weather-image
140-jährige Burgkastanie gefällt

Warum Zwiesel für Bäume gefährlich sind

Coppenbrügge. Ein Zwiesel wie dieser sei das ultimative Todesurteil für die Kastanie, stellt Thomas Henjes, Landschaftsgärtner, Großbaumkletterer und Unternehmer (Firma „baumArt“) aus Lüntorf fest, während sein Kollege Michael Sonderfeld aus Sankt Andreasberg (Firma „Baumsteiger“) durch die mächtige Krone hoch über dem Burgwall balanciert, ein übers andere Mal die Motorsäge aufheulen und kräftiges Astwerk zu Boden krachen lässt. An die 30 Höhenmeter Baum und 140 lange Jahre Baumleben an der Spiegelburg sind in nur anderthalb Tagen geteilt und zerstückelt, die Kastanie vollends niedergemacht worden. Wie oft sie die Säge am Ende insgesamt angesetzt haben werden? „Etliche hundert Male“, brüllt Henjes durch den Motorenlärm, „schwer zu schätzen.“ Dann plötzlich Stille, ein unüberhörbarer Ruf „Achtung!“ und wieder donnert ein mächtiger Ast zu Boden, bleibt wie ein gut geschleuderter Speer im Burgwall stecken. Kurze Sägepause und Gelegenheit zu Frage und Antwort nach dem Warum und jenem gefährlichen Zwiesel. „Da ist das Problem“, erklärt Henjes. In etwa vier Meter Stammhöhe steckt er eine Handsäge bis zum Schaft in eine noch schmale, tiefe Einkerbung im Stamm. Eine derartige Abgabelung (Zwiesel), wo sich ein Ast zu einem zweiten Stamm entwickele, sei an sich nichts Ungewöhnliches oder grundsätzlich Gefährliches (Der Baumkletterer deutet auf die gegenüber stehende Peterlinde, bei der dergleichen mit Ketten gesichert ist). Im Falle der Kastanie handele es sich jedoch um einen „Offenen Zwiesel“. Heißt: Die beiden Holzkörper haben nur an einer Stelle eine kleine und instabile Verbindung. Das birgt die Gefahr des Auseinanderklaffens und in der Folge, wenn nicht schon jetzt, das Eindringen von Fäulnis. „Der Stamm, der von außen für den Laien ganz gesund aussieht, wird höchstwahrscheinlich schon hohl sein“, mutmaßt Henjes. „Da kann man nichts machen, da ist Gefahr im Verzug. Die Kastanie muss weg, bevor sie unkontrolliert fällt!“ Was Problem Nummer zwei bedeutet: Aufgrund der Nähe zu den umliegenden Häusern, des Burgwallgefälles und der engen Zuwegungen sei gleichwohl erstens ein Fällen „im Ganzen“, was der Verkehrssicherungspflicht entspräche, ausgeschlossen; zweitens sei ein Hubsteigereinsatz gar nicht möglich. Ein typischer Fall für Baumkletterer also, die mit Steigeisen, Gurten, Helm und Motorsäge dort hinaufkraxeln, wo der Hubsteiger nicht hinkomme, erklärt der Lüntorfer. Die Kletterer würden den Baum von der Krone zum Stammfuß abwärts Stück für Stück abtragen. Die Art Männer, schmunzelt Henjes, denen als Junge schon kein Baum zu hoch war – die über „grüne Berufe“ zum ausgebildeten Baumkletterer wurden, ihren Beruf nicht als Job, sondern als Berufung mit Verantwortung sehen. „Und die zehnmal lieber eine Kastanie retten würden, als sie zu fällen. Was 140 Jahre gebraucht hat, um so mächtig zu werden, das legt man nicht gerne um.“ Wie dringlich ihr Einsatz mit Steigeisen und Motorsäge gleichwohl in diesem Fall war, zeigt sich am Ende, als aus dem stattlichen Baum Kleinholz geworden ist. Der Stamm ist in der Tat bereits durch und durch faulig und hohl. Bauamtsleiter Jürgen Krückeberg atmet tief durch: „Gut, dass wir nicht gezögert haben, gut, dass wir uns einen kommunalen Baumkontrolleur leisten.“ Alexander Saffer hatte auf das Problem aufmerksam gemacht. „Das hätte am Ende schlimm für Burgbesucher oder benachbarte Wohnhäuser ausgehen können.“

veröffentlicht am 04.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 02:41 Uhr

270_008_7542794_lkcs101_0411.jpg

Autor:

Ingrid Stenzel
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

270_008_7542795_lkcs102_0411.jpg
  • Der Zwiesel (Einkerbung), wo sich ein Ast zu einem zweiten Stamm entwickelt, sieht nur äußerlich gesund aus, zeigt Thomas Henjes.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare