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Samstag ist Tag der Blockflöte / Das Instrument hat’s nötig, kaum einer spielt es noch – schade eigentlich

Auf dem letzten Loch

Hessisch Oldendorf. Gestern schweift mein Blick durchs heimische Wohnzimmer und bleibt an meinem „Arche Literaturkalender 2015“ hängen. Ein kurzes Statement meines Lieblingsdichters Kurt Tucholsky informiert mich darüber, dass er 1927 mit seinen Freunden Karlchen und Jacob viel Spaß hatte. „Das Wetter ist mäßig. Dafür lachen wir uns in die Hosen und benehmen uns wie die Wildschweine“, schreibt er an Ehefrau Mary, die keineswegs erfreut über diese innige und vor allem alkohollastige Männerfreundschaft war.

veröffentlicht am 07.01.2015 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 07:41 Uhr

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Was viele nicht wissen – Kurt Tucholsky hatte auf diese Reise etwas mitgenommen, was nicht unbedingt zum Gepäck eines Dichters gehört. Ein Instrument. Und da bekanntlich „Satire“ das Salz in unserer „Sprachsuppe“ ist und auch ich mit den folgenden Zeilen – Tucholsky sei Dank – jetzt endlich mal wieder meinen Hintern am warmen Satire-Ofen parken kann, ist es an der Zeit, die ultimative Lobhudelei auf eben jenes Instrument zu singen. Bildlich gesprochen natürlich.

Mich erinnert es an jenes Weihnachtsfest, an dem mir meine Eltern eine besondere Freude machen wollten. Ich wünschte mir vom Weihnachtsmann eine Carrera-Bahn. Mami und Papi allerdings waren der Meinung, meinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann abzufangen und ihn stattdessen dazu zu bewegen, eben genau jenes Instrument auf den Gabentisch zu legen, das gemeinhin als gesellschaftsrelevantes Folterinstrument für unmusikalische Kinder bekannt sein dürfte – die Blockflöte.

Meine kindliche Begeisterung hielt sich damals eher in Grenzen, um nicht zu sagen, sie war nicht einmal latent vorhanden. „Junge, probier’ doch mal“, versuchte mich meine Mutter zu locken. „Nein!“ lehnte ich kategorisch ab. Um keine Familienkrise heraufzubeschwören – und auch mir als Fünfjährigem war durchaus klar, dass es zu Familienkrisen kommen kann, wenn man sich nicht in angemessener Weise auch über ein ungeliebtes Geschenk freut –, nahm ich die Hohner-Flöte zwischen die Lippen und produzierte lautstark ein achtfach gestrichenes C. Was in etwa so klang, als wenn man mit einem Stück Kreide auf einer Tafel herumkratzt, allerdings um 100 Dezibel lauter.

Sofort klopften unsere Nachbarn wütend an die Wand, und mit meiner von meinen Eltern angestrebten Karriere als Wunderkind auf der Flöte, welches sanft „Stille Nacht, Heilige Nacht“ zu Gehör bringt, war es schnell wieder vorbei. Doch Eltern gehören bekanntlich zur Spezies der Überredungskünstler. Was für mich eine Anmeldung in der örtlichen Musikschule bedeutete. Mein neuer Flötenlehrer raufte sich schon in den ersten paar Minuten die kaum vorhandenen Haare und empfahl meinen Eltern, ihrem Sohn besser eine Trommel zu schenken. Schlagzeugunterricht wurde an dieser Musikschule nämlich nicht erteilt, somit wären sie diesen blockflötenlegasthenischen Schüler ein für alle Mal los.

Die Sache erübrigte sich schließlich von ganz allein. Als ich das dritte Mal mit dem Fahrrad zum Unterricht fuhr und ich das verhasste Instrument auf dem Gepäckträger festgeklemmte, geriet meine Flöte in die Fahrradspeichen. Das hält selbst das robusteste Instrument nicht aus. Ließ mich aber innerlich jubeln. Ich musste schuldbewusst die in zwei Teile zerbrochene Flöte meinen Eltern präsentieren, die übrigens nie wieder den Fehler machten, mir dieses Instrument erneut zu schenken.

Warum ich das nach all diesen Jahren erzähle? Es schlägt geschickt den Bogen zu Kurt Tucholsky. Das ihm gewidmete Kalenderblatt informiert mich neben seinen humorvollen Worten darüber, dass Samstag ein besonderer Tag ist: Der Tag der Blockflöte! Ich würde ja auf der Stelle eine fröhliche Weise anstimmen, wenn ich denn eine Flöte hätte. Fast bin ich versucht, in ein Musikgeschäft meiner Wahl zu gehen. Doch ich haue lieber meinen alten Kumpel Lutz Göhmann an, der ja bekanntlich Leiter der Kreisjugendmusikschule Schaumburg ist, mir ein Leihinstrument zur Verfügung zu stellen.

Vielleicht besitze ich jetzt mit dem nötigen Abstand zu meiner Kindheit doch eine Funken Talent. Was selbstredend nicht für „Deutschland sucht den Superstar“ reichen dürfte, das ist mir klar. Stattdessen sehe ich mich im Geiste in der Langen Straße ein fröhliches „Scherzo furioso“ anstimmen, vor mir einen Hut auf dem Pflaster geparkt. Falls mich nicht die ortsansässigen Geschäftsleute verjagen. Aber denen werde ich schon die richtigen Flötentöne beibringen. Das schrille achtfach gestrichene C produziere ich mit Sicherheit auch heute noch mühelos ohne viel Übung.

Früher spielte jedes Kind Blockflöte, heute ist das Instrument out. Auch Stefan Bohrer, Autor dieses Textes, machte früh Bekanntschaft mit dem Folterwerkzeug. Doch urplötzlich kam seine Flöte unter die Räder – was ihn innerlich jubeln ließ. Eine Erinnerung in 100 Dezibel.



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