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Josef Ewers-Meyers schildert in seinem Buch die gelungene Inklusion von Schwerbehinderten

Als Anton das Ruder übernahm

FUHLEN. Josef Ewers-Meyer hat Episoden aus dem Leben des Schwerbehinderten Anton und viele weitere Erinnerungen in seinem neu erschienenen Buch „Zeit – Bilder Bilder – Zeit“ niedergeschrieben. Von 1984 bis 2007 war der Diplom-Sozialarbeiter und Bauer in einer Behinderteneinrichtung tätig. Da er als Heranwachsender selbst in einem Kinderheim war, weiß er aus eigener Erfahrung, was es bedeutet eingesperrt und fremdbestimmt zu sein.

veröffentlicht am 28.08.2017 um 14:01 Uhr
aktualisiert am 28.08.2017 um 16:00 Uhr

Die Ansicht eines der auf dem Acker ausgestellten Kunstobjekte, ein Torbogen aus Rohren, dem der autor Josef Ewers-Meyer entgegengeht, ziert das Titelbild von „Zeit – Bilder. Bilder – Zeit“. Foto: ah

Autor:

Anette Hensel
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Den Papierkorb zu leeren, das Altpapier wegzubringen oder Kaffee einzuschenken, das macht in den Augen von Anton Sinn. Deshalb übernimmt er solche Aufgaben gerne. Soll er in der Behindertenwerkstatt hingegen Schrauben stecken oder „pädagogisch wertvolle“ Holzstückchen sortieren, dann verweigert er dies, flieht aus der Tür, hinaus nach draußen, das Weite suchend.

Anton ist autoaggressiv, lebt in einem Heim für Schwerbehinderte und hält sich statt in der Werkstatt lieber im Innenhof auf, um Steine, Hölzer, Besen oder Rohre zu sammeln, aus denen er Kunstobjekte fertigt. Als er bei einer Floßfahrt auf der Weser neben dem Flößer steht und dieser ihn fragt: „Kannst du jetzt mal steuern, ich will eine kleine Pause machen?“, nickt Anton begeistert, grinst den Flößer an und übernimmt das Steuer – so als hätte er nie etwas anderes gemacht. Dass ihm diese Aufgabe ohne Wenn und Aber zugetraut wird, motiviert ihn erheblich und lässt ihn seine Sache gut machen.

Wer entscheidet eigentlich, was qualitätsvolle Arbeit mit behinderten Menschen ist?

Josef Ewers-Meyer, Autor des Buches „Zeit – Bilder“

Josef Ewers-Meyer hat diese Episoden aus dem Leben von Anton und viele weitere Erinnerungen in seinem neu erschienenen Buch „Zeit – Bilder Bilder – Zeit“ niedergeschrieben. Von 1984 bis 2007 war der Diplom-Sozialarbeiter und Bauer in einer Behinderteneinrichtung tätig. Da er als Heranwachsender selbst in einem Kinderheim war, weiß er aus eigener Erfahrung, was es bedeutet eingesperrt und fremdbestimmt zu sein.

Kritisch steht der Fuhler der Routinearbeit in der Behindertenwerkstatt gegenüber oder Qualitätsstandards, die Heimbewohner nur als Randfiguren einbeziehen. Für Ewers-Meyer ist entscheidend, sie in ihrer Individualität anzunehmen und für sie sinnvolle Aufgaben zu finden. „Sie wollen nicht als strikt angeordnetes Puzzle-Teil in ein für sie sinnloses Ganzes integriert werden. Der Konflikt entsteht, wenn behinderte Menschen sich gegen die Einschränkungen ihrer Freiheitsspielräume durch eine solche ‚Integration‘ zur Wehr setzen“, schreibt er. Im Laufe seiner Dienstjahre wird der Sozialarbeiter zur Stimme der „Bewohner“ – und lange bevor darüber in politischen Gremien diskutiert wird, setzt er sich bereits für Inklusion, für Teilhabe an der Gesellschaft ein.

In „Die Floßfahrt – Gedanken im Fluss“ gelingt es Josef Ewers-Meyer, nüchterne Theorie über Bord zu werfen, stattdessen den Leser an Bord zu nehmen und am Leben Schwerbehinderter in einer Einrichtung teilhaben zu lassen. Dabei wandern seine Erinnerungen auch in die 80er Jahre, als medikamentöses Ruhigstellen oder Fixierung, sprich: Angurten der „Bewohner“ ans Bett zum Eigenschutz und zum Schutz anderer gesetzlich noch nicht verboten war.

Auf der Floßfahrt mit dabei sind von den „Bewohnern“ Anton, Alvin, Michael und Epileptikerin Irmtraud, bei der allein das Überschreiten der Toleranzschwelle durch erteilte Befehle Anfälle auslösen kann. Zusammen mit Betreuern, Politikern und Interessierten fahren sie auf der Weser von Hameln nach Fuhlen zum Acker von Bauer Ewers-Meyer. Von Land aus sind auf den Flößen bunte Gemälde mit Gefühl für Farbverständnis und Proportion zu erkennen, die Schwerbehinderte im Rahmen eines Projektes auf jenem Acker gefertigt haben und nun dort ausstellen wollen.

Mit dem Ackerprojekt hat der Sozialarbeiter ein Tor geöffnet, damit Menschen mit schwerer Behinderung außerhalb geschlossener Räume ihrem Bewegungsdrang nachgehen und ihr kreatives Potenzial entfalten können. Sie malen nicht nur und laden zur Ausstellung „Mit Kunst zu neuen Ufern“ ein, sie bauen auch eine alte Scheune ab und sortieren das Baumaterial getrennt voneinander in Container. In freiem Raum und ohne Leistungsdruck flechten sie Körbe, gestalten Schalen aus Ton und verkaufen sie später auf dem Markt. Außerdem säen und ernten sie gemeinsam mit Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern. Auf der Floßfahrt erzählt Ewers-Meyer Mitfahrerin Helga, dass die „Bewohner“ auf dem Acker keine Verhaltensauffälligkeiten gezeigt haben – auch weil sie für ihre Arbeit Wertschätzung erhielten. Ewers-Meyer ist ein Einzelkämpfer, dessen Eigeninitiative oft auf Schwierigkeiten stößt: Er beschreibt seinen Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie und ein Qualitätssystem, das die Lebensqualität behinderter Menschen nicht verbessert. „Wer entscheidet eigentlich, was qualitätsvolle Arbeit mit behinderten Menschen ist?“ Diese Frage bleibt offen.

Das Foto eines der auf dem Acker ausgestellten Kunstobjekte der „Bewohner“, ein Torbogen aus Rohren, dem der Autor entgegengeht, schmückt das Titelbild von „Zeit – Bilder Bilder – Zeit“. Ergänzt wird das Buch durch Beiträge des Diplom-Heilpädagogen Klaus Kistner, des Diplom-Pädagogen Bernhard Montjoie und des Bildenden Künstlers Michael-Peter Schiltsky. Josef Ewers-Meyers Erstlingswerk hat 167 Seiten, ist mit zahlreichen Bildern versehen, im AJZ-Verlag erschienen und für 14,80 Euro im Buchhandel erhältlich.

Am 10. September lädt der Verlag zu einer Floßfahrt ein, die um 12 Uhr von der Sumpfblume aus nach Fuhlen startet. Die Flöße sind bereits ausgebucht. Zu Fuß oder auf dem Trecker geht es weiter zu Ewers-Meyers Acker nahe dem Modellflugplatz (Alte Ziegelei), wo der Verlag das Buch offiziell vorstellt. Für einen Imbiss und Kaffee und Kuchen ist gesorgt.



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