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Schüler der KGS lernen im Rahmen des Comenius-Projektes, Vorurteile zu überwinden

Toleranz üben im Multi-Kulti-Staat

Salzhemmendorf. Ein gewalttätiger Überfall auf einen Spaziergänger im Stadtpark. Das Opfer liegt reglos am Boden, zahlreiche Passanten ziehen vorüber, ohne einzugreifen. Bis Erste Hilfe geleistet wird, dauert es. Der Täter: ein Ausländer, wird gemunkelt. In einem Bus geraten Migranten und Deutsche aneinander, in einem anderen wird eine Gruppe Türkinnen mit Kopftüchern angepöbelt, beim späteren Unfall sind es die Angepöbelten, die zuerst helfen. Gespräche folgen, „sorry“, Dankbarkeit.

veröffentlicht am 11.09.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 05:21 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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Es sind Szenen wie diese, Szenen über das Mit- und Gegeneinander in unserer vielfältigen Gesellschaft, die sich tagtäglich irgendwo in diesem Lande abspielen. Nicht immer enden sie so versöhnlich wie im Falle des fiktiven Busunfalls, den eine Gruppe aus 55 ungarischen und deutschen Schülern im Alter von 12 bis 18 Jahren im Forum der KGS Salzhemmendorf auf die Bühne bringt. Er ist nur eine von mehreren kleineren Bühnenszenen, die die Schüler gemeinsam erarbeiteten, arrangierten und nun auch präsentieren – allesamt an Alltagserfahrungen angelehnt, nah dran am tatsächlichen Geschehen, aber dennoch fiktiv.

An den im Foyer der Schule aufgestellten Stellwänden lassen sich parallel dazu Geburtstags-Klappkarten bewundern. Darin zu lesen sind Vorurteile, keine Glückwünsche: „Amerikaner sind dick durch Fast Food, Deutsche immer pünktlich, Engländer trinken nur Tee, Polen stehlen“. Dabei ist es durchaus möglich, miteinander in Toleranz und ohne Vorurteile zu leben, das bestätigt jeder der 55 Haupt-, Real- und Gymnasialschüler, egal, wen man fragt. Man müsse aufeinander zugehen, voneinander wissen und lernen, um zu verstehen. Reden funktioniere auch ohne gemeinsame Sprache – was die deutsch-ungarische Schülerproduktion auf Bühne, Leinwand und Stellwänden beweist.

Vor dem Hintergrund des NSU-Terrors in Deutschland und einer Mordserie an Roma in Ungarn dreht sich bei dem bilateralen Comenius-Projekt der Europäischen Union seit einem Jahr alles um das Thema „Toleranz oder Vorurteil? Multikulturelle Gesellschaft im Alltag“. Teilnehmer sind Schülerinnen und Schüler des Szent-Orsolya-Gymnasiums aus der Stadt Sopron im Westen Ungarns und der KGS Salzhemmendorf. „Wir haben so viel gelernt, erfahren und tolle Freunde gewonnen. Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet“, sagen Maren (13) und Rasmus (15) aus Salzhemmendorf sowie Soma Karakai und Szalai Szonja (beide 17) aus Ungarn – und sprechen damit ihren Mitschülern aus der Seele.

Zu Beginn der gemeinsamen Arbeit sei es zunächst – das Internet machte es möglich – darum gegangen, sich gegenseitig kennenzulernen, zu erleben, wie Schüler in dem jeweils anderen europäischen Land ihren (Schul-)Alltag gestalten und Andersartigkeit in der Gesellschaft erleben, berichten Irene Lehmann, Florian Scheuer und Katja Parré, die betreuenden KGS-Lehrer. Es wurden Fotoposter gestaltet, Vorstellungsfilme gedreht und verschickt, über Facebook gepostet und gechattet. Interviews und Gespräche mit Migranten in beiden Ländern verschafften Einblicke in deren kulturelle Hintergründe, ließen neue Sichtweisen zu – und Wege zur Toleranz entdecken. Diese wurden bei gemeinsamen Projekttagen in Filmen und Bühnenszenen und auf Plakatwänden präsentiert – im Juni beim Besuch der Salzhemmendorfer in Sopron, nun beim Besuch der Ungarn in Hameln und am Kanstein. Fazit der Lehrer: „Die Schüler haben gelernt, dass es in unseren Ländern zwar kulturelle Unterschiede gibt. Die Toleranzproblematik ist aber grundsätzlich die gleiche – gegenüber Migranten hier, Roma und Sinti bei uns in Ungarn“, so die Lehrerinnen Erzebet Börzsöny, Rita Vincze und Adéle Sztrokay. „Zu dieser Einsicht hätte uns eine Aufarbeitung nur hier und allein in der KGS nie gebracht“, sind sich die Schüler Maren und Rasmus sicher. Vielleicht sei es auch die Sprache gewesen (ein Mix aus Englisch, Deutsch und Ungarisch), die besonders aufmerksames Zuhören und Hinschauen erfordert habe. Auf jeden Fall werde Maren – die zugibt, bei realen Busfahrten bislang eher Abstand zu Migranten gehalten und den Kopf abgewendet zu haben – künftig Nähe und vor allem das Gespräch nicht mehr scheuen. Und der Kontakt zu den ungarischen Mitschülern werde ohnehin aufrechterhalten, verrät Lehrer Scheuer: „Beim Abschied haben alle geheult.“



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