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Tanja Flügel verleiht Scherben neue Gesichter und kritisiert so die Gesellschaft

Werte schaffen

Thüste. „Ohne die Wegwerfmentalität in unserer Gesellschaft gäbe es meine Kunst gar nicht“, sagt Tanja Flügel. Die Künstlerin aus Thüste macht Skulpturen und Bilder aus Dingen, die für die meisten Menschen wertlos sind – oder es mit dem Wandel der Zeit geworden sind. Aus alten Stücken kreiert sie neue Skulpturen, aus Tellern Schafe, aus Sektflaschen Haare.

veröffentlicht am 26.10.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:54 Uhr

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Autor:

von maike lina schaper
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Porzellan, das einst Großmutters ganzer Stolz war, ist heutzutage für die übernächste Generation schon komplett wertlos. Wohin damit? Schließlich wird man durch die Werbung dazu angeregt, sich ein Geschirrset für den Sommer zu kaufen, eins für den Winter oder einfach nur ein neues, weil gerade Eulen- statt Jagdmotive in Mode sind.

Vor Tanja Flügels Werkraum in Thüste warten alte Kaffeekannen darauf, von ihr zu etwas Neuem gemacht zu werden – etwas mit Wert. Vieles an Geschirr bekommt sie geschenkt, anderes holt sie sich bei einem Haushaltsauflöser. An einer der Kaffeekannen im Regal vor ihrem Werkraum steht sogar noch der Preis: Knapp 50 DM hat die alte Besitzerin seinerzeit dafür bezahlt. Nie benutzt wird Flügel sie bald mit dem Hammer in Scherben schlagen. Kleine Einzelteile, die dann etwas Neues ergeben. Zumindest, sobald Flügel etwas einfällt, was sie aus der Kanne machen kann. Denn mit ihrer Kunst will sie stets etwas ausdrücken. Schnöde Mosaikkugeln für den Garten mit vorgefertigten Teilchen zu kleben, das ist nicht ihr Ding. „Jedes Stück Porzellan, jede Fliese hat eine eigene Struktur und Farbe. Selbst die Kaffeekannen haben nicht das gleiche Weiß. Ich arbeite mit dem Material, das mir zur Verfügung steht“, beschreibt Flügel. „Ein Maler kann sich seine Farben anmischen, wie er sie braucht. Das kann ich nicht. Aber das macht es für mich gerade spannend.“

Was am Ende dabei heraus kommt, begeisterte zuletzt in Marienau bei einer Ausstellung der Künstlergemeinschaft Artes Wesera, bei der Flügel Mitglied ist, viele der kunstinteressierten Besucher. „Heutzutage werden Werte in Geld und Zeit gemessen. Für mich ist es schon Wertschätzung, wenn die Leute mit mir über meine Kunst reden, mich fragen, was denn da verarbeitet sei und ich ihnen einfach antworten kann: Das ist ein Gurkenglas. Die meisten staunen dann nicht schlecht. Heutzutage muss alles schnell und effizient sein, Mosaik ist das gerade nicht.“ Für Flügel gehört es zur Kunst dazu, dass sie sich auf die Gesellschaft bezieht, dass sie hinsieht. Die Softwareentwicklerin aus Thüste kann Stunden in ihrer Werkstatt verbringen. „Meist merke ich nur anhand der Spiellänge meiner CDs, wie lange ich wieder gearbeitet habe.“ Eigentlich hatte Flügel mal den Plan gefasst Kunst zu studieren, dann sind es aber doch Wirtschaftswissenschaft und Informationsmanagement geworden. Besonderes Augenmerk lag aber damals schon auf dem ganzheitlichen Lebenszyklus von Produkten. Flügel hat sich im Studium selbst die Frage stellt, wie man die Nutzungsdauer eines Produkts verlängern kann, statt es nach einer bestimmten Zeit schlicht wegzuwerfen – wie muss etwas designt werden, damit sich eine Wiederverwertung lohnt. Die Materialien für Flügels Kunstwerke sind nicht nur Teller und Kannen. Wenn es in ihr Konzept passt, sammelt sie auch Steine vom Thüster Berg, benutzt Christbaumkugeln oder zerbrochene Spiegel. Die meisten ihrer Figuren entstehen aus Kaninchendraht. Darüber kommt eine Glasfasermatte, die sie in Rollen im Internet bestellt. Darauf folgt eine Betonschicht, was Flügels Kunstwerke alles andere als leicht macht. Auf dem Beton werden die Stücke von Fliesen, Glas mit Fliesenkleber befestigt. Hinterher wird alles verfugt und saubergewischt. „Beim Modellieren meiner Figuren muss ich am Anfang immer im Hinterkopf behalten, dass durch den Beton und die Scherben-Teile immer noch dicke Schichten dazukommen. Da ist es besonders schwierig, wenn ich filigran arbeiten will.“

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Mit ihren Skulpturen schafft es die Künstlerin, Schönes aus Wertlosem zu erschaffen. Damit hält Tanja Flügel der verschwendungssüchtigen Gesellschaft auf beeindruckende und schöne Weise einen Spiegel vor. Für sie sind Scherben mehr als nur Abfall. In ihnen stecken Erinnerungen, sie erzählen Geschichten. Der Teller mit Blümchenmuster mag aus der Mode gekommen sein, aber als Skulptur kann er für seinen neuen Besitzer wieder wertvoll sein.

Künstlerin Tanja Flügel und ein paar ihrer Werke. Aus wertlosen Scherben macht sie faszinierende Skulpturen.(ms3)

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