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Ahnenforschung mit ungeahnten Folgen: Australier finden am Ith ihre Familie

Von Canberra nach Thüste

THÜSTE/CANBERRA. Es war ein trister Februarmorgen vor vier Jahren, als Michael Meyer vor seiner Spätschicht in Thüste ans Telefon ging. Am anderen Ende der Telefonleitung fragte eine weibliche Stimme auf Englisch, ob die Familie Meyer aus Schlesien stammt. Schnell kam der Thüster mit Heide Andrikis aus Australien auf Englisch ins Gespräch und schließlich tauschte man Kontaktdaten aus.

veröffentlicht am 17.07.2018 um 11:59 Uhr
aktualisiert am 17.07.2018 um 17:10 Uhr

9. April 1944: Auf dem Foto sind die Männer Ernst Hoffmann, Ernst Meyer und Franz Meyer zu sehen. Foto: pr.
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Autor

Christian Göke Reporter
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Im Internet hatte Andrikis mit Michael und Gerhard zwei Einträge unter dem Namen Meyer im Telefonbuch gefunden. Heide Andrikis wollte zusammen mit ihrer Schwester in der australischen Hauptstadt Canberra herausfinden, wo ihre Familie ihre Wurzeln hat und so einen Stammbaum erstellen. Sie wusste, dass ihre Familie mütterlicherseits mit dem Namen Meyer aus Nerbotin, einem kleinen Ort in der Nähe von Bad Kudowa in Schlesien aus dem heutigen Polen stammt. Von ihrer Großmutter hatten sie ein altes Bild, wo neben ihrem Vater Ernst Hoffmann auch zwei unbekannte männliche Personen zu sehen sind. „Wir wussten nicht, wer die anderen Personen auf dem Bild sind. Weder in den Unterlagen meiner Großmutter, noch auf der Rückseite des Bildes waren irgendwelche Hinweise“, so Andrikis im Gespräch. Noch am Abend nach dem ersten Telefongespräch schrieb mit Gerhard Meyer der Vater von Michael Meyer eine erste E-Mail nach Canberra und bekam schnell eine Antwort.

Fortan schrieben die beiden jede Woche oder hielten über Skype oder Telefon Kontakt. Schnell stellte sich heraus, dass die Großmutter von Heide Andrikis und der Großvater von Gerhard Meyer Geschwister waren und die beiden so Großcousins sind. Auf dem besagten Bild waren mit Franz Meyer und Ernst Meyer die beiden Cousins von Andrikis‘ Vater zu sehen, die aber schon 1955 und 1956 verstorben waren und keine Auskunft zu der Familiengeschichte mehr geben konnten. Der ebenfalls wie Heide Andrikis 1953 geborene Gerhard Meyer wurde nach dem Tod seines Vaters Franz 1955 so von seiner Mutter alleine in Thüste großgezogen und dachte in den ersten Jahrzehnten seines Lebens zunächst nicht mehr groß an seine Familiengeschichte. Doch mit dem Kontakt nach Australien stieg auch Meyer konkret in die Ahnenforschung ein.

Aus Sicht seiner Enkel konnte Gerhard Meyer über die Jahre so zehn Generationen bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen und dokumentieren. Dies war unter anderem über die digitalisierten Kirchenbücher und erstellten Chroniken in der schlesischen Heimat im jetzigen Polen möglich, wo ein Chronist auch der Großcousine von Meyer die entscheidenden Hinweise gegeben hatte. 2016 bot Meyer dann seiner australischen Verwandtschaft an, dass sie bei ihrer geplanten Europareise Thüste als Basisstation nutzen könnten. Da zunächst die Resonanz beim Rest der herausgefundenen Familie nicht mehr so groß war, bot Meyer schließlich auch die Organisation der Reise in Deutschland und Polen an. So besuchte Meyer mit seinen vier australischen Verwandten nach der Ankunft am Münchener Flughafen auch schon touristische Glanzlichter wie etwa Neuschwanstein oder andere Verwandte in Etzenricht/Bayern. Nach weiteren Aufenthalten in Erfurt oder im Südharz kam es jetzt in Thüste zu einem Familientreffen mit 34 Personen aus ganz Deutschland, die extra aus Orten wie München, Frankfurt, Berlin, Ahlen oder Hamburg angereist waren.

Heide Andrikis und Gerhard Meyer haben das Familientreffen in Thüste organisiert. Foto: pr
  • Heide Andrikis und Gerhard Meyer haben das Familientreffen in Thüste organisiert. Foto: pr
Schulterschluss im Schatten: Gruppenfoto vom Familientreffen. Foto: pr
  • Schulterschluss im Schatten: Gruppenfoto vom Familientreffen. Foto: pr

Wenn die Angehörigen nicht direkt anreisten und abends wieder heimfuhren, nutzen einige Übernachtungsmöglichkeiten in Wallensen oder Duingen, um die Gegend um den Ith-Ort Thüste und die dortigen Verwandten kennenzulernen. Geplant ist auch noch ein Besuch der Geburtsstadt von Andrikis, Rheine, in Berlin sowie drei Tage als Höhepunkt ihrer Europareise in der ehemaligen schlesischen Heimat im Adlergebirge, wo sich vielleicht auch noch weitere Anhaltspunkte für die Ahnenforschung der Familie ergeben. Von den acht Geschwistern seines Großvaters konnte Meyer nur bei einem Bruder bisher keine weiteren Verwandten ausfindig machen. Es ist also durchaus noch möglich, dass noch weitere Verwandte in den nächsten Jahren bekannt werden.

Am 21. Juli fliegen die Australier mit schlesischen Wurzeln weiter nach Litauen, wo der Mann von Heide Andrikis seine Wurzeln hat. Sein Vater musste während des Dritten Reiches als Arbeitskraft in Wolfsburg arbeiten und wanderte nach dem Krieg ebenfalls nach Australien aus.

„Ich hätte nie gedacht, dass sich unsere Familiengeschichte mal so entwickelt. Das wird es so wohl so schnell kein zweites Mal geben“, so Meyer beeindruckt. Er selber will eventuell 2020 nach Australien reisen. Dann aber nicht nur für vier Wochen, sondern sogar sechs bis acht Wochen, um viele Eindrücke von diesem Land zu gewinnen. Dafür will Meyer sein Englisch noch deutlich verbessern, kann er doch derzeit nur einige Brocken dank dem Kontakt mit seiner Großcousine. Dank der Ahnenforschung hat Meyer mit seiner Frau Roswitha schon einige unvergessliche Momente erlebt, wenn er fremde Menschen auf einmal als Familie kennengelernt hat.

Auch Heide Andrikis genießt das Familienleben in Deutschland, da sie in Australien außer der eigenen und der Familie ihrer Mutter kaum noch weitere Verwandte hat. Der eigene Sohn wohnt zudem auch in Brisbane, was von Canberra doch gleich 1200 Kilometer weit entfernt ist.



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