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Kai Engers ist Legastheniker – und beendet die Schule mit Notendurchschnitt von 1,5

„Anfangs wollte mir keiner glauben“

Hessisch Oldendorf. Acht Einsen, darunter in Mathe, Physik, Geschichte: Mit einem Notendurchschnitt von 1,5 könnte man Kai Engers fast einen Streber nennen. Den Realschulabschluss hat er in der Tasche. Für den 16-Jährigen Hessisch Oldendorfer etwas ganz Besonderes, denn er ist Legastheniker. Im Interview spricht er über sein Leben und Lernen mit der Krankheit.

veröffentlicht am 02.08.2015 um 15:57 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 18:21 Uhr

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Was genau ist Legasthenie und wie hat sie sich bei dir geäußert?

Legasthenie ist eine Lese-Rechtschreib-Schwäche; dadurch hatte ich große Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Um verständlich zu machen, was da passiert: In der ersten Klasse konnte ich nur einzelne Buchstaben lesen, war aber nicht in der Lage, diese auch zu Silben oder gar Wörtern zusammenzuziehen. Das Schlimme für mich war, dass mir das anfangs keiner glauben wollte. Einfache Wörter, die jeder kennt, habe ich falsch geschrieben und eine totale Katastrophe waren Wörter, die man nicht so schreibt, wie man sie spricht.

Wann genau wurde erkannt, dass du Legastheniker bist?

Meine Mutter hat das relativ früh geahnt, bestätigt fühlte sie sich nach der Zeugnisbewertung in Deutsch in der zweiten Klasse: „Leseziel nicht erreicht“. Während meine Schwäche für die damalige Lehrerin aufgrund der Dynamik in unserer Klasse kein Thema war, empfahl meine neue Lehrerin in der dritten Klasse meiner Mutter schon sehr bald: Lassen Sie Ihren Sohn testen, das sieht mir ganz nach Legasthenie aus.

Wie ging es weiter?

Bei dem Test wurde bei mir sowohl eine überdurchschnittliche Intelligenz als auch eine schwere Lese- und Rechtschreibschwäche festgestellt, die ich unbedingt therapieren lassen sollte. Das Problem dabei ist, dass nur bei psychischer Beeinträchtigung die Therapiekosten übernommen werden, nicht aber bei schulischer – da müssen die Eltern alles selbst zahlen. Meine Mutter hat damals ganz schön Panik geschoben, aber das Jugendamt hat dann die Kosten doch übernommen. Mit der neuen Klassenlehrerin und der Therapeutin wurde mein Lesen und Schreiben besser, Ende der vierten Klasse habe ich sogar mal eine Zwei in einem Diktat geschrieben.

Was wird denn da in der Therapie gemacht?

Ich habe in der Therapie viel trainiert, Wörter, Plakate und Lernzettel geschrieben, die ich zu Hause aufgehängt habe. Vor allem habe ich aber Eselsbrücken zu bauen gelernt für Wörter, die bei mir auf Falschpolung gemünzt waren, einfach Strategien erlernt, die mir beim Lesen und Schreiben weitergeholfen haben. Meine Therapeutin hat keine Fehlerschwerpunkte bearbeitet, sondern gezielt Kompetenzen aufgebaut. Für mich war es wichtig, dadurch gesichert zu wissen, dass ich nicht doof bin, wie es manche zu Beginn meiner Schulzeit von mir dachten. Ich wurde selbstbewusster, erfuhr Anerkennung, fühlte mich viel wohler als vorher. Letztendlich hat die Therapie dann auch meinen Ehrgeiz auf den Plan gebracht.

Verstehen Deine Mitschüler, was es bedeutet, Legastheniker zu sein?

... die wenigsten. Manche haben auch geglaubt, dass ich die Lehrer verarsche. Einen Kumpel mit milder Legasthenie-Variante hatte ich, mit dem habe ich mich häufiger über Probleme aufgrund unserer Schwäche unterhalten.

Inwieweit haben Lehrer auf deine Lese-Rechtschreib-Schwäche reagiert?

Hm, es gab manche, die das so abgetan und mir empfohlen haben, einfach nur mehr zu üben. Auf diesem Hintergrund habe ich es überhaupt nicht verstanden, dass sich Lehrer für Inklusions-Klassen ausgesprochen haben, die selbst nicht mal mit Legasthenikern umgehen konnten.

Hier meldet sich Kais Mutter, Svenja Grun zu Wort: Der Nachteilsausgleich, wie viel Zeit mehr einem Legastheniker beispielsweise bei einem Aufsatz eingeräumt wird, wird im Landkreis Hameln-Pyrmont an jeder Schule anders gehandhabt. Das muss extra beantragt werden, jeder Fall wird einzeln geprüft. Das haben wir auf der Hauptschule nicht mehr gemacht – das bringt nur Ärger für nix. Es gab dort übrigens auch mal eine AG für Schüler mit Rechtschreib-Schwäche, da ist Kai aber bewusst nicht hingegangen, um weiter gezielt mit seinem eigenen Therapieplan zu arbeiten.

Du hast sogar einen Lesewettbewerb gewonnen!

Ja, in der sechsten Klasse beim Regionalentscheid des Vorlesewettbewerbs in Hameln in der Kategorie B– Hauptschule. Ich habe aus Otfried Preußlers Klassiker „Krabat“ vorgelesen und konnte auf mein kontinuierliches Lesetraining aufbauen.

Ging es von da an bergauf?

Das kann man schon so sagen, nachdem die fünfte Klasse, hier vor allem Englisch eine Katastrophe war. Für die Fremdsprache musste ich bis zum Schluss immer viel mehr tun als andere, ich brauche auch einfach mehr Zeit als andere zum Lesen. Aber dann habe ich es doch von einer Fünf auf eine Drei im A-Kurs geschafft, übrigens meine einzige Drei im Abschlusszeugnis.

Was möchtest du nun beruflich machen?

Am 1. September werde ich eine Ausbildung zum (zivilen) Fluggerätemechaniker mit der Fachrichtung Instandhaltung in Bückeburg beginnen. Mir gefällt die Arbeit mit komplizierter Technik. Aufnahmetests und Bewerbungsgespräch waren nicht ohne, aber ich habe mich gegen etliche Abiturienten durchgesetzt, obwohl ich sogar einen Aufsatz schreiben und Wissensfragen auf Englisch beantworten musste.

Was kannst du anderen Betroffenen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche empfehlen?

Man sollte sich nicht hängen lassen, nicht faul sein, im Unterricht aufpassen und nachfragen, wenn man etwas nicht versteht – und die mündliche Beteiligung ist sehr wichtig. Und dann braucht man Ehrgeiz und einen guten Therapeuten, der einen über Jahre hinweg begleitet, selbst wenn man das wie wir am Ende selbst bezahlen muss – es lohnt sich. Auch wenn man sein Leben lang Legastheniker bleibt: Viele Schwachstellen lassen sich ausbügeln.

Interview: Annette Hensel

Das Rezept von Kai Engers für den richtigen mit Legasthenie: Man braucht Ehrgeiz und einen guten Therapeuten, der einen über Jahre hinweg begleitet. Für ihn hat sich der Einsatz gelohnt – sein sehr gutes Zeugnis beweist es. ah



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