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Christiane Hess mit ihrem Soloprogramm zu Gast in der Mosterei

Vom Frust im Götterhimmel

Ockensen (ist). Ein hochvergnügliches Theatererlebnis mit Verblüffendem und Urkomischem aus der Sagenwelt der norddeutschen Tiefebene war angekündigt und damit nicht zuviel versprochen worden: Schauspielerin Christiane Hess vom Theater am barg präsentierte im Scheunencafé der Mosterei Ockensen ihr Soloprogramm „Götter, Glocken, Gläubige – Sagen und Legenden aus dem Leinetal“ zur Apfelschorle und begeisterte rund 60 Zuschauer in nostalgischem Fachwerkambiente.

veröffentlicht am 25.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 09:41 Uhr

Barfüßige Solokünstlerin mit tausend Gesichtern: Christiane Hess
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„Kein Schwein ruft mehr an!“ Der Frust im germanischen Götterhimmel ist verständlich, ebenso wie nachdrucksvoll wütendes Fußaufstampfen und Krisensitzung. Es ist höchste Zeit, dass die Glocken „eins auf die Glocke kriegen“, wenn die ihr zunehmend nerviges Gebimmel in christlichen Kirchtürmen auf der Erde zur demonstrativen Glaubenssache machen, und deshalb die Telefone still bleiben an Odins Göttersitz Asgard. Wenn dann noch die abgestrafte Mandelsloher Glocke bei der Verbannung ins Exil eigene Wege fliegt, weil sie sich ihrer Jugendliebe Maria in Niedernstöcken erinnert, die Verflossene dann nach einigen Tagen gemeinsamen „Herumhängens“ gelangweilt unter jenem abgedroschenen Vorwand „Ich geh mal Zigaretten holen“ verlässt, sich dazu beschaffungskriminell des Opferstockes bedient und auf Nimmerwiedersehen im Boden versinkt – dann lehrt das, dass die einäugige germanische Weisheit Odins letztendlich nicht wirklich viel erfolgreicher war als die Ratlosigkeit der griechischen Götter, die im Krisenfall bekanntlich besoffen waren und hilflos den Olymp vollkotzten.

Die augenzwinkernde, -weinende und -wutsprühende Analyse auf Basis der nordischen Mythologie, wonach germanische Riesen und Zwerge im Gegeneinander – wenn auch nur aus purer Boshaftigkeit – den Grundstein zu innovativer Wirtschaftsförderung im Tourismusbereich legten, sorgte für eine leichte Gratwanderung zwischen Komik und Tragik: Ein mörderischer Riesenfußabdruck mit entsprechender Bodeneindellung soll seinerzeit durch Tränenflut gepeinigter Zwergenhinterbliebener zum Steinhuder Meer aufgefüllt worden sein – woran denken sollte, wer in diesem Sommer darin schwimmt oder segelt…

Gratwanderung ohne Chance auf emotionale Balance je nach Sensibilität des Zuschauers war schließlich jene Geschichte der Neustädter Stadtmauer, die nicht halten wollte: hinreißend getroffene Überzeichnung der erfolglosen holländischen, englischen und französischen Mentalität in der Kommunikation der EU-Baumeister trotz selbstverständlich über jeden Zweifel erhabene europäische Kompetenz. Erst das Einmauern eines Kindes unter Absegnung der Kirche gab schließlich Stabilität…

Sie sind Christiane Hess hoffnungslos unterlegen, die alten Sagen, phantasievoll, grausam und voller Wunder, die Unerklärliches erklären sollten. Sie sind Spielball wie eine Steilvorlage für die schier grenzenlose Palette von Mimik, Gestik, Körpersprache, Mundart, Wortwitz und Sprachakrobatik der barfüßigen Solokünstlerin mit den tausend Gesichtern, die im Sekundentakt wechseln, keine Requisiten brauchen und weit mehr als nur unter die Haut gehen. Ein Abend zum Ablachen? Ja, auch und nicht zu knapp, aber viel, viel mehr. Nicht zuletzt aufgrund des rein zufälligen Aktualitätsbezuges.



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