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"Bei mir können die Patienten ihre Gefühle rauslassen"

Hessisch Oldendorf (ah). „Wünschen Sie Kontakt zum Klinikseelsorger?“ lautet eine Frage auf dem Bogen, den Patienten der Neurologischen Klinik in Hessisch Oldendorf oder deren Angehörige bei der Aufnahme ausfüllen.

veröffentlicht am 29.06.2009 um 17:29 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 09:21 Uhr

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Von Annette Hensel

Hessisch Oldendorf (ah). „Wünschen Sie Kontakt zum Klinikseelsorger?“ lautet eine Frage auf dem Bogen, den Patienten der Neurologischen Klinik in Hessisch Oldendorf oder deren Angehörige bei der Aufnahme ausfüllen. Nicht alle haben in der Situation die Muße, über solch eine Frage nachzudenken. So entsteht der Kontakt zu Stephan Lorenz oft durch Zettelchen, die Stationsschwestern, Angehörige, Patienten oder Ärzte ihm irgendwann ins Fach legen. Manchmal steht nur ein Name und eine Zimmernummer darauf. Welcher Mensch, welches Schicksal dahinter steht, erfährt er erst bei seinen Besuchen. Nachfrage und Bedarf in der Klinik seien groß, berichtet der Theologe. „Ich bin im ganzen Haus im Einsatz – nicht nur bei Patienten, sondern auch bei Angehörigen, gegebenenfalls auch beim Klinikpersonal“, berichtet er. Zumeist besucht er die Patienten in ihren Zimmern, setzt sich zu den Bettlägerigen, hört zu. In ihrer gewohnten sicheren Umgebung fällt vielen das Reden leichter. Ob Unfall- oder Schlaganfallpatienten – bei allen kommen Fragen hoch wie: „Warum passiert mir so etwas?“, „Wie soll ich das alles schaffen?“ oder „Wie soll es weitergehen?“ Im Gespräch greift der Psychologe auf Geschichten mit Gott zurück, die die Lebenssituation der Patienten widerspiegeln. Extrem Verzweifelten erzähle er von Elia in der Wüste, dem der Engel so oft mit sanfter Stimme erscheint, bis er sich verstanden fühlt. Das entspricht dem Anliegen des Klinikseelsorgers.  „Bei mir können die Patienten Gefühle – Wut oder Depression – rauslassen, die so nicht in den Betrieb passen“, erklärt er und ergänzt:  „Wenn ich ihnen ohne Wertung begegne, verstehen sie sich in ihrer schwierigen Situation besser und lernen leichter, sich anzunehmen.“ Diese laut Lorenz „sinnvolle Kleinarbeit“ motiviert ihn seit über 20 Jahren, in der Neurologischen Klinik im Einsatz zu sein.
 Mit fitteren Patienten geht Lorenz auch manchmal draußen spazieren, vereinzelt sogar zum Eisessen. Das Verlassen des Klinikgeländes, die frische Luft, die Weite der Umgebung – das alles wirke befreiend, sagt er. Mit einem Patienten hat er vor kurzem sogar eine kleine Spritztour durch Hessisch Oldendorf unternommen. Seit einem schweren Arbeitsunfall ist Torsten Kühne, ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, auf den Rollstuhl angewiesen. Für ihn war es eine Wohltat, vom passionierten BMW-Motorradfahrer Lorenz im Beiwagen mitgenommen zu werden.
 „Mein Lebensgefährte war begeistert, als er das Gespann sah“, berichtet Nancy Kranich, die täglich an Kühnes Seite ist und für ihn spricht, weil er Schwierigkeiten hat, sich mitzuteilen. Bei den regelmäßigen Treffen mit dem Klinikseelsorger würde das Fachsimpeln über Motorräder im Vordergrund stehen – das wecke Erinnerungen und funktioniere auch ohne großen verbalen Einsatz ihres Freundes, erklärt sie und fügt hinzu, dass diese Besuche immer schön seien. Selten erscheint Lorenz in Motorradkluft in der Klinik, meist begegnet er allen, die dort seinen Dienst in Anspruch nehmen, in Alltagskleidung. „Mein Collarhemd schafft Distanz“, weiß er aus Erfahrung. Wenn keine Hoffnung auf Überleben besteht, begleitet der Theologe die Patienten auf ihrem letzten Weg, auch die, die ins Hospiz kommen. Abschiedsfeiern oder eine Aussegnung im Beisein der Angehörigen am Krankenbett – all das gehört zu den Aufgaben des Seelsorgers.



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