weather-image
10°

Nationaler Aktionsplan gegen Kupieren steht / Heimische Halter befürchten hohen bürokratischen Aufwand

Schweine sollen Schwänze behalten

COPPENBRÜGGE/BUCHHAGEN. Das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen soll künftig vorbei sein. In Niedersachsen ist ein Aktionsplan Kupierverzicht in Arbeit. Die Ferkelerzeuger und Schweinemäster im Weserbergland befürchten, dass „damit ein hoher bürokratischer Aufwand verbunden“ sein wird.

veröffentlicht am 11.03.2019 um 18:48 Uhr

Auf das Kupieren der Ringelschwänze bei Schweinen soll künftig verzichtet werden. Foto: dpa

Autor:

PETER JAHN
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das Einkürzen der Schwänze ist lange Zeit als tierfreundliche Maßnahme betrachtet worden, da es den Schweinen Schmerzen durch kannibalistisches Verhalten erspare. Bekanntlich machen sich einige Tiere gern an den Schwänzen der Artgenossen zu schaffen. Das routinemäßige Kürzen der Schwänze ist in der EU schon seit Jahren verboten. Laut Tierschutzgesetz ist das Kupieren des letzten Schwanzdrittels jedoch erlaubt, um schwere Verletzungen infolge von Schwanzbeißen zu verhindern.

Heute hat sich die Sichtweise geändert, durch das Kupieren des Schwanzes werden die Tiere der Möglichkeit beraubt, Signale zu senden. Der Schwanz diene als Informations- und Kommunikationsmittel, heißt es. Schwanzbeißen zu verhindern, ist indes nicht einfach: „Es gibt kein Patentrezept“, sagt Ulf Klaehn, Geschäftsführer bei der Ferkelerzeugergemeinschaft und dem Qualitäts-Schweineerzeuger-Ring Coppenbrügge. „Inzwischen gibt es einen Aktionsplan“, erklärt Dr. Karl-Heinz Tölle. Nach seinem Studium arbeitete er als stellvertretender Geschäftsführer beim Erzeugerring Westfalen, als Wissenschaftlicher Assistent im Tierzuchtinstitut der Universität Kiel und als Referent für Schweineproduktion in der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein und zuletzt als Chefredakteur des Landwirtschaftlichen Wochenblattes Westfalen-Lippe. „Nach dem Aktionsplan soll der Anteil unkupierter Schweine in Deutschland Schritt für Schritt erhöht werden“, sagt er.

Das ist leichter gesagt als getan, wissen die Schweinezüchter und -halter. Wird auf das Kürzen von Schweineschwänzen verzichtet, treten größere Probleme auf. Das haben auch verschiedene Versuche in der Praxis ergeben. Jeder schweinehaltende Betrieb muss betriebsindividuelle Faktoren fürs Schwanzbeißen aufspüren und entsprechend betriebsindividuelle Lösungen finden. Möglichkeiten werden darin gesehen, die Fütterung und das Tränken zu verändern, beim Stallklima und der Lüftung zu variieren, die Bestandsdichte zu verringern und verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Bei Versuchen fielen die Ergebnisse besser aus, zufriedenstellend sind sie indes noch nicht. Das Schwanzbeißen geht oft weiter. „Schweine sind Kannibalen“, sagen Bauern, die tagtäglich mit ihnen zu tun haben. „Wenn sie erst einmal süßes Blut geleckt haben, gibt es kein Halten mehr.“

Deshalb ist der erlaubte Einzelfall des Kupierens seit vielen Jahrzehnten zur Regel geworden, sodass bei nahezu allen Schweinen in Europa die Schwänze gekürzt werden. Obwohl damit das Risiko des Schwanzbeißens deutlich gesenkt wird, die gesellschaftliche Kritik wächst zunehmend. Vor diesem Hintergrund forderte die EU alle Mitgliedsstaaten vor einigen Monaten auf, einen Aktionsplan aufzustellen, der das Vorgehen genau festlegt. Im benachbarten Nordrhein-Westfalen gibt es einen Erlass für den Verzicht auf das Kupieren der Ringelschwänze, in Niedersachsen ist ein solcher in Arbeit. Der Nationale Aktionsplan Kupierverzicht soll Mitte 2019 scharf geschaltet werden.

Die Ferkelerzeuger und Schweinemäster im Weserbergland, die sich in der Ferkelerzeugergemeinschaft und dem Qualitäts-Schweineerzeuger-Ring Coppenbrügge zusammengeschlossen haben, hoffen, dass es nicht zum Alleingang einzelner Bundesländer, sondern zu „einer bundeseinheitlichen Umsetzung und vor allem auch in Europa kommt“, wie sie bei ihrer Versammlung im Gasthaus Mittendorf in Buchhagen betonen. „Werden Ausnahmen gemacht, dann kommt es wie in anderen Bereichen der Landwirtschaft – siehe Zuckerrüben – zu Benachteiligungen und Wettbewerbsverzerrungen“, befürchten die Bauern. Im Aktionsplan sehen sie „einen dicken Brocken, der auf uns zukommt“.

Vor allem sei „damit ein hoher bürokratischer Aufwand verbunden“, klagen die Ferkel- und Schweinehalter. Und die Veränderungen in den Ställen verursachen Kosten, erfordern einen höheren Zeitaufwand und es können unter Umständen weniger Tiere gehalten werden, was die Einnahmen des Betriebes sinken lässt. Genau da kommt wieder der Verbraucher ins Spiel, sagen die betroffenen Landwirte: „Einerseits wird mehr Tierwohl gefordert, andererseits ist der Verbraucher aber nicht bereit an der Supermarkttheke mehr für Schweinefleisch zu zahlen.“ Ulf Klaehn sieht darin eine Ursache für die in Niedersachsen sinkende Zahl der Schweinehalter.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt