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Grundeigentümer wehren sich gegen Vorwürfe / Von Bereicherung könne keine Rede sein

Windkraft: Bauern sehen sich als Prügelknaben

Coppenbrügge (ist). „Egal, ob fünf oder fünfzig Windräder, wenn uns die Herrschaften in Berlin die Spargel aufzwingen und die Gemeinden dann mit ihren Problemen alleine lassen, sollte man vor Ort versuchen das Beste daraus zu machen, statt auf den Falschen rumzuprügeln.“ Henning Mund und Cord Bartling gehören zu den vermeintlich Geprügelten. „Wir lassen uns auch und gerade im Wahljahr nicht weiterhin verheizen! Weil wir uns im Dorf – wenn es denn so sein muss und wird – auch unter Windrädern die nächsten zehn Jahre noch gerade in die Augen gucken können wollen.“ Eben mal die Sachen packen und irgendwo anders hingehen, wenn der Wind schärfer wehe, sei noch nie Landwirtsart gewesen. Und daran werde sich nichts ändern, wenn – wie die Erfahrung der letzten Jahre lehrt und die Zukunft ankündige – zunehmend mehr Rotoren im Fleckengebiet kreiseln. Der Frust über die anhaltenden Vorwürfe gegenüber Bauern, die den Investoren Grundbesitz für den Bau von Windenergieanlagen verpachten, sitzt tief bei den Landwirten aus Herkensen und Hohnsen. „Wir kriegen die Spargel vor die Nase gesetzt, während sich die Landwirte daran bereichern, die Hände reiben und den großen Reibach eintüten – zulasten aller anderen Bürger.“ Was so oder in ähnlichem Wortlaut bei jeder Veranstaltung zum Thema Windenergieanlagen von Bürgerseite entrüstet auf den Tisch komme und weitverbreitete Meinung sei, sei schlichtweg falsch und Folge mangelnder Information – jedenfalls, wenn es um das ausgewiesene Vorranggebiet „Kastanien-Süd“ gehe. Wenn etwas Unerwünschtes nicht zu vermeiden sei, müsse man alles daransetzen, das Beste auszuhandeln; dann müsse es auch für die Gemeinde und das Gemeinwesen wirtschaftlich und profitabel sein. Das jedenfalls sei wichtiges Ziel der Vertragsverhandlungen einer Gemeinschaft von 32 Grundeigentümern gewesen, unter denen im Übrigen – neben beispielsweise auch der Kirche – nur zehn Bauern vertreten sind.

veröffentlicht am 02.02.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 17:41 Uhr

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Begonnen habe alles im Jahr 2008, als die SPD „in einer Nacht- und Nebelaktion“ geplante Vorranggebiete ins Internet gestellt hatte. „Da liefen bei uns die Telefone heiß und die Investoren rannten uns die Haustür ein“, erinnern sich Mund und Bartling, die für die Grundeigentümer „Kastanien-Süd“ sprechen. Gemeinsam habe man damals ein Auswahlverfahren gestartet, bei dem sich jeder Windkraftbetreiber vorstellte. Den Zuschlag bekam die Firma „Landwind“, die auch den Windpark in Oldendorf betreibt.

Kernpunkte der am Ende unterzeichneten Verträge: Erstens: Sitz der Gesellschaft (GmbH) und damit Gewerbesteuerstandort wird Coppenbrügge sein, um langfristig nicht nur 70, sondern 100 Prozent der Gewerbesteuer in der Gemeinde zu halten. Zweitens: Der Investor verpflichtet sich zu sozialem Engagement, indem ein bestimmter Prozentsatz der Ausschüttung jeder Anlage in soziale Vereine oder Einrichtungen fließt. „Das ist immerhin ein erklecklicher fünfstelliger Eurobetrag pro Jahr, der einer darbenden Gemeindekasse nicht unwillkommen sein sollte“, meint Mund und legt die unterzeichneten Verträge vor. „Wir haben das Ganze auch Bürgermeister Peschka und dem Bauausschuss vorgestellt und auf diesem Weg die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Aber eine Unterstützung gab es nicht. Eigentlich wurde immer nur gegen uns geschossen“, erinnert sich Bartling. „Argument: Es bleibt unter dem Strich nichts übrig!“ Dabei, so Mund, war 2008 bei damals noch zehn oder zwölf geplanten Anlagen in diesem Bereich, wenn auch nicht in den ersten Jahren, so doch langfristig ein Förderaufkommen von 350 000 Euro errechnet worden. „Wir wurden einfach abserviert, sind nicht an die Öffentlichkeit rangekommen und die Prügelknaben geblieben“, beklagt Mund, der, wie er sagt, sich jetzt bei der letzten Informationsveranstaltung der Interessengemeinschaft Ruhbrink endlich mal „outen“ musste. Mit Sicherheit würde jeder andere Bürger, der die Gelegenheit hätte, seine finanzielle Situation zu verbessern, ebenso handeln wie die Grundbesitzer an den „Kastanien-Süd“. „Aber wir tun es – wie vielleicht nicht jeder andere – mit Verantwortung und Rücksicht auf unsere Nachbarn, die uns am Herzen liegen. Und Millionäre, das sei ganz nebenbei versichert, werden wir dadurch nicht….“ Aktuell wird an der Gründung eines gemeinnützigen Vereins der Grundeigentümer im Bereich „Kastanien-Süd“ gearbeitet. Bürgermeister Hans-Ulrich Peschka zeigt sich außerordentlich überrascht von den Vorwürfen. Politik und Verwaltung hätten beste Gespräche mit den Landwirten und „Landwind“ geführt.

Die vorgestellte Planung zur Wertschöpfung vor Ort sei in ganz besonderem Maße begrüßt, im Rahmen der kommunalen Handhabe 1:1 in die Planung aufgenommen und auch in die Öffentlichkeit getragen worden. Die klare, eigentlich unmissverständliche Botschaft sei immer gewesen: „Wir stehen auf Ihrer Seite! Wir sind bei den Landwirten.“

„Die Investoren rannten uns die Haustür ein“: Henning Mund und Cord Bartling (re.). Fotos: ist
  • „Die Investoren rannten uns die Haustür ein“: Henning Mund und Cord Bartling (re.). Fotos: ist

„Wir kriegen die Spargel vor die Nase gesetzt, während sich die Landwirte die Hände reiben und den großen Reibach eintüten“ – solche und ähnliche Vorwürfe wehten den Landwirten, die ihre Grundstücke für die Windanlagen verpachten, regelmäßig entgegen.



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