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Was das Leben in den Dörfern wieder lebenswerter machen kann / Veranstaltung der „Bürger für Bäntorf“

Viele Ideen werden zu Projekten

BÄNTORF/FLEGESSEN. Es ist eine bundesweit beachtete dörfliche Kultur, die in den drei Sünteldörfern Flegessen, Hasperde und Klein Süntel gelebt wird. Könnte sie Vorbild auch für Dörfer des Fleckens Coppenbrügge und andere Orte sein? Der Verein „Bürger für Bäntorf“ hatte am Dienstagabend einen der Initiatoren der Dorfkultur der Sünteldörfer, Henning Austmann, zum Vortrag eingeladen, um Vereinsmitgliedern und Bewohnern der Orte rund um Bäntorf schildern zu lassen, was das Besondere an der Dorfkultur am Süntel ist.

veröffentlicht am 29.08.2018 um 18:43 Uhr

„In der Ideenwerkstatt war es erlaubt, einfach auch nur herumzuspinnen.“ Henning Austmann, Mitinitiator der Ideenwerkstatt
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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Im Rahmen seines Vortrags ging Austmann der Frage nach, wie sich die globalen Herausforderungen mit einem lokalen, positiv-konstruktiven Geist des Anpackens bewältigen ließen und konfrontierte die Gäste zunächst mit den aus seiner und der Sicht vieler Wissenschaftler existenziell bedrohlichen Konsequenzen des nicht-nachhaltigen Lebensstils der Menschen. Mithilfe eines Blattes ließ er die Gäste der Veranstaltung ihren ökologischen Fußabdruck berechnen und brachte sie zu der erschreckenden Erkenntnis: „Würden alle Menschen so konsumieren wie die Deutschen, bräuchten wir drei Planeten Erde.“

Die fortschreitende Erderwärmung, das Artensterben und die Abhängigkeit unserer Gesellschaft von der absehbar endlichen fossilen Energie erfordern laut Austmann einen drastischen Wandel unserer Lebensstile. Einen Wandel, den er glaubt, zumindest in den drei Sünteldörfern, gemeinsam mit vielen anderen Bewohnern der Orte eingeleitet zu haben. An etlichen Beispielen zeigte Austmann in seinem gleichermaßen informativen wie unterhaltsamen Vortrag, was bürgerschaftliches Engagement in Dörfern zu leisten vermag, wenn sich die Menschen zusammentun und sich für selbst erdachte Ideen und Projekte begeistern lassen.

Ausgangspunkt des Wandels in Flegessen, Hasperde und Klein Süntel sei vor etlichen Jahren die angedrohte Schließung der Grundschule gewesen, berichtete Austmann. Der dagegen aufgebaute und letztlich erfolgreiche Protest habe zu einer Initialzündung geführt, nicht nur die Schule am Ort halten zu wollen, sondern den drei Dörfern mit ihren intakten Dorfgemeinschaften mittels einer „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ neues Leben einzuhauchen. „In der Ideenwerkstatt war es erlaubt, einfach auch nur herumzuspinnen“, berichtete Austmann den gespannt lauschenden Zuhörern.

Keine Idee sei von vornherein verworfen worden. „Aus vielen Idee entwickelten sich relativ schnell ganz konkrete Projekte, für die sich kleine Projektgruppen begeisterten“, schilderte Austmann das sich entwickelnde Engagement.

Ob Bücherschrank oder Waldkindergarten, neue Mobilitätsstrukturen mit Car-Sharing, Repair-Café im Schützenhaus oder gemeinsame Nutzung von Rasenmähern, Kreissäge oder Bohrmaschinen – alles habe zu einer neuen Gemeinsamkeit geführt. Und seit es die Ideenwerkstatt mit mehr als hundert Teilnehmern gegeben habe, grüßten sich die Menschen auch wieder mehr auf den Straßen. „Man kennt sich jetzt eben und weiß, wer sich wofür engagiert.“

Als ein herausragendes, und das vielleicht wichtigste Projekt nannte Austmann den neuen Dorfladen, der einem Supermarkt durchaus Konkurrenz machen könne, in dem aber keine Produkte angeboten würden, die es im Ort an anderer Stelle gebe. „Dort gibt es zum Beispiel kein Brot, weil wir noch einen Bäcker im Ort haben“, machte Austmann deutlich, wie das komplett ehrenamtliche Engagement auch die Interessen der dörflichen Infrastruktur berücksichtige. Eine Besonderheit aller Projekte sei gewesen, dass sie komplett ohne öffentliche Fördergelder verwirklicht worden seien.

Das habe jetzt dazu geführt, dass die Landesregierung, die das modellartige Projekt bürgerschaftlichen Engagements genau beobachte, im neuen Dorferneuerungsprogramm in den ersten beiden Jahren der Umsetzung keine Fördergelder mehr zur Verfügung stelle. Stattdessen werde erwartet, dass innerhalb dieses Zeitraumes die Bürger wieder verstärkt miteinander ins Gespräch kämen und Ideen entwickelten, wie das dörfliche Leben wieder lebenswerter werden könne.

Wichtig ist Austmann, dass er und seine Mitstreiter sich nicht anmaßen, allzu konkrete Empfehlungen für andere Dörfer zu geben. „Wir glauben ja gerade daran, dass die besten Experten zur Gestaltung der Dörfer in den Dörfern selbst wohnen. Was wir empfehlen, ist möglichst viele Menschen bei der Planung mitzunehmen, vorhandene Ressourcen zu nutzen und viel miteinander zu feiern.“



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