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Persönliches Bild deutscher Geschichte

Salzhemmendorf (ist). „Menschenmassen. Volkspolizisten, einer nicht älter als ich, Tränen strömten über sein Gesicht. Er schrie immer wieder: ,Ich muss schießen!’ Kalaschnikows, russische Soldaten um uns. Ich lief – Panzer auf der Stalin Allee…“: Mehrmals während seiner Erinnerung an den 17. Juni 1953 in Berlin versagt die Stimme, fährt der Handrücken flüchtig über die Augen, muss er innehalten und sich für Momente abwenden. Horst Wollenberg war damals 18 Jahre alt, wenig älter als die 20 Schüler der Klasse 10 Ra, die vor kurzem von ihrer Abschlussfahrt aus Berlin zurückgekehrt sind und nun in ihrem Klassenraum dem 74-jährigen gebürtigen Berliner sichtlich betroffen zuhören.

veröffentlicht am 01.10.2009 um 15:27 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 21:21 Uhr

kgs
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Salzhemmendorf (ist). „Menschenmassen. Volkspolizisten, einer nicht älter als ich, Tränen strömten über sein Gesicht. Er schrie immer wieder: ,Ich muss schießen!’ Kalaschnikows, russische Soldaten um uns. Ich lief – Panzer auf der Stalin Allee…“: Mehrmals während seiner Erinnerung an den 17. Juni 1953 in Berlin versagt die Stimme, fährt der Handrücken flüchtig über die Augen, muss er innehalten und sich für Momente abwenden. Horst Wollenberg war damals 18 Jahre alt, wenig älter als die 20 Schüler der Klasse 10 Ra, die vor kurzem von ihrer Abschlussfahrt aus Berlin zurückgekehrt sind und nun in ihrem Klassenraum dem 74-jährigen gebürtigen Berliner sichtlich betroffen zuhören. „Nein, das haben wir alles vorher so nicht gewusst!“ Was sie erlebt hätten, sei ein anderes Berlin gewesen. „Total cool, tolle Geschäfte, starke Discos!“ Dass hinter Glanz und Glamour in Straßen und Schaufenstern, vor gestyltem Ambiente und trendigem Szeneleben in schweren und blutigen Schicksalsjahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts Bunker, Ausbombung, Trümmerleben, Jugendbanden, „die im Osten lebten, im Westen klauten“ und auch mit 18 Jahren nach Stasigefängnis zum Tode verurteilt wurden – das hatte ihnen bis dahin niemand erzählt. „Weil ja unsere Großeltern nicht in Berlin gelebt haben“, sagt einer.
 Horst Wollenberg, der Nachbar aus Coppenbrügge, hat bis zu seiner Flucht 1955 Kindheit und Jugend in Berlin verbracht und sich bis heute eine enge Verbundenheit mit dieser Stadt erhalten. Anlässlich des 50. Jahrestages des 17. Juni – „für mich war es so, als wäre es gestern“ – hat der Hobbykünstler „eigentlich für meine Enkel“ nicht nur eine Biographie geschrieben, sondern in einer großflächigen Collage „Berlin XX. Jahrhundert“ eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Heimatstadt auf die Leinwand gebracht. Im Laufe von zwei Jahren haben eine Fülle berühmter Namen, kultureller und politischer Ereignisse von der Kaiserzeit bis zum Mauerfall, die nicht nur Berliner bewegten, zueinander gefunden. Bunt, grell, plakativ, aber auch filigran gezeichnet – die Schülerinnen und Schüler der 10 Ra müssen nah herantreten, um Wilhelm II, Heinz Rühmann, Adolf Hitler, Walter Ulbricht, John F. Kennedy, Marlene Dietrich, Josephine Baker, Rosinenbomber, Stalin Brikett, das erste Todesopfer an der Mauer erkennen zu können. Ganz im Zentrum: der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter 1948: „Ihr Völker der Welt … schaut auf diese Stadt“. Seine Rede vor der Ruine des Reichstagsgebäudes und rund 300 000 Zuhörern ist bis beute unvergessen und fehlt auch bei Wollenberg nicht.
 Die 10 Ra hat zweimal auf diese Stadt geschaut. Beim dritten Mal werden sie es mit anderen Augen sehen, meint Ben Piepho (17) ebenso wie Lea-Marie Schramm (15). Die gesamte Klasse ist ohne Ausnahme sichtlich betroffen und nachdenklich. Kevin Fischer (16) und Christoph Rehberg (15) sprechen schließlich für alle: „Sehr interessant und beeindruckend diese ganz persönlichen, sehr emotionalen Informationen über die doch nicht leichten Zeiten. Jetzt ist vieles klarer.“
 Sie werden in der nächsten Zeit sicherlich noch öfter in den Flur des Verwaltungstraktes gehen, nehmen sich Florian Schorsch (16) und Marcel Schwetje (15) vor, sich die Collage in Ruhe anschauen und nach dieser Stunde auch besser verstehen.
 Die Zeitzeugenerzählung in der KGS ließ für eine Stunde in Klassenraum und Flur vor „Berlin XX. Jahrhundert“ Geschichte leben und unter die Haut gehen.
 „Eine große Bereicherung für den historisch-politischen Unterricht“, sagt Schulleiter Karl-Heinz Brandt, „in einer Zeit, in der Zeitzeugen immer geringer werden.“ Er bedankt sich im Namen des Kollegiums bei Horst Wollenberg, der die Collage der Schule leihweise zur Verfügung gestellt hat. Dessen erster Besuch mit Erinnerungen und Erläuterungen zu seinem Werk wird auf eigenen, Schüler- und Lehrerwunsch nicht der letzte gewesen sein. „Wir werden in Kontakt bleiben“, sagt Lehrerin Undine Strüver. Der nächste Zeitzeugentermin mit Horst Wollenberg sei schon abgemacht.

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