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Die Kallies GmbH in Herkensen liefert als einer von wenigen Betrieben Kohlen aus

Schwarzes Gold heute nur noch selten gefragt

Herkensen. Schwarz ist die Farbe der Branche. Schwarz ist oftmals noch der Morgenhimmel, wenn der Arbeitstag der Kohlenschlepper beginnt. Schwarz sind auch die Ecken in den niedrigen Kellern, dort, wo die Kohlesäcke ausgekippt werden. Schwarz sind die Gesichter der kräftigen Männer, wenn sie gebückt aus dem Keller kommen, den leeren Sack in der Hand. Schwarz ist auch der Staub, der die Rückenpartie ihrer Westen beschmutzt, wenn sie nach getaner Buckelei wieder in den Lastwagen steigen und zum nächsten Kunden fahren. Zurück bleiben dunkle Fußspuren auf dem Gehweg und auch schon einmal ein schwarzer Daumenabdruck auf dem quittierten Rechnungsblatt.

veröffentlicht am 28.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:06 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Noch in den 70er Jahren gehörten die Lastkraftwagen der Händler mit den Jutesäcken voller Briketts und Eierkohlen auf den offenen Pritschen zum alltäglichen Straßenbild. Heute muss man nach ihnen suchen. Einer der wenigen Betriebe, die noch Kohlen ausliefern, ist in Herkensen beheimatet. „Kallies GmbH – Kohlenhandlung und Heizöl – Hof und Einfahrtbefestigungen und jegliche Baggerarbeiten“, so steht es auf dem Firmenbriefkopf. Zumindest dort steht der Kohlenhandel noch ganz vornean. Das Tagesgeschäft sieht anders aus. „Von Kohlen und Heizöl allein kann man nicht mehr leben“, erzählt Geschäftsführer Wilfried Kallies. Der Straßenbau sei heute Hauptstandbein des Unternehmens.

Es hat sich einiges geändert, seit Wilfrieds Vater Martin Kallies und seine Mutter Waltraut 1963 eine reine Kohlenhandlung gründeten – mit einem Magirus-Lkw, den mit der typischen Schnauze, einem Mitarbeiter und auf dem Hof lagernden Kohlenbergen. Zehn Jahre später kam der Heizölverkauf hinzu, dann noch der Tiefbau. „3,70 DM der Zentner Briketts.“ Seniorchefin Waltraut Kallies kennt heute noch genau die damaligen Preise, auch vom Heizöl: „Das bin ich schon für 7 Pfennige pro Liter gefahren.“ Nach und nach lösten moderne Öl- und Gasheizungen die klobigen Zimmeröfen als Wärmespender ab. Bequemlichkeit siegte gegen wohlige und behagliche Wärme. Gewonnen hat allerdings auch die Umwelt – Kohleöfen stoßen viel CO2 aus.

In Spitzenzeiten hatte das Unternehmen über 1000 Kunden, die mit Kohlen heizten, geblieben sind heute knapp 100. Geblieben wie das Schwarz der Kohle und geblieben wie die Plackerei mit den 50 Kilogramm auf dem Rücken. Damals waren täglich zwei Kallies-Lkw unterwegs, meistens mit zwei Touren, einer fast immer in Hameln. „Morgens wurden die vollgeladen – fünfzig Zentner Briketts, zehn Zentner Eierkohlen und zehn Zentner Anthrazit. Mittags waren die Wagen leer“, erinnert sich Günter Kallies an die guten alten Zeiten. „Pack mal fünf Zentner rein“, hieß es oft, wenn der blaue Lkw in den Orten der Umgebung gesichtet wurde, ganz ohne Vorbestellung. Und gezahlt wurde meist grundsätzlich am Wagen, auch wenn ab und zu schon mal „angeschrieben“ wurde. Geändert hat sich die Arbeitskleidung. Rote Westen lösten die schwarzen Pullover und das Schutzleder auf dem Rücken ab. Geblieben sind die Wege mit dem zentnerschweren Jutesack auf dem Rücken. Mal die langen durch den Vorgarten, mal die Kriechgänge durch verwinkelte Kellerräume mit niedrigen Deckenhöhen und auch schon mal die über eine Leiter hoch nach oben. Und immer in gebückter Haltung. „Rückenprobleme? Ja, die habe ich. Damit muss man leben“, erzählt Günter Kallies.

Angefangen im elterlichen Betrieb zu arbeiten hat er schon mit 16 Jahren. 37 Jahre buckelt er nun schon, in den Spitzenzeiten bis zu 70 Zentner pro Tag. Das geht auf die Knochen. Für einen Bürokraten ist sein Beruf „Transportarbeiter mit Abtragetätigkeit“, für den Volksmund in einigen Teilen der Republik weniger gestelzt kurz der „Sackneger“. Letzteren Begriff hat Kallies noch nicht gehört, „Kohlen-Jupp“ dagegen schon.

Ein „Treppengeld“ gibt es immer noch nicht, das Schleppen ist im Zentnerpreis enthalten. Auch damals nicht, als eine ältere Dame, die ganz oben im Hastenbecker Schloss wohnte, monatlich ihre 10 Zentner angeliefert bekam. Die Anzahl der vielen Stufen kennt Kallies nicht mehr, wohl aber noch das Gefühl in den Beinen, als man, oben angekommen, endlich die Säcke entleeren konnte. Für die Kraftakte gab es fast immer 10 Mark Trinkgeld vom „Schlossgeist“, wie die Stammkundin in Kallies‘ Mitarbeiterkreisen genannt wurde.

Heutzutage verlässt der mit den festen fossilen Energieträgern beladene blaue Lkw meist nur noch einmal wöchentlich den Hof in Herkensen. Meistens freitags, auch schon mal nicht voll beladen und immer auf Bestellung. Heute warten drei Kunden auf die Brennstofflieferung, als sich Günter Kallies und sein Kollege Sven Szyperski in den mit 30 Sack beladenen Lieferwagen schwingen. Und das bei diesem Wetter.

Das erste Mal wird in der Brünnighäuser Hauptstraße angehalten, Maiwalds bekommen zehn Zentner Briketts. Viermal im Jahr wird der Haushalt angefahren, und das schon seit über 30 Jahren. „Meine Eltern haben schon bei Kallies Kohlen gekauft“, weiß Klaus Maiwald zu berichten. Man scheint sich im Laufe der Jahre gut kennengelernt zu haben, so routiniert läuft die Lieferung ab. Maiwald hat wie immer das Gartentor ausgehängt, damit die Träger besser aufs Grundstück gelangen können. Kallies und Szyperski schultern nacheinander die ersten Säcke nach einem gewissen Zeitplan, um sich im Keller nicht gegenseitig zu behindern. Aufrechtes Gehen im Keller ist nicht drin, die Decke nur gut 1,60 Meter hoch. In gebückter Haltung geht es in den dritten Kellerraum. Dort poltern dann die Briketts in einer dunklen Staubwolke aus den Säcken. Keine fünf Sack sind eingekellert, da steht der Brünnighäuser schon mit einem abgezählten Geldscheinbündel in der Haustür – Barzahlung wie immer, eine Ehrensache. Maiwald bekommt die Quittung mit dem Daumenabdruck, und Kallies steckt leicht angeschwärzte 65 Euro in die Brieftasche. Da bekommt das Wort „Schwarzgeld“ eine ganz andere Bedeutung. Obendrauf gibt es fünf Euro Trinkgeld, geteilt wird später, auch mit den Sackbefüllern auf dem Betriebshof. Noch während der Lkw wendet, hängt Maiwald das Gartentor wieder in die Angeln. Der Brennstoff für die Öfen mit der von ihm so geschätzten wohligen Wärme reicht erst mal wieder. In den Keller gehen er oder seine Frau Marianne alle zwei Tage, um Nachschub zu holen.

Kohlenkeller – die gibt es heute tatsächlich noch.

Fotos: fn

In Jutesäcken verladen Günter Kallies (v.li.), Sven Szyperski und Wilfried Kallies die Kohle, um sie Kunden zu bringen.



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