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Eine etwas andere Führung durch Großenwiedener Kirche mit Stephanie Handschuhmacher und Gabriele Lingen

Das Staubtuch in der Hand, aber keineswegs verstaubt

Großenwieden (ah). Wussten Sie, dass in der St.-Matthaei-Kirche hungrige Gäste mit selbst gebackenem Brot und Honig verköstigt werden? Dass dort schon vor Christoph Columbus bekannt war, dass die Erde eine Kugel ist? Oder dass im Gotteshaus Pastoren aufgehängt werden – der älteste sogar in Schach gehalten von einer Leiter?

veröffentlicht am 05.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 23:21 Uhr

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Wie gut, wenn jemand alle Ecken und Winkel der Kirche kennt. So wie Küsterin Frieda. Mit ihrer Schwester Helene möchte sie die Großenwiedener Kirche für eine Hochzeit auf Hochglanz bringen, doch die „Festgesellschaft“ ist bereits eingetroffen. „Du weißt so viel und bist so klug“, umschmeichelt Helene ihre Schwester und überredet sie zu einer Kirchenführung für die Gäste.

„Anno 1031 gründete ein gewisser Bischof Meinwerk...“, beginnt Frieda wohlüberlegt, wird aber sofort von Helene unterbrochen: Mit „Wydun cum ecclesia – Weiden mit Kirche“ sei der Name des Weserdorfes aus jener Zeit dokumentiert. Die Küsterin fährt fort, erzählt von der kleinen Holzkirche, die durch das vor etwa 750 Jahren errichtete frühgotische Steingebäude ersetzt wurde. 1927 erfolgte die Renovierung durch Maurermeister August Kinkeldey, anstelle der Orgel wurde im Altarraum das farbenfrohe Fenster installiert mit Jesus in der Mitte, der Schaumburg zur rechten, der Großenwiedener Kirche zur linken Seite. Unerwartet stimmt die temperamentvolle Helene einen „Choral“ an, singt sich in Ekstase, bis Frieda ansetzt, um von den gotischen Wandmalereien zu berichten, die bei der Renovierung freigelegt wurden. Helene funkt dazwischen: „Hier im Chorscheitel befindet sich noch eine lesbare Datierung: 1488, akne die misere“, liest sie vor. „Es ist unbestritten, dass Akne eine Misere ist, aber dies ist Latein: Agne dei, miserere mei qui crimina tollis, was heißt: Lamm Gottes, das du die Sünden trägst, erbarme dich meiner“, wirft Frieda ein. Immer wieder geben die gegenseitigen Sticheleien und Blicke der beiden Großenwiedener „Fräuleins“ im Putzkittel Anlass zum Schmunzeln.

38 Szenen aus der Bibel sind an den Wänden zu entdecken, darunter Christus auf einer Weltkugel. „Die Malereien sind von 1488, Columbus entdeckte Amerika aber erst 1492. Also wusste man hier im kleinen Großenwieden schon vier Jahre vorher, dass die Erde ein Ball ist“, sagt die Küsterin stolz und kommt so richtig in Fahrt: „Hier hat der Künstler Frauen abgebildet, wie Gott sie schuf und wie sie mit den Teufeln buhlen, ja geradezu Orgien feiern“. Und dann verrät sie, dass „hinter dem himmlischen Vorhang“ die Pastoren der Kirche aufgehängt wurden. „Meine Frieda neigt nicht nur zu Zweideutigkeiten, nein, auch die Sammelleidenschaft hat es ihr angetan. In der Sakristei hängt von jedem Geistlichen seit 1734 ein Bildnis“, klärt Helene auf.

Unterbrochen von geheimnisvollem Magenknurren laden Frieda und Helene die Gäste zum Imbiss ein, geben kleine private Geheimnisse preis, bevor sie abschließend zu einem Gang um die Kirche starten. Mit ihrer szenischen Kirchenführung „Aufgehängte Pastoren mit Akne“ eröffneten die beiden Großenwiedener Gästeführerinnen Stephanie Handschuhmacher und Gabriele Lingen das Landsommer-Programm 2012. Stephanie Handschuhmacher, Darstellerin der vorwitzigen Helene, ist bekannt aus „Rats“ oder der szenischen Museumsführung in Hameln. Küsterin Frieda wird gespielt von Gabriele Lingen, die seit Jahren als Anna von Bismarck Gäste durch Hessisch Oldendorf führt. Als Großenwiedener „Fräuleins“ präsentieren sie eine Kirchenführung der besonderen Art, die trotz Staubtuch in der Hand, keinesfalls verstaubt, sondern herzerfrischend, witzig und überaus informativ ist.

„Schön, dass ich Ihnen die Kirche zeigen durfte und danke, dass Sie mich nicht unterbrochen haben“, sagt Küsterin Frieda zum Abschied. Wer erfahren möchte, warum man in der St.-Matthaei-Kirche besonders gut schlafen kann oder was es mit dem „Tavernakel“ auf sich hat: Am Sonnabend, 2. Juni, am Sonntag, 2. September, und am Freitag, 2. November, gibt es im Großenwiedener Gotteshaus jeweils um 15 Uhr ein Wiedersehen mit Helene und Frieda.

Beim Saubermachen wird viel Wissenswertes und Amüsantes erzählt, hier ist gerade Helene am Zuge.

Foto: ah



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