weather-image

Von Zigarren und Instrumenten zu Büchern – Angebot des Geschäftes zeigt veränderten Bedarf

100 Jahre Lücke: Ein Laden im Wandel

Hessisch Oldendorf (ah). Ein Foto des Zigarren-Spezial-Geschäftes Lücke aus dem Jahre 1925 ziert das aktuelle Blatt des Bildkalenders „Historische Ansichten aus Hessisch Oldendorf“. Der Fachmann in Sachen Stadtgeschichte, Buchhändler Bernd Stegemann, erzählt: „Inhaber Fritz Lücke, mein Großvater, war Zigarrenmacher und führte zuvor die Benditte Zigarrenfabrik in der Wallstraße, die im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges entstand.“ In jenen Jahren wird zeitgleich mit dem Anschluss an die Eisenbahn 1875 die Zuckerfabrik gebaut, Schuh- und Stuhlfabrik, Molkerei und Ziegelei nehmen den Betrieb auf. Bereits die erste Wirtschaftskrise um 1900 läutet das Aus für die Zigarrenfabrik ein. Fritz Lücke macht sich selbstständig und eröffnet 1912 den Laden in der Langen Straße 45. Dort bietet er neben Zigarren auch Musikinstrumente an.

veröffentlicht am 17.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:21 Uhr

270_008_5981494_lkho104_1711.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Mein Großvater war ein Vollblutmusiker und spielte in der Oldendorfer Stadtkapelle“, berichtet Bernd Stegemann. Der Erste Weltkrieg unterbricht die florierenden Geschäfte. Danach erweitert Fritz Lücke den Warenbestand um Zigaretten, Schreibwaren, Schallplatten, Taschenlampenbatterien und erstmals auch um Bücher. Unbeschadet übersteht das Zigarren-Spezial-Geschäft die Weltwirtschaftskrise, mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gibt es Zigaretten jedoch nur noch auf Bezugsschein und Bücher in Kriegsausgaben. Da alle wehrfähigen Männer im Krieg sind, steigt die Not in den Familien. Bernd Stegemann lernt seinen Vater, der in russische Kriegsgefangenschaft gerät, erst kennen, als er bereits zur Schule geht.

In der Stadt verändert sich das Leben nach Kriegsende durch den Zuzug Tausender Vertriebener aus Schlesien und Ostpreußen. Laut Betriebsstättenverzeichnis von 1948 gibt es Hunderte neuer Kleinbetriebe, die sich in das bestehende Gewerbe einfügen. „Die neuen Bewohner waren mit ihrem kreativen Fleiß ein Segen für die Stadt“, betont Bernd Stegemann.

Nachdem seine „sehr belesene Mutter“ vor der IHK in Hannover die entsprechenden Prüfungen bestand, bauen Stegemanns Eltern 1955 den alten Zigarrenladen zur Buchhandlung um. Dort können sich die Kunden auch Bücher ausleihen, besonders begehrt sind Western, Krimis und Liebesromane. „In einem kleinen Regal gab es die sogenannten guten Bücher, für die sich meine Mutter unermüdlich einsetzte“, erinnert sich Stegemann. Da in vielen Familien Hausmusik groß geschrieben wird, werden eine Zeitlang Klaviere zum Verkauf ausgestellt.

Das Fernsehprogramm setzt der Leihbücherei ein Ende, die Buchhandlung vertreibt vermehrt Bürobedarf und Schreibwaren für die vielen kleinen Geschäfte und Betriebe sowie Schulbücher. „Mit dem Motorrad besuchte mein Vater regelmäßig die Zwergschulen von Antendorf im Auetal bis Bremke im Extertal“, erzählt Stegemann.

Mit der Ankunft der niederländischen Nato-Garnison Anfang der 60er Jahre erlebt die Stadt einen, laut Bernd Stegemann, „kaum vorstellbaren Wohlstand“. Dennoch erfolgen erste Geschäftsschließungen im Zentrum, als im Westen ein großes Einkaufszentrum eröffnet. Nach dem Abzug der Holländer kommen Mitglieder der US-Airforce in die Stadt, verlassen sie aber mit der deutschen Wiedervereinigung wieder. Ehemalige DDR-Bürger und Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR ziehen in die leerstehenden Soldatenwohnungen ein und bescheren den Geschäften einen erneuten Aufschwung. Doch das Verbraucherverhalten ändert sich, günstige Preise ziehen Kunden in neue Discounter im Westen der Stadt, die Zahl der Leerstände in der Innenstadt wächst. „Es ist heute schwer, hier in der Langen Straße ein halbwegs gutes Auskommen zu haben“, meint Bernd Stegemann. Er und seine Frau planen, noch etwas durchzuhalten. „Wenn wir irgendwann aufhören, können wir sagen, wir haben unser Leben in der kleinen Buchhandlung mit Freude genossen“, erklärt der Buchhändler und fügt hinzu: „Wir sind überzeugt davon, dass sich mancher Kunde auch danach noch gerne an die besondere Atmosphäre bei uns erinnern wird.“

Elke und Bernd Stegemann vor ihrer Buchhandlung in der Langen Straße 45.

Foto: ah



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt