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KGS-Schüler machen mit Initiative auf Schicksal einer Flüchtlingsfamilie aufmerksam

Wieder eine Heimat verlieren?

Salzhemmendorf. Es hätte ihr gut gehen können, der Familie Kraja. Familienvater Ghassan und Mutter Nsrin hatten eine eigene Zahnarztpraxis in ihrer Heimatstadt. Sie hatten ein wenig Geld auf der hohen Kante und ein Baby war unterwegs. Doch dann kam der Bürgerkrieg. Und mit ihm Tod und Zerstörung. Wenn die werdende Mutter ins Krankenhaus zur Ultraschalluntersuchung wollte, dann bot sich ihr ein Bild aus Verletzten und Sterbenden, die bereits vorm Krankenhaus warteten. Eine Notaufnahme gab es nicht mehr. Aus Angst um ihr Leben floh die Familie von der Stadt aufs Land. Aber der Krieg kam auch dorthin. Das neue Ziel sollte Europa sein. Das kannten sie vorher nicht, aber sie hatten Gutes gehört über Schweden. Dort wollten sie hin. Auf dem Schwarzmarkt tauschten sie ihr syrisches Geld in Dollar und fuhren ins Nachbarland Libanon, wo sie einen Schleuser teuer für das Versprechen bezahlten, sie in ihr Wunschland zu bringen. 60 000 Dollar bezahlten sie dafür.

veröffentlicht am 01.06.2015 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 14:41 Uhr

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Vom Libanon aus ging es direkt in die Türkei. Von dort sollte sie ein Flugzeug nach Schweden bringen. Doch beim Zwischenstopp am slowenischen Flughafen wurden sie aufgehalten. Statt mit seiner Familie weiter nach Skandinavien zu reisen, wurde Ghassan Kraja genötigt, dort einen Asylantrag zu stellen. Denn was die Familie vorher nicht wusste: Sobald sie europäischen Boden betreten, gilt für sie das Dublin-III-Abkommen. Demnach muss jeder Flüchtling in dem Land einen Asylantrag stellen, in dem er zuerst angekommen ist. Also wurde die Familie in ein Asylbewerberheim gebracht. Zu sechst teilten sich der Vater, die schwangere Mutter, drei Söhne und die jüngste Tochter ein Zimmer. Die Fenster waren vergittert, die Hygiene miserabel. Für Ghassan und seinen ältesten Sohn Marwan war sofort klar, dass sie an diesem Ort nicht bleiben werden. So flohen sie aus dem Asylbewerberheim.

Mit dem Taxi ging

es von Slowenien nach Mannheim

1200 Euro kostete sie die Taxifahrt. Seine Frau und die restlichen drei Kinder sollten nachkommen. „Es herrschte ein rauer Umgangston und ich hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können“, beschreibt sie die Situation im Heim. Dann nutzte auch sie die nächste Möglichkeit zur Flucht. Um keinen Verdacht zu erregen, ließ sie alle Habseligkeiten, die der Familie noch geblieben waren, in ihrem Zimmer zurück und stieg ebenfalls mit ihren Kindern in ein Taxi, so wie einst ihr Mann und ihr Sohn.

Wieder vereint fuhren sie gemeinsam mit der Bahn weiter nach Schweden. Dort lebten sie sich ein. Nsrin bekam medizinische Versorgung und Baby Malek kam zur Welt. Es war schön dort, wenn auch ein bisschen langweilig. „Wenig Menschen und um sieben Uhr abends waren schon alle im Bett“, erinnert sich Marwan. Die Kinder gingen zur Schule und in den Kindergarten, begannen Schwedisch zu lernen und fanden schnell Freunde. Marwan bringt seine Empfindungen auf den Punkt: „Es ist einfach, Freunde zu finden, aber schwer, sie wieder zu verlassen.

Immer wieder

drohte der Familie die Abschiebung

Nach einem Jahr und zwei Monaten drohte der Familie die Abschiebung aus Schweden zurück nach Slowenien. Zusammen beschlossen sie, ihr frisch aufgebautes Leben wieder hinter sich zu lassen und ins deutsche Friedland zu gehen. In der Nähe hat Nsrin einen Onkel. In Friedland stellten sie einen neuen Asylantrag für Deutschland. Die zuständige Behörde verteilt Asylbewerber möglichst homogen. So landete die Familie Kraja schließlich vor neun Monaten in Salzhemmendorf. Dort begannen sie von neuem, sich einzurichten, ein Leben aufzubauen. Wieder kamen die Kinder in neue Klassen. „Eines Tages stand Marwan vor unserer Klassentür. Aber er blieb nicht lange der Neue. Marwan und sein Bruder Mohamad haben sich keine Sekunde versteckt, deshalb war es selbstverständlich, sie auch in der Freizeit überall hin mitzunehmen. Wir alle finden es toll, dass sie nach so vielen Schicksalsschlägen noch so fröhlich sein können“, erzählt Mitschüler und Freund Dimitri Schulte-van Eeuwen. Mohamad und Abdul spielen sogar Fußball im hiesigen Verein. „Ich habe Abdul neulich beim Vorlesen in der Grundschule zugehört und fand, dass er sogar besser gelesen hat als manch deutsches Kind“, berichtet Jule Ehlers-Juhle. Die Osterwalderin unterstützt die Familie seit Februar ehrenamtlich. „Seitdem Jule da ist, habe ich endlich jemanden zum Reden gefunden und in ihr auch eine Freundin“, sagt Nsrin froh.

Von der Gemeinde werden sie, wie sie sagen, zwar gut unterstützt, aber eigentlich würden sie lieber heute als morgen selbst arbeiten gehen. Ghassan besucht deshalb Deutschkurse und hat auch schon bei einem deutschen Zahnarzt hospitiert. Das will er auch weiterhin machen. Seine syrischen Zertifikate anerkennen lassen und hier arbeiten. Wenn ihn die Behörden denn ließen. Denn momentan droht der Familie Kraja in Deutschland wieder das gleiche Schicksal wie in Schweden. Sie sollen zurück nach Slowenien. Doch dorthin wollen sie nicht. Die beiden ältesten Söhne besuchen in Salzhemmendorf das Gymnasium. Noch zwei Jahre, dann hätte Marwan sein Abitur. In Slowenien hätte er diese Chance nicht. Der ungewisse Status belastet die Familie. Der Ausländerbehörde sind nach Angaben des Landkreises die Hände gebunden. Einen Ermessenspielraum gegen EU-Regelungen gibt es nicht. Trotzdem hat die Familie die Hoffnung, doch noch bleiben zu dürfen. Um ihr dabei zu helfen und auf das Schicksal der Familie aufmerksam zu machen, haben einige Schüler der KGS eine Initiative gegründet. „Save Kraja“ – rettet die Familie Kraja. Was mit einer kleinen Gruppe bei Whatsapp startete, ist binnen kürzester Zeit eine Facebook-Gruppe mit über 800 Gefällt-mir-Angaben geworden. Die friedliche Demonstration der Schüler hat es bereits in die Zeitung (wir berichteten) und ins Radio geschafft. Und auch weitere Internetseiten beschäftigen sich bereits mit dem Schicksal der Familie. Warum die Schüler gerade der Familie Kraja helfen wollen? „Wir sehen sie schon gar nicht mehr als Flüchtlingsfamilie, sondern als Freunde, und Freunden versucht man zu helfen, wo man kann“, sagt Dimitri.ms

Sie wollen in Deutschland leben und arbeiten – doch sie dürfen nicht. Gut ausgebildete, integrationswillige Flüchtlingsfamilien lässt die EU-Bürokratie über Jahre im Ungewissen und lässt sie heimatlos. So ist es auch der Familie Kraja ergangen. Doch in Salzhemmendorf kämpft man jetzt für sie.



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