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Imker Walter Nagel: Witterung und Pestizide schwächen Bienen

Bittere Wahrheit über süßen Honig

Hemeringen. Das Schild am Marktstand auf dem Hamelner Wochenmarkt mit der Aufschrift „Der Honig geht zur Neige, letzter Verkauf am 22. Juni“ ist nicht etwa ein Marketingtrick des Imkers Friedrich Nagel, um den Absatz zu steigern sondern hat ernste Hintergründe. Friedrich Nagel stellt fest: „Das hat es in über 20 Jahren nicht gegeben, dass wir einen solchen Engpass hatten.“ Seine Frau Ursula ergänzt: „Unsere Kunden haben vollkommen entsetzt reagiert und einige von ihnen haben sich umgehend mit Honig bevorratet.“

veröffentlicht am 18.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 18:41 Uhr

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Autor:

von Barbara Jahn-Deterding
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Und gerade die Stammkundschaft möchte Antwort auf die Frage, warum Imker zur jetzigen Jahreszeit keinen Honig zum Verkauf anbieten können, fährt sie fort. „Liegt das an den Spritzmitteln“, sei eine der häufig gestellten Fragen. Dem Hemeringer Ehepaar ist es wichtig, den Kunden zu erklären, dass es „verschiedene Ursachen für die Knappheit beim Honig gibt und man es sich mit einer pauschalen Antwort zu leicht macht“.

Friedrich Nagel ist besorgt: „Nicht nur wir Imker beobachten in den letzten Jahren ein dramatisches Bienensterben.“ Nach der Einschätzung des früheren Lehrers liegt das im Wesentlichen auch an der veränderten Wirtschaftsweise in der Landwirtschaft. „Die Vielfalt der kleineren Flächen mit den verschiedenen Ackerfrüchten ist verschwunden. Es gibt zugunsten der großen Ackerflächen kaum noch Hecken oder blühende Wegränder und es fehlt den Bienen der Zwischenfruchtanbau von beispielsweise Klee oder Wicken. Hinzu kommt der Rückgang der Streuobstwiesen in unserer Landschaft. Die Tiere konnten sich über das Jahr viel besser und abwechslungsreicher versorgen als heute“, sagt er.

Ursula Nagel, die als Imkerin seit Jahrzehnten mit ihren Bienen arbeitet, erklärt: „Die Neonicotinoide, also die Insektizide, die in der Landwirtschaft zum Beizen des Saatgutes verwendet werden dürfen, sind für unsere Bienen im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Das Nervengift schädigt die Sinnesorgane der Tiere, sie können sich nicht mehr am Pheromonduft ihrer Königin orientieren und finden deshalb nicht mehr in den Bienenstock zurück.“ Dass der Einsatz der Neonicotinoide ab Dezember nunmehr auch bei der Beizung von Rapssaatgut verboten werde, begrüßt sie sehr. Sonnenblumen und Mais dürfen in Deutschland bereits schon jetzt nicht mehr mit den Mitteln behandelt werden. Die Imkerin bedauert aber, dass die EU-Kommission das Verbot der drei Nervengifte auf zwei Jahre befristet habe.

Natürlich trage ihres Erachtens auch der Einsatz der Fungizide und Herbizide dazu bei, dass die Bienen durch den Kontakt mit den Pflanzenschutzmitteln sterben. „Leider halten sich viele Landwirte nicht daran, die Mittel frühmorgens oder spätabends vor Beginn oder nach dem Ende des Bienenflugs auszubringen“, weiß Ursula Nagel aus eigener Beobachtung. Außerdem halte der Geruch der Spritzmittel die Bienen ab, überhaupt erst in den Bestand zu fliegen. Das sei besonders bei Raps problematisch, da ja eigentlich der Rapshonig eine Haupttracht sei.

Das Ehepaar wehrt sich auch gegen die Argumente der Industrie, dass die Varroa-Milbe schuld am massiven Bienensterben sei. „Die Milbe können wir durchaus behandeln. Jeder gute Imker bekommt sie in den Griff, indem er Ameisensäure, ein vollkommen unschädliches Produkt, einsetzt“, sind Ursula und Friedrich Nagel überzeugt.

„Und als ob uns Imkern diese verschiedenen Faktoren nicht schon genug Sorgen bereiten, spüren wir nun die Folgen des viel zu warmen Herbstes des vergangenen und das späte Frühjahr dieses Jahres“, führt Friedrich Nagel aus. „Im Gegensatz zur Sommerbiene, die bestenfalls 42 Tage lebt, sollten sich die Winterbienen aus der Brut Juli/August pflegen und schonen. Sie müssen ja bis zum Frühjahr überleben“, erklärt er. Bedingt durch die warmen Temperaturen hätten die Winterbienen viel zu lange Brutpflege betrieben und seien geschwächt in den Winter gegangen. Die langanhaltende Kälte haben viele Tiere nicht überlebt, die Völker seien im Frühjahr also sehr klein gewesen und es habe nur kleine Brutnester gegeben. „Ja, und dann hatten die kleinen und unterentwickelten Völker nur eine kurze Zeitspanne zum Sammeln von Nektar und Pollen, denn die Raps- und die Obstblüte waren gleichzeitig“, fährt Ursula Nagel fort. Die Natur habe den Rückstand ausgleichen können, „aber das können meine Bienen leider nicht“, macht sie deutlich.

Da sich ihre Bienenvölker inzwischen gut entwickelt haben, ruhen die Hoffnungen der Imkerin nun auf der Blüte der Sommer- und Winterlinden. Und in diesem Jahr besonders auf der Robinienblüte, denn „so eine Blüte habe ich noch nie erlebt“, sagt sie und zeigt auf den großen Baum auf ihrem Grundstück. „Daraus gewinne ich den Akazienhonig, den ich der Sommertracht zumische“, erklärt sie. „Und obwohl dies nur noch die Läppertracht ist, denke ich, dass ich mein Versprechen an die Kunden halten kann und ab September auf dem Markt wieder Honig verkaufen kann“, hofft Friedrich Nagel.



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