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Auf dem Weg zum neuen Ich: Pferdehof arbeitet mit Frauenhaus

Reitstunden gegen Risse in der Seele

Salzhemmendorf. Für einige der Frauen und Kinder, die hier auf dem Rücken der Pferde sitzen, lag das Glück der Erde in der Vergangenheit irgendwo anders, weit weg, aber nicht bei ihnen. Sie haben schlimme Dinge erlebt. Diese Frauen, die auf der Reitanlage von Stephan Remmel ihre Runden traben, kennen häusliche Gewalt oder noch ganz andere Dinge, die sie geprägt und psychisch belastet haben. Seit Kurzem gibt Remmel besondere Reitstunden. Für Frauen aus dem Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt in Hannover sind es Stunden für eine geschundene Seele.

veröffentlicht am 10.08.2015 um 10:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:37 Uhr

Foto: dpa

Autor:

Christian Göke
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Ende Februar besuchten erstmals drei Mitarbeiter des Frauenhauses die Reitanlage in Salzhemmendorf, um sich dort ein Bild über die Möglichkeiten für ein gemeinsames Projekt zu machen. Auf dem Boden blieb dabei keiner – es ging rauf auf die Pferde, man lernte den Umgang mit den Tieren kennen und besichtigte auch die Stallanlage. Schnell war klar, dass die Reitanlage für eine Kooperation mit dem Frauenhaus beste Möglichkeiten vorhielt.

Heilung durch Kontakt und Aufmerksamkeit

Der Kontakt zu Stephan Remmel kommt nicht von Ungefähr. Ute Vesper, Leiterin des Frauenhauses der Arbeiterwohlfahrt (Awo), ist selbst aktive Reiterin auf seinem Hof. Sie ist überzeugt davon, dass Remmel genau der richtige Ansprechpartner für die Frauen und Kinder ist: „Mit seiner Einfühlsamkeit und Konzentriertheit Mensch und Pferd gegenüber und dem Anliegen, Menschen in Kontakt mit den Tieren ein schönes Erlebnis zu vermitteln, gelingt ein ganzheitliches Erleben, das einfach Spaß macht. Und dies ist ein starker Faktor im Heilungsprozess seelischer Verwundungen.“ Remmel zeigte sich von den Erzählungen der Mitarbeiter in Salzhemmendorf tief beeindruckt und betroffen. Er sagte sofort zu, eine Kooperation zu vereinbaren.

Im Frauenhaus leben für kürzere oder längere Zeit Frauen und auch Kinder, die durch häusliche Gewalt gezeichnet sind. Teilweise erhebliche traumatische Verletzungen in physischer und psychischer Hinsicht sind die langfristigen Folgen. Die Traumatisierungen bewirken, dass die Frauen oder Kinder in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt sind und sie dadurch nur wenig Vertrauen aufbauen können, so die Awo-Mitarbeiter. Das Verhalten der Menschen sei dann häufig angstbesetzt und angstgesteuert. An dieser Stelle greift nun die gemeinsame Projektidee „Pferd“.

Pferde selber haben eine hohe Sensibilität gegenüber den Menschen, so Remmel. Im Kontakt zwischen Mensch und Tier geht es nicht um eine verbale inhaltliche Auseinandersetzung, sondern um behutsame und von gegenseitigem Respekt getragene aufmerksame Annäherung. Das Pferd, das einen trägt, der Mensch, der sich tragen lässt und im Kontakt in der Bewegung mitschwingt – dies ermögliche eine tiefgründige und alle Sinne ansprechende Erfahrung für die Reiter. Die eigen- und fremdverantwortlichen Fähigkeiten auf diese Weise zu erleben und auszuleben, damit sei ein wichtiger Baustein gesetzt, dass sich traumatische Menschen Stück um Stück aufrichten und wachsen können. Selbstbewusstsein, Selbstwert und eigenständiges verantwortliches Verhalten werden so gefördert: „Für die Stabilisierung der Frauen und Kinder ist das Projektangebot „Pferd“ daher sicherlich ein Meilenstein auf dem Weg in eine von mehr Unabhängigkeit und angstfreiem Handeln geprägten Lebensphase“, sagt Stephan Remmel.

Den Wert der Salzhemmendorfer Reitanlage haben mittlerweile auch die anderen Nutzer erkannt. Sie haben so viel Gefallen an der Anlage gefunden, dass sich ein Reitverein in Salzhemmendorf gegründet hat. „Der Reitverein fördert die Anlage so gut, dass sich das Umfeld immer mehr verbessert und alle davon einen Nutzen haben“.

Neben den Frauen aus dem Frauenhaus in Hannover, Schülern aus weiterführenden Schulen wie der ortsansässigen KGS sollen nach dem Wunsch von Remmel bald auch Kindergartenkinder den Weg zu ihm, den Pferden finden und das Kontakterlebnis mit den Tieren genießen. Schon jetzt führt Remmel Kinder zwischen vier und fünf Jahren an Samstagen über das Voltigieren an die Pferde heran.



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