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Fast alle Kinder, die in die Hausaufgabenhilfe kommen, haben einen Migrationshintergrund

„Berührungsängste gibt es hier nicht“

Hessisch Oldendorf (joh). „Drei mal drei macht vier…“ Der Countdown zum Schulanfang hat begonnen: Viele Eltern aus Hessisch Oldendorf haben in der letzten Woche ihren Nachwuchs in der Grundschule angemeldet. Und sicher freuen sich schon einige der Kinder auf den großen Tag im August. Ihr Tag, an dem sie mit bunt bedruckten Schultüten, die fast ebenso groß sind wie sie selbst, auf dem Schulhof stehen.

veröffentlicht am 27.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 14:21 Uhr

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Dass der Weg in ein selbstständiges, kultiviertes Leben bisweilen unwegsam und steinig sein kann, kennt so manch einer aus eigener Erfahrung. Umso besser, wenn es dann Menschen gibt, die schon von Beginn an helfend beiseitestehen. Etwa so, wie in dem großen, hellen Unterrichtsraum des evangelischen Gemeindehauses in Hessisch Oldendorf. An der Wand hängt ein großes, buntes Bild: das christliche Glaubensbekenntnis. Fünfzehn dunkelhaarige Kinder zwischen sieben und 16 Jahren sitzen auf Holzstühlen und beugen die Gesichter über Hefte und Bücher. Hier und dort liegt ein Spielbrett auf einem der Holztische. Doch allein ums Spielen geht es an diesem Nachmittag nicht. Zweimal wöchentlich wird der lichtdurchflutete Raum, der sonst für den örtlichen Konfirmandenunterricht und Kindergottesdienst genutzt wird, umfunktioniert. Nämlich, wenn an jedem Dienstag und jedem Mittwoch kleine und große Schüler zur Hausaufgabenhilfe unter der Leitung von Annette Hensel kommen, um ihre Schulnoten zu verbessern.

Bereits seit elf Jahren nimmt sich die Ehefrau des örtlichen Pastors ehrenamtlich die Zeit, um Kinder von der ersten Klasse der Grundschule an bis zur Abschlussklasse der Haupt- oder Realschule bei den Hausaufgaben zu unterstützen und mit ihnen für Klassenarbeiten und Abschlussprüfungen zu lernen.

Und tatsächlich gibt es kaum ein Fach, in dem sie keine Hilfestellungen geben kann. „Meine Stärken waren schon immer Mathe und die Sprachen“, erzählt sie, und ein bisschen Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. Viele Erstklässler haben bereits von Beginn an große Schwierigkeiten beim Rechnen, Lesen und Schreiben. Und so wird fleißig geübt: Mathematik, Physik, Englisch und vor allem Deutsch. Denn alle Kinder, die derzeit die kostenlose Hausaufgabenhilfe im Gemeindehaus besuchen, haben einen Migrationshintergrund. „Ab und zu ist auch ein deutsches Kind in der Gruppe“, meint Annette Hensel. „Aber das ist doch eher selten.“ Bis zum Jahresende 2009 lebten laut Informationen des Statistischen Bundesamtes und des Ausländerzentralregisters insgesamt rund 6,69 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland.

Die Kinder, die in das Gemeindehaus kommen, stammen aus Familien, in denen auch zu Hause kaum Deutsch gesprochen wird. Ihre Eltern sind aus dem Libanon, der Türkei, dem Kosovo oder aus dem arabischen Raum eingewandert. Die christliche Glaubensrichtung, mit der die muslimischen Eltern der Nachhilfeschüler im Gemeindehaus konfrontiert werden, spielt für sie jedoch keine Rolle. „Berührungsängste gibt es hier nicht“, erzählt Annette Hensel und schüttelt energisch den Kopf. „Die Kinder fragen höchstens mal, was der Adventskranz in der Weihnachtszeit denn zu bedeuten habe.“

Weil sie jedem Kind die nötige Zeit widmen will, hat sich Annette Hensel in den Herbstferien Verstärkung geholt: Sabine Cirak und Gudrun Sandmann unterstützen die ehrenamtliche Helferin bei der Betreuung der Kinder. Dass es sich lohnt, hart zu arbeiten und zu lernen, kann Sarah Safwan aus eigener Erfahrung berichten. Im Alter von drei Jahren reiste die heute 22-Jährige mit ihrer Familie aus dem Libanon nach Deutschland. Zu Hause spricht sie mit ihren Eltern und den sechs Geschwistern Arabisch. „Gerade am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten in den Schulfächern Französisch und Deutsch.“ Um ihre Noten zu verbessern, besuchte sie fünf Jahre lang die Hausaufgabenhilfe in Hessisch Oldendorf. Vor drei Jahren bestand sie erfolgreich das Abitur – und studiert heute Pharmazie. „Wenn ich nicht zu Frau Hensel gegangen wäre, hätte ich heute wahrscheinlich kein Abitur“, ist sich die Libanesin sicher. „Später bin ich manchmal auch einfach nur so ins Gemeindehaus gegangen, einfach nur, um dort zu sitzen. Und irgendwann habe ich dann auch selbst Nachhilfe gegeben.“

Die Atmosphäre in dem hellen, rechteckigen Raum ist freundlich und herzlich. „Gerade die ganz Kleinen brauchen viel Zuwendung“, erzählt Annette Hensel lächelnd. „Das sind die unruhigen Geister. Aber man setzt sich eben mit ihnen hin und erklärt alles ganz genau, bis sie alles verstanden haben.“ Nach dem Lernen und Arbeiten kommt für die Schüler das Vergnügen: Nachdem sie zwei Stunden lang konzentriert und mit hochroten Köpfen über ihren Heften gebrütet haben, lassen sie den Nachmittag mit einer Partie „Monopoly“ ausklingen. Da wird gelacht und geplappert – und dabei kann es auch wieder etwas lauter werden im Unterrichtsraum des evangelischen Gemeindehauses.

Fünf Jahre lang ist Sarah Safwan zur Hausaufgabenhilfe gegangen, dann hat sie selbst Nachhilfe gegeben: „Wenn ich nicht zu Frau Hensel gegangen wäre, hätte ich heute wahrscheinlich kein Abitur“, sagt die 22-Jährige, die heute Pharmazie studiert.

Foto: ah

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