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Wo einst Wesermöbel für Wachstum und Erfolg stand, halten nur noch zwei Unternehmen tapfer die Stellung

Übrig geblieben ist ein Mahnmal der Ödnis

Hessisch Oldendorf. Es war schon ein beeindruckendes Bild, als die vielen Lkw der Firma Weserberglandmöbel in den 70er Jahren einer neben dem anderen in einer langen Reihe auf dem weitläufigen Parkplatz standen und darauf warteten, Möbel aus Hessisch Oldendorf in die gesamte Republik zu transportieren. Ein Bild, das von Aufstieg und Wohlstand zeugte. Kam man von Westen her auf der alten B 83 auf Hessisch Oldendorf zu, waren es die poppig ineinander verschlungenen Buchstaben „Wesermöbel“ an der langgestreckten Hallenwand, die sich sofort ins Gedächtnis brannten.

veröffentlicht am 07.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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„Die 70er waren die besten Jahre“, erinnert sich Marion Grimm, Tochter des Firmengründers Siegfried Gottwald. 1950 übernimmt er die Leitung einer kleinen Stuhlfabrik, 1953 gründet Gottwald die Oldendorfer Möbelhandlung mit Ausstellungsräumen in der Langen Straße. Für den Start leiht er sich 10 000 Mark vom Schwiegervater. Schon Mitte der 50er erkennt der Unternehmer die große Chance, die im Versandhandel liegt. „Anfangs ist er mit dem Auto und Anhänger selbst losgefahren“, weiß die Tochter. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Willy Sieveking baut Gottwald Weserberglandmöbel zu einem der ersten Versandhäuser in der Bundesrepublik aus. Das Unternehmen expandiert explosionsartig. 1964 wird an der Welseder Straße eine 10 000 Quadratmeter große Halle mit Büro gebaut. Wenige Jahre später steht das Unternehmen überaus erfolgreich da, bis zu 700 Mitarbeiter sind bei Weserberglandmöbel tätig. Auf der Schaumburg werden glanzvolle Feste für die Außendienstmitarbeiter gefeiert. Chris Howland kommt, Peter Kraus, Lena Valaitis, Rex Gildo und viele andere – wenn das Unternehmen einlädt, dann kommen die Stars der Zeit und die Hotels in der Umgebung sind voll. Als Fußballmäzen ist der 2002 verstorbene Unternehmer noch heute eine Legende – mit seiner Unterstützung schafft der TuS Hessisch Oldendorf 1982 den Aufstieg in die Oberliga Nord, in der man sich bis 1985 halten konnte.

Während der Fußball in der Stadt auf seinem Höhepunkt ist, geht es im Möbelhandel Anfang der 80er Jahre langsam bergab, dunkle Wolken waren – trotz guten Umsatzes – schon in den 70ern aufgezogen. 1982 wird ein Teil der Lagerhalle an die damals bundesweit vertretene Einzelhandelskette Allkauf vermietet. Die Ausstellungsflächen, die 1973 zum Versandhandel dazugekommen waren, werden verkleinert und im mittleren Teil des Areals angesiedelt. Mit einem Küchenstudio versucht Schwiegersohn Wolfgang Grimm eine Neuorientierung. 1989 entschließt man sich, das Areal zu verkaufen. Der neue Besitzer investiert kaum, so dass es an einigen Stellen sogar durchregnet, erinnert sich Marion Grimm und fügt an: „Gut, dass mein Vater den Abriss nicht mehr miterlebt hat, die Firma war sein Lebenswerk.“

Allkauf startet erfolgreich, doch bei den Händlern in der Innenstadt regt sich von Anfang an Widerstand. „Es hat eine Riesendiskussion gegeben“, erinnert sich Reinhard von Aulock, der Werbering habe damals große Bedenken gehabt. Eine Unterschriftenaktion für die „große“ Umgehungsstraße wird gestartet, um zu verhindern, dass der Münchhausenring eine Einbahnstraße zum Allkauf wird. Von zwei FDP-Mitgliedern gibt es Schelte für die CDU, weil sich nur drei von 17 gegen die „verhängnisvolle“ Allkauf-Ansiedlung mit den angegliederten Großbetrieben stemmen. Die beiden Geschäftsleute fordern einen Baustopp und eine Unterstützung der Betriebe in der Innenstadt aus dem 16-Millionen-Programm der Stadtsanierung. In seiner Studie mit dem Titel „Machtkampf im Einzelhandel“ führt Eberhard Hamer Allkauf als Negativbeispiel an, in dem 77 Prozent der Einzelhändler in Hessisch Oldendorf über Umsatzeinbußen bis zu 30 Prozent klagen. Im Gegenzug wirft ein Leser des „SB-Magazins“ den Einzelhändlern in einem Leserbrief fehlende Kreativität vor. Deren „Unbeweglichkeit und das Ladenschlussgesetz“ seien schuld an der Verödung der Ortskerne, schreibt er.

1986 siedelt sich die Firma Bessmann für ein Jahrzehnt an der Welseder Straße an, ebenfalls ein Kundenmagnet. Für Allkauf dagegen laufen die Geschäfte Anfang der 90er schlechter. Die Kette mit dem großen Sortiment war „wahrscheinlich nichts Besonderes mehr“, mutmaßt Christl Eberle, deren Mann Karl-Heinz damals die Geschäfte führte. 2004 wird Allkauf zu Extra. 2007 schließt der Markt endgültig seine Pforten. „Aldi wollte damals unbedingt an seinem Standort in der Stadt bleiben, andere sind dann nachgezogen“, beschreibt Reinhard von Aulock einen Wendepunkt in der Geschichte des Einkaufszentrums, der wohl den endgültigen Abstieg besiegelte. Die kleinen Geschäfte, wie Friseur Kanz, Schuh-Förstermann, Köstermeyer und Schmoll verabschieden sich nach und nach. Eine Indoor-Kart-Bahn hält sich ab 1996 circa anderthalb Jahre. Bessmann bricht 1996 die Zelte ab, um das Unternehmen südlich der Bahn auf eigenem Grund und Boden neu aufzubauen. Ein einsamer Imbiss hielt bis vor einigen Jahren eisern die Fahne hoch vor den Eingangstüren des ehemaligen Extra, heute halten nur noch der Obi-Baumarkt und das dänische Bettenlager die Stellung. Der mittlere und älteste Teil, in dem sich früher die Ausstellung befand, ist abgerissen. Aber auch an den anderen Gebäuden nagt der Zahn der Zeit. „Da müsste inzwischen richtig viel Geld investiert werden“, sagt Marion Grimm. Doch davon ist der jetzige Eigentümer, ein französisches Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft, wohl weit entfernt: Die Vermietungssituation gestalte sich aufgrund der rechtlich vorgegebenen Möglichkeiten schwierig, sagt der Verwalter. Auch er glaubt, dass man das Gelände nur mit sehr viel Geld reanimieren könnte. Einen Mietinteressenten gebe es nach wie vor nicht.

Ein Punkt, der möglichen Plänen empfindlich entgegenwirkt, ist die veränderte Straßenanbindung: Durch die Südumgehung gibt es keine Laufkundschaft mehr. Politik und Stadtverwaltung haben sich zudem klar positioniert: Nach der Ansiedlung von Aldi neben dem Edeka-Markt setzte man auf das Konzept „Neue Mitte“ und förderte die Ansiedlung weiterer Märkte im nahen Umfeld. Doch auch wenn das vielkritisierte Konzept des Handels auf der grünen Wiese damit umgangen wurde: Genutzt hat es den Einzelhändlern kaum. Sie müssen weiter gegen die allmächtige Präsenz der Ketten und Discounter kämpfen, die den kleinen, oft traditionsreichen Unternehmen mit ihren sich ständig erweiternden Sortimenten die Luft zum Atmen nehmen. Ein Szenario, das Siegfried Gottwald wohl kaum vor Augen hatte, als er anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums 1973 zur Podiumsdiskussion lud. Der Titel: Perspektive 2000 – oder welche Ansprüche wird der Freizeitbürger an seinen Wohn- und Lebensbereich haben?

Zeitweise bis zu 700 Mitarbeiter sind bei Wesermöbel in den besten Jahren zeitweilig tätig gewesen. In den 60er Jahren expandierte das Unternehmen explosionsartig, auch in den 70ern lief das Geschäft noch sehr gut.

Foto: privat

Früher bescherten sie der Stadt Gäste, Besucher, Kunden. Heute dämmern ehemalige Vorzeigeobjekte im toten Winkel der Stadtentwicklung vor sich hin. Wir stellen in loser Folge Orte vor, an denen Stillstand herrscht.



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