte. Ihr Hausarzt empfahl ihr die Anonymen Alkoholiker. „Zunächst fühlte ich mich unwohl, aber ich wurde sehr herzlich aufgenommen“, erzählt sie. Vier Wochen lang rührte sie keinen Tropfen an und dachte, sie hätte ihr Sucht überwunden und könne sich ein Gläschen Wein zum Essen gönnen. „Das war ein Trugschluss. Der Rückfall war programmiert. Innerhalb von drei Tagen hing ich wieder an der Flasche.“ Sie ging weiterhin zu den Treffen und schaffte schließlich den Absprung. Ihre psychischen Probleme habe sie inzwischen in den Griff bekommen. Ein Leben ohne Alkohol habe Daniela eine gehörige Portion Selbstwertgefühl gegeben. „Ich bin ebenfalls Alkoholikerin, aber seit 40 Jahren trocken“, sagt Elisabeth. „Rund zwanzig Jahre lang habe ich gesoffen, bis ich von einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker hörte, der ich mich anschloss. Zwar bin ich seit Jahren trocken, gehe aber trotzdem wöchentlich ins Meeting“, betont sie. Eine Woche ohne Gruppe sei für sie keine gute Woche.

Elisabeth war in Hannover beim Rundfunk beschäftigt. Sie hatte sich beruflich überfordert, wie ein Damoklesschwert hing ständig die Angst über ihr, den gut bezahlten Job zu verlieren. Ihr Hausarzt empfahl ihr, morgens ein „Piccolöchen“ zu trinken. „Und plötzlich war die Angst weg.“ Ziemlich schnell wurde sie abhängig. Panikattacken gesellten sich dazu, die nur durch Alkohol betäubt wurden. „Schließlich wurde es von Arbeitgeberseite bemerkt, und ich war meinen Job los.“

Ihre Familie bemerkte zwar Elisabeths Trinkerei, reagierte aber mit Gleichgültigkeit. „Ich wollte unbedingt trocken werden, schaffte es aber nicht allein“, sagt sie. Noch in Frankfurt schloss sie sich den AA an und machte nach eigenen Angaben eine überwältigende Erfahrung: „Wildfremde Leute nahmen mich in den Arm und gaben mir Halt.“ Sie fragte die Teilnehmer, wie sie es geschafft hätten, mit dem Trinken aufzuhören. „Wir haben das erste Glas stehen lassen“, lautete die lapidare Antwort. Das gerade konnte Elisabeth zunächst nicht, aber der kontinuierliche Besuch der Meetings half ihr, vom Alkohol loszukommen. „Ein Alkoholiker ist vollkommen allein“, betont sie. Im Laufe der Zeit hatte sie viele Rückfälle, aber letztendlich doch den Absprung geschafft. Die Gruppe der AA bedeuten für Elisabeth und Daniela Lebenshilfe, Zusammenhalt und gemeinsames Anpacken der Probleme. Gegründet wurden die Anonymen Alkoholiker 1934 in Amerika von Bill und Bob. „Beide waren exzessive Säufer, stellten aber fest, dass sie innerhalb der Gruppe nicht trinken mussten, wenn über die Probleme gesprochen wird“, erklärt Elisabeth. Die Gründungsväter erarbeiteten 12 Schritte zum Trockensein. Dazu gehören das Zugeben, dem Alkohol gegenüber machtlos zu sein und somit das Leben nicht mehr meistern zu können. Eine gründliche Inventur des eigenen Lebens schließt sich an. Eigene Fehler muss sich der Alkoholkranke eingestehen. Ebenso sollte er eine Liste aller Personen anfertigen, denen durch das Trinken Schaden zugefügt wurde und versuchen, diesen wieder gutzumachen. Voraussetzung zur Zugehörigkeit sei der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Die AA’s treffen sich im Werkhaus immer mittwochs ab 19 Uhr.



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