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Die Oberschule findet der elfjährige Noah „richtig gut“ / Mittendrin im Alltagsleben

„Das ist gelebte Inklusion“

Hessisch Oldendorf. „Ich bin der Wirt, was kann ich euch bringen?“, fragt Noah Winkel die drei Gäste aus dem Zirkus, die bei ihm einkehren. Mit Biergläsern in der Hand kehrt er kurz darauf an den Tisch zurück und sagt: „Drei Bier – wie bestellt – und die Speisekarte.“

veröffentlicht am 23.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 07:21 Uhr

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Autor:

von Annette Hensel
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Die Klasse 5.2 der Oberschule Hessisch Oldendorf probt für die Weihnachtsfeier das Stück „Die Welt ein Zirkus“ von Kurt Rainer Klein. Aufmerksam liest Noah den Text mit, spielt fehlerfrei seine Rolle als Wirt, quatscht zwischendurch mal mit Klassenkameraden. Am Ende stibitzt er dem Clown die rote Nase und setzt sie sich selbst auf.

Noah ist elf Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Im Zuge der verbindlichen Einführung der inklusiven Schule in Niedersachsen zum Schuljahr 2013/14 besucht er die Oberschule. Neben Grundschulen nehmen seit dem 1. August auch weiterführende Schulen entsprechend der Elternwahl Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung in allen Förderschwerpunkten im Sekundarbereich I auf. An der Oberschule Hessisch Oldendorf ist parallel dazu eine Kooperationsklasse mit der Heinrich-Kielhorn-Schule entstanden, ebenfalls eine fünfte Klasse. „Wir wollten Noah aber inklusiv und nicht kooperativ beschult wissen, denn das ist, was er bereits kennt“, erklärt Noahs Mutter, Kerstin Winkel.

Noah besuchte eine integrative Kindergartengruppe sowie eine Integrationsklasse an der Grundschule in Fischbeck. Dadurch kennt er bereits etliche Schüler, als er auf die Oberschule wechselt, und ist laut seiner Mutter vom ersten Tag an begeistert. „Er kommt mit den klaren Strukturen an der Schule gut zurecht“, sagt sie und hebt hervor, wie ansprechend und persönlich die „Übergabe“ im Beisein der alten und neuen Lehrer und Schulleiter, der Förderschulkraft und seiner Integrationshelferin gewesen sei. In der Klasse 5.2 beginnt nach der Theaterprobe der Deutschunterricht bei Klassenlehrerin Birgit Jacob-Buhmann. Aufmerksam folgt Noah dem Unterricht, kann auf Fragen zu Zeitformen von unregelmäßigen Verben sofort die richtige Antwort geben. Neben ihm sitzt seine Integrationshelferin, die sozialpädagogische Familienhelferin Susanne Grams. Sie erklärt ihm Aufgabenstellungen, hilft bei Bedarf, schreibt beispielsweise Texte zu Ende ab, wenn es Noah zu viel wird.

Es ist die fünfte Schulstunde, Noah wird müde, legt seinen Kopf auf seine Arme. Susanne Grams deutet mit dem Bleistift auf die Stelle im Text, die gerade behandelt wird, beugt sich zu ihm und erläutert eine Zeitform. Sofort ist er wieder konzentriert bei der Sache, liest fehlerfrei, aber leise einen fremden Text vor und kennzeichnet anschließend alle Verben mit Textmarker. „Er kann fast alles, nur eben langsamer als die anderen. Auf einer Förderschule wäre er völlig unterfordert, die Inklusionsklasse ist die Chance für Noah“, erklärt Susanne Grams und ergänzt: „Er ist aufgeschlossen, intelligent, sehr ehrgeizig und fleißig, will lernen und wird vom Elternhaus optimal gefördert. In der Klasse wird er so normal wie möglich behandelt und steht nie außen vor.“ Aber der Unterricht strengt ihn an, das wird gegen Ende des Schultages deutlich sichtbar.

Die Klassenlehrerin berichtet, dass sie ihm alles anbiete, was die anderen auch machen. Bei Klassenarbeiten legt sie ihm eine verkürzte Version vor oder gibt ihm manchmal nur einen Teil der Hausaufgaben auf. Hand in Hand arbeitet sie mit Susanne Grams zusammen, die jeder Stunde beiwohnt und dabei noch ein weiteres Kind betreut. „Manche Leistungen von Noah sind faszinierend“, sagt Birgit Jacob-Buhmann und fährt fort: „Er hat außerdem ein sehr gutes Gespür für Menschen, merkt sofort, wenn es jemandem schlecht geht. Er ist eine echte Bereicherung für die ganze Klasse, vom ersten Tag an haben ihn die Mitschüler so akzeptiert, wie er ist.“

An zwei Tagen in der Woche ist zusätzlich Förderschullehrerin Heide Scheffler mit in der Klasse. Seit seiner Einschulung arbeitet sie mit Noah zusammen, der wöchentlich Anspruch auf fünf Förderstunden hat. „Ich helfe, Arbeiten für ihn zu komprimieren, kann bei Bedarf mit ihm alleine oder in der Kleingruppe arbeiten und ihn weitestgehend fördern.“ Ihr Eindruck ist: „Noah ist sehr zielorientiert und hat viel Spaß am Unterricht, mit Unterstützung bringt er sehr gute Leistungen – das ist gelebte Inklusion.“ Kerstin Winkel fügt hinzu: „Für Noah drückt sich gelebte Inklusion darin aus, mittendrin zu sein, einfach dazuzugehören.“ Und was meint Noah? „Die Oberschule ist richtig gut, Sport ist mein Lieblingsfach – und das Beste sind die Pausen.“

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