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Die Einwohner von Harderode kommen gern ins Erzählen – und schwärmen von ihrem Dorf

Von Naturgewalten und Heimatidylle

HARDERODE. Ein Glückstreffer? Alles eine Frage der Betrachtung. Mitten auf dem Acker landet der Pfeil zum Auftakt der Dewezet-Sommerserie auf der Landkarte – zwischen dem Naturschutzgebiet Ith und Rebenstein.

veröffentlicht am 03.07.2018 um 08:25 Uhr
aktualisiert am 09.08.2018 um 10:47 Uhr

Christian Branahl

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Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Bei 25 440 des 79 615 Hektar großen Kreisgebietes handelt es sich um Waldgebiete. Mehr als ein Drittel als grüne Lunge. Viele Wanderer dürften nicht unterwegs sein, um ins Gespräch zu kommen. Dann also doch lieber einen Acker als Ausgangspunkt. Der erste bekannte Name nahe dem Einstichloch des Wurfpfeils: Ilse. Friedlich, so lange sie in ihrem Bett bleibt.

Dem Bachbett. Kaum vorstellbar, dass dieses Gewässer, das oberhalb von Harderode der Quelle entspringt, auf dem zehn Kilometer langen Verlauf bis zur Weser bei Starkregen einige Dörfer in den vergangenen Jahren flutete. Wie in Harderode. „Da war richtig Panik“, erzählt Peter Stockmanns, an dessen Haus sich die Ilse und der Bach Harderode vereinigen. An seinem Haus zeigt der 76-Jährige die Markierung, bis wo der Schlamm 40 Zentimeter hoch stand. Innerhalb weniger Jahre erlebte das Dorf mehrfach Starkregen: 2007, 2008, 2010. Das brennt sich ins Gedächtnis ein. Friedel Bönig, damals Ortsbrandmeister, spricht von einem „Horror“. Von der anderen Seite des Iths ergossen sich ebenfalls die Wassermassen nach unten. „Bis zum Bauch habe ich im Wasser gestanden“, sagt er. „Wer das mitgemacht hat, vergisst das nicht mehr.“ Inzwischen sollen Regenrückhaltebecken die Sicherheit erhöhen. „Bislang mussten sie noch keine Bewährungsprobe bestehen“, sagt Bönig. „Zum Glück.“

Derzeit bleibt der Oberlauf der Ilse nahezu trocken. Kaum Niederschläge. „Die Wetterextreme machen uns zu schaffen“, nennt Hubertus von Blum neben der Marktentwicklung als größtes Problem der Landwirtschaft. Der 59-jährige studierte Landwirt übernahm 1993 den Familienbetrieb von Haus Harderode, quasi einen Steinwurf von der Stelle entfernt, an dem der Pfeil auf der Landkarte steckenblieb. Am Fuß des Iths lagern große Mengen Baumstämme. Sturmschäden vom Januar, sagt von Blum, der mit Land- und Forstwirtschaft die Familientradition fortsetzt. Sein Urgroßvater war es, der 1899 das Anwesen erwarb. Viele gemalte Porträts aus der Familie bestimmen das Ambiente des Gutsgebäudes.

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Originell: Pascale Thürmer zeigt die Trödel-Sammlung. Foto: Dana

„Ein ständiges Auf und Ab“, berichtet der Landwirt und passionierte Jäger über die wirtschaftliche Situation.

Und neben der Tradition, die verpflichte, schätzt der Landwirt die Abgeschiedenheit. Nur die Wochenenden in den Sommermonaten rauben dem Rittergut die Idylle und den Bewohnern des Gebäudeensembles die Ruhe. Motorräder in unvorstellbarer Zahl kommen über den Ith – mit hohem Tempo und unbeschreiblicher Lärmkulisse, wie das Ehepaar Susanne und Hubertus von Blum beklagt. „Wir verlieren an Lebensqualität“, sagt der Landwirt.

Einer der Mieter auf dem Rittergut heißt Jörn Barnhusen, der mit seiner Lebensgefährtin dort wohnt. Na klar. Die Motorräder entwickelten sich zum Problem, erzählt der 44-Jährige, der aus Elze zugezogen ist. Doch außerhalb der Saison schätze er das Leben dort. „Man muss es mögen“, schränkt er ein. Aber Barnhusen weiß über die Nachfrage von Wohnraum: „Früher wollte keiner hierher – heute kloppen sie sich darum.“

Mein Herz und viele wunderbare Erinnerungen hängen an Harderode.

Alina Schmidt, Sängerin „96 – alte Liebe“

Das Ruhige, die Natur – für Peter Stockmanns unschlagbare Vorteile von Harderode. Noch einmal will er nicht Opfer von Starkregen werden, weshalb der gelernte Dachdecker im Ruhestand das Wohnhaus längst gegen Sturzbäche gesichert hat. Rund ums Haus zeigt der Hobbyschnitzer einige Holzarbeiten, die von ihm stammen. Als vor einigen Jahren ein paar Meter weiter ein Spielplatz entstand, war seine fachliche Unterstützung gefragt. „Ein Haufen Arbeit“, sagt Stockmanns. „Aber die Kinder danken es.“

„Eine richtige Pampers-Liga gibt es hier“, lacht Friedel Bönig. Familiär sei es hier, erzählt der frühere Ortsbrandmeister, der von einer intakten Dorfgemeinschaft spricht. Natürlich lasse das Vereinsleben nach. Der MGV aufgelöst, ebenso das Rote Kreuz. Letzte Amtshandlung des DRK war es, einen Defibrillator zu spenden, der nun am Feuerwehrhaus hängt. Ehefrau Christa zumindest hält die Aktivitäten der Landfrauen in Harderode hoch als Ortsvertrauensfrau des Bisperoder Vereins. Und auch nach seiner aktiven Zeit als Brandschützer bleibt der 72 Jahre alte Bönig ehrenamtlich aktiv – als Fahrer des Bürgerbusses.

Ein Gang durch das Dorf verrät: Hier bewegt sich viel. Nicht nur die Goldschmiedin Kathrin Herstelle hat dort ihre Werkstatt, auch der Biohof Vahlbruch gilt als Besonderheit, weil dort Vereinsmitglieder für einen monatlichen Betrag ihre Gemüsekiste erhalten. Einem Museum gleicht das Haus von Horst Busse, wo gerade Lebensgefährtin Pascale Thürmer Blumen pflanzt. Originell die Sammlung aus alten Öfen, Milchkannen, Gläsern oder Emailleschildern. Einen besonderen Schwerpunkt haben sie nicht für ihr gemeinsames Hobby, für das sie auf Trödelmärkten unterwegs sind. „Hauptsache originell“, lacht sie.

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Wenn es um die Dorfgeschichte geht, dann gilt Wilhelm Leweke als kompetenter Ansprechpartner in dem Ort mit 350 Einwohnern. Nach seiner aktiven Zeit als Landwirt widmete sich der frühere Kommunalpolitiker der Historie von Harderode. „Das ist meine Heimat“, sagt Lewecke. „Daran hänge ich.“ Ehefrau Sigrid Leweke erzählt von der Gegenwart. Viele junge Menschen würden nach Ausbildung oder Familiengründung wieder zurückkehren. Das sei nicht immer so gewesen. „Öd und leer“ habe sich das Ortsbild vor Jahren teilweise dargestellt. Das habe sich geändert, sieht Sigrid Leweke eine Trendwende. „Das belebt das Dorf.“

Als eine musikalische Botschafterin von Harderode gilt Alina Schmidt. „96 – alte Liebe“ sang sie vor gut zehn Jahren noch als Schülerin im Stadion Hannover. Derzeit lebt sie in Osnabrück. Ob und wann sich Alina wieder in Harderode lässt, bleibt offen. Dass ihre Emotionen mit dem Dorf verbunden sind, steht außer Zweifel. Sie meint: „Mein Herz und viele wunderbare Erinnerungen hängen daran.“



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