weather-image
10°
Pädagogen aus Peking sehen den Waldkindergarten und die Freie Schule als Vorbild

Wie Chinesen von Coppenbrügge lernen

COPPENBRÜGGE. Ungewöhnlicher Besuch in Coppenbrügge: 15 Pädagogen aus China sind gekommen, um den Waldkindergarten und die Freie Schule kennenzulernen – und als Vorbild zu nehmen. Hintergrund: Sie arbeiten eng mit den Hochschulen in Peking zusammen, entwickeln Schulungen sowie Programme im Bereich der Frühpädagogik.

veröffentlicht am 19.06.2016 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 12:45 Uhr

270_0900_2632_lkcs103_amg_2006.jpg

Autor:

Alda Maria Grüter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

. Diesen Vormittag verbringen die 14 Kinder, ihre Erzieherinnen Anne Gerhardt-Rodewald und Kim Rennemann mit weit gereisten Gästen. Im Waldkindergarten am Ith sind fünfzehn Pädagogen – Kitaträger, Kitaleitungen und Institutsangestellte – aus China zu Besuch. Nach zwei Stunden heißt es hinsetzen, Hände sauber machen, Tischspruch sprechen, Proviant auspacken, Essen und Quatschen – Frühstückspause auf Isomatten und matschig-weichem Waldboden. „Was war, als ich das Brötchen anrief?“, fragt Angelo. Ma Shuzi Yi lächelt, bewegt den Kopf hin und her, kichert. Und dem Sechsjährigen mit der grauen Zipfelmütze, der gerade den letzten Happen seiner mit selbst gemachter Bärlauchbutter bestrichenen Stulle herunterschluckt, gibt die Frau aus Peking eine wort- und gestenreiche Antwort. Natürlich in ihrer eigenen Sprache.

Dass „ni hao“ „guten Tag“ auf Chinesisch heißt, das haben Angelo und die anderen Jungen und Mädchen während der Vorbereitungsprojekte zwar gelernt. Aber darüber hinaus versteht Angelo kein Wort Chinesisch. Und weil auch er wiederum davon ausgeht, dass auch die Pädagogin Ma Shuzi Yi keinen blassen Schimmer davon hat, wovon die Rede ist, löst er das Rätsel: „Ich rief an… Aber das Brötchen war belegt!“ Wieder lacht Ma Shuzi Yi, strahlt entzückt über das ganze Gesicht, erzählt etwas auf Chinesisch, Angelo antwortet auf Deutsch. Ma Shuzi Yi zeigt dem Jungen ihre Handy-Fotos, bewundert den dunkelgrauen Baumpilz, den sie zuvor im Wald gefunden haben. Munter gehen die deutsch-chinesischen Dialoge weiter, Kinder und Gäste reden und reden. Die Chinesen singen, verteilen kleine Geschenke an die Kinder, zücken Handys und Kameras und Block und Stift für ihre Notizen.

Keiner spricht und versteht der anderen Sprache, macht aber nichts. Die Kommunikation zwischen den Kindern und der Delegation aus China funktioniert trotzdem. Und für Klarheit beim Austausch von Informationen sorgt der Dolmetscher Wang Di vom Feifeitu Institut, der in Deutschland studiert hat und hier lebt. Wang Di begleitet die Gruppe aus China auf der von der Firma CEAPTUS und dem Feifeitu Institut für Technik, Bildung und Forschung veranstalteten Reise, mit Etappen unter anderem in pädagogischen Einrichtungen in Schleswig-Holstein und Coppenbrügge.

270_0900_2633_lkcs104_amg_2006.jpg

„Sie arbeiten eng mit den Hochschulen in Peking zusammen, entwickeln Schulungen sowie Programme im Bereich der Frühpädagogik und schauen sich verschiedene Projekte in Deutschland an“, erläutert Ute Schulte-Ostermann vom Vorstand des Bundesverbandes der Natur- und Waldkindergärten.

Über den Verband sei der Kontakt zum Waldkindergarten am Ith zustande gekommen. Und die Chinesen, sie sind gerne aus der Megametropole Peking ins beschauliche Coppenbrügge gereist, um Einblicke in die praktische Arbeit des Waldkindergartens und der Freien Schule Weserbergland zu bekommen. Persönlich und hautnah erleben sie das Konzept des Waldkindergartens.

In der Freien Schule informiert die Geschäftsführerin Sandra Richards die Gäste, führt sie durch die Räume, erläutert die pädagogischen Grundsätze und berichtet vom Schulalltag. Die Resonanz ist geradezu überwältigend: Wang Di spricht von „Musterbeispielen“, lobt beide Einrichtung, deren pädagogische Ansätze, den „Rundum-Blick, die Verschiedenartigkeit und Vielschichtigkeit der pädagogischen Angebote, das projektorientierte Arbeiten, den Bezug zur Natur“.

In China seien Kindergärten teuer und rar, noch immer von der Leistungsschulung geprägt und die Ausbildung der Pädagogen nicht zeitgemäß. Allerdings finde nun ein Umbruch, eine Umstrukturierung statt. Neue Richtlinien der Regierung zielten darauf ab, nicht wie früher reines Wissen zu vermitteln, sondern vielmehr das Kind in den Vordergrund zu stellen, seine Fähigkeiten zu fördern. Entsprechend werde eine qualitativ bessere Ausbildung der Pädagogen angestrebt.

Amy, die junge Pädagogin, die in Peking zwei Einrichtung mit jeweils 25 und 278 Kindern leitet, sagt, sie bewundere, dass den Kindern im Waldkindergarten und in der freien Schule Raum und Zeit gegeben werde, selbstständig und selbstbestimmt, durch kreative Aktivitäten, auch im Freien, durch Sinneswahrnehmung zu lernen. Auch wie die Kinder in der Lage seien, ein Problem zu diskutieren, es durch Kommunikation und Ausprobieren zu lösen. Weiter lobt sie das ausgeprägte Sozialverhalten, das sie im Laufe des Vormittages bei den Kindergarten- und Schulkindern beobachtet hat. In Coppenbrügge, sagt die 25-Jährige, habe sie viele innovative Ideen gesammelt, die sie in ihrer Heimatstadt umsetzen möchte.

Auch wenn eine Einrichtung wie der Waldkindergarten am Ith in dieser Form in Peking nicht möglich sei, es gehe um die Grundsätze. Da sei Deutschland pädagogisch betrachtet, ein Vorbild: „Um etwas zu lernen, dafür sind wir hergekommen.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt