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In der katholischen Kirche leiten mitunter Gemeindemitglieder Beerdigungen – zwei Helfer erzählen

„Auch für unser eigenes Leben“

Hessisch Oldendorf. Erst seit zwei Jahren im Amt, kennt Pfarrer Peter Wolowiec alle Friedhöfe von Varenholz bis ins Extertal und von Bad Münder bis Fischbeck. „Die Vielzahl an Beerdigungen nahm mir Zeit für andere Aufgaben in der Gemeinde, außerdem war es schwierig, eine Vertretung zu finden, wenn eine Fortbildung auf dem Plan stand“, erzählt er. Da das Bistum Hildesheim seit einigen Jahren Beerdigungshelfer ausbildet, kommt er auf die Idee, für diese Aufgabe Gemeindemitglieder zu suchen.

veröffentlicht am 21.11.2013 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 09:21 Uhr

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Autor:

VON ANNETTE HENSEL
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Bis vor wenigen Jahren war für das Stadtgebiet ein Pfarrer zuständig, der in den katholischen Kirchen Gottesdienste hielt, Gemeindemitglieder taufte, traute und beerdigte. Infolge der Fusion der Gemeinden St. Bonifatius Hessisch Oldendorf und St. Maria Hemeringen mit St. Sturmius Rinteln haben sich die Dimensionen verändert. Allein 67 Beerdigungen galt es für den Geistlichen im vergangenen Jahr zu bewältigen, das sind mehr als eine Trauerfeier inklusive Trauergespräch und Ansprache pro Woche.

Nicht nur von Martina Knöpfel-Lüssem, seit 1995 in Rinteln Gemeindereferentin, erhält Pfarrer Wolowiec eine positive Rückmeldung, auch Pfarrgemeinderatsmitglied und Wortgottesdienstleiter Wolfgang Ernst Giese zeigt Interesse. Der gebürtige Berliner, der 30 Jahre in Rohden wohnte und im IT-Geschäft in führender Position beschäftigt war, ist im Ruhestand und im Hospizverein Rinteln aktiv. „Durch meine Arbeit im Verein sind mir Sterben und Tod thematisch nicht fremd, bei Beerdigungen kommt aber noch stärker die liturgische und religiöse Seite hinzu“, erklärt er. „Ohne Rüstzeug, Gaben und Zeit hätte ich diese Aufgabe nicht übernehmen können.“ „Zur Qualitätsbewahrung und Entlastung des Pfarrers“ nimmt er wie Knöpfel-Lüssem am achtmonatigen Kurs des Bistums teil, in dem laut Giese „das Wissen für den Kopf und spirituelle Impulse schön verknüpft wurden“. Jeder der 15 Teilnehmer schreibt anhand eines Fallbeispiels eine Traueransprache und trägt sie vor den anderen vor. „Das hat sehr geholfen“, sagt Giese.

Zur Vorbereitung hospitiert er bei Beerdigungen des Pfarrers. „Ich mache es heute etwas anders als er, die Liturgie bietet einfach verschiedene Varianten, die ich nutze“, sagt er. Beim ersten Kontakt mit Angehörigen stelle er klar, dass er kein Priester sei, Ablauf, Inhalt und Vorschriften aber gleich seien. „Das ist so, wie wenn ich einen Gottesdienst im Altenheim halte – die allgemeine Priesterschaft geht auf das Zweite Vatikanische Konzil zurück“, sagt Giese und betont, dass eine Beerdigung offiziell nichts Sakramentales sei. „Klassisch ist sie eine gemeindliche Sache, die wir nur aus einem falschen Amtsverständnis heraus mit einem Pfarrer besetzen.“

30 Beerdigungen haben Wolfgang Ernst Giese und Martina Knöpfel-Lüssem seit März 2013 geleitet. dpa

Wenn er Angehörige aufsuche, sei für ihn wichtig zu erfahren, was für ein Mensch der Verstorbene war, sagt Giese. Um sich ein besseres Bild machen zu können, bittet er stets um ein Foto. Ganz unberührt lässt ihn seine Aufgabe nicht: „Als ein Mensch nach kurzer Erkrankung unerwartet starb, konnte ich die Trauer der Hinterbliebenen gut nachvollziehen, emotional hat mich das schon sehr gepackt“, gibt er zu und ergänzt: „Gerade am Ende des Lebensweges wird deutlich, wie unterschiedlich Menschen gelebt, was für Beziehungen sie aufgebaut haben.“

Auch Martina Knöpfel-Lüssem beeindruckt die Bandbreite an Lebensgeschichten. Besonders berührt es sie, „wenn Menschen in meinem Alter sterben“. Als belastend empfindet sie ihre Arbeit jedoch nicht: „Sie passt zu meinen seelsorgerischen Aufgaben“, meint sie. „Eine persönliche Distanz muss da sein, selbst wenn manches nahegeht.“

„Solche Wünsche werden natürlich erfüllt“

Für die Gemeindereferentin besteht eher eine Schwierigkeit darin, „dass wir, ohne Worthülsen zu verwenden, unsere Auslegung auf ein konkretes Leben beziehen und dieses würdigen, obwohl wir den Menschen nicht kannten“, erklärt sie. „Natürlich müssen wir uns auch genau überlegen: Was sprechen wir bei der Trauerfeier an und was nicht?“ Ebenso wie Giese ist sie der Auffassung: „Als Beerdigungshelfer zu arbeiten, ist eine wertvolle Erfahrung – auch für unser eigenes Leben.“ Eine besondere Form der Beratung findet nicht statt, bei den monatlichen Gesprächen mit dem Pfarrer können neben Terminen aber auch seelsorgerische Fragen geklärt werden.

Seit März 2013 hat Giese auf die gesamte Gemeinde verteilt bereits 20 Beerdigungen übernommen – allesamt ehrenamtlich. Knöpfel-Lüssem stand zehnmal in weißer Mantelalbe am Grab. „Wir haben unseren Dienst in Beerdigungswochen aufgeteilt, aber wenn der Pfarrer zusätzlich Termine abgeben möchte, springen wir ein“, sagen beide. Erst einmal haben sie einen Fall erlebt, bei dem Angehörige wünschten, dass ein Priester die Trauerfeier leite. „Solche Wünsche werden natürlich erfüllt“, betonen sie. „Enttäuschte Sehnsüchte von Gemeindegliedern, weil wir die Beerdigung übernahmen, gab es bislang noch nicht – vielleicht auch, weil unser Pfarrer noch nicht so lange hier ist.“ Erst kürzlich habe eine ältere Dame nach einer Trauerfeier gesagt: „Das war eine schöne Beerdigung, so könnte ich mir das für mich auch gut vorstellen“, erzählt Giese.

„Ich freue mich, dass beide in der Gemeinde so gut ankommen“, sagt Pfarrer Wolowiec. „Bei der Vielzahl an Trauerfällen merke ich, dass ich nicht mehr alleine bin – und es ist spürbar, dass ich wieder mehr Zeit für andere berufliche Dinge habe.“



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