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Mit Schalk im Blick und viel Herz: Lindner-Zwillinge ernten Beifallssturm

Wenn Vorlesen zum Vergnügen wird

Brünnighausen. „Das 38-prozentige Zwetschgenwasser hatte in seinem leeren Magen eine sofortige Wirkung verursacht und seine physikalische Bodenhaftung empfindlich verringert. Er brauchte nun alle Konzentration, um beim Gehen unkontrollierte Schlenker zu vermeiden – was ihm nicht durchweg gelang …“ Herfried ist kein Mann, der die (unangenehmen) Dinge des Lebens auf die leichte Schulter nimmt; er guckt hin und leidet bis in die letzte Konsequenz, wo andere längst abgedreht und abgehakt hätten.

veröffentlicht am 26.09.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 05:41 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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Vorlesen ist nicht jedermanns Passion, Zuhören auch nicht. Jedoch, wenn es um Herfried geht, wird dieses wie jenes zu einem besonderen Vergnügen mit unerwarteten Erkenntnissen. Ad eins: Gute Autoren müssen nicht immer nur mittelmäßige Vorleser sein. Und ad zwei: Die Provinz mag nicht der Nabel pulsierenden Lebens sein, aber Literatur wird gerade hier immer noch gepflegt und auch geschaffen.

Jens Lindner („ich hätte lieber etwas vorgetanzt“) las gemeinsam mit Zwillingsbruder Mathias (beide 52) aus seinem Erstlingsroman „Der Briefkasten“. Und nur zu Beginn der Lesung bei Ariane und Jens Eggers in Brünnighausen gelingt es den Zuhörern in der großen Bauernhausdiele, lauthals begeisterte Juchzer hinter amüsiertem Gekicher mit Rücksicht auf die beiden Vorleser zu unterdrücken – die sowohl die Stimmungsdisposition des Protagonisten Herfried wie auch jede Mundart und Tonlage vom gefisperten Koloratursopran bis zum bollernden Bass seiner Begegnungen haarscharf treffen.

„Wir hatten in nahezu zwei Jahrzehnten ‚Unser Dorf liest‘ viele Autorenlesungen“, erinnert sich Heiner Stender. Die langjährige Spitzenposition in der Vortragsgüteklasse sei Peter Härtling mit diesem Abend nun deutlich los, aber der habe ja auch keinen Zwilling dabei gehabt. „Opa öffnete wie auf Knopfdruck die Augen und starrte den von seinem Enkel hochgehaltenen Bananen direkt ins Gesicht (...), biss wieder zu beziehungsweise (...) lud frische ‚Belunda‘ nach. Herfried sah dann meistens weg, denn mit der Abtrennung eines weiteren Stückes Banane führte Opa anschaulich vor, dass Mundhöhle und Darmausgang in gewisser unappetitlicher Verwandtschaft standen …“ Da ist Schluss mit dezentem Gekicher – „Klasse, fantastisch, sensationell. Das hätte ich von denen nie erwartet. Genau so waren die früher schon.“ Der dreifache Lindner, die Zwillinge Jens und Mathias sowie Claus (53), Illustrator des Romans, der heute im Publikum sitzt, ein Gesicht wie das andere, jedes mit dem gleichen Schalk in den Augen, die langen Haare mehr oder weniger gewellt bis strähnig, ist bekannt im Dorf. Rund 20 Jahre lang hatten sie im vorigen Jahrhundert in Brünnighausen gelebt. Jetzt gab es ein Déjà-vu und gleichzeitig eine Premiere: Gute Literatur aus aller Welt komme bei „Unser Dorf liest“, bei aller Bescheidenheit, durchaus öfter vor, stellt Stender fest, und da sei auch „Der Briefkasten“ sehr gut aufgehoben. „Denn wie der Jens seinen Herfried und mit ihm den Leser derart leichtfüßig und vergnüglich und mit ganz viel Herz durch makabre und skurrile, aber ganz alltägliche Situationen und Albträume führt, das ist sensationell!“ „Der Briefkasten“ werde zweifellos Weihnachtsrenner über seinen Büchertresen.

Empfohlen wird ein begleitender Gutschein für einen WC-Besuch beim Weihnachtsshopping in einer Hamburger C&A-Filiale: „Der Briefkasten“, dort hinter verschlossener Tür gelesen, musikalisch begleitet von der unverwechselbaren und einmaligen Shirley Bassey oder der Maria Callas der Klofrauen, Cousine Steffi Ansul-Weissner, die an diesem Abend für zusätzliche Beifallsstürme sorgte – einmalig!



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