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1989 bezogen 200 DDR-Übersiedler Notquartiere in Osterwald und Voldagsen / Manche benötigten Schwimmsachen

Pack die Badehose ein

Osterwald / Voldagsen. „Mehr als ihr Handgepäck hatten die Übersiedler nicht mitgebracht“, erinnert sich Karl-Heinz Grießner, der damalige Bürgermeister Salzhemmendorfs. Ob Kleidung, Lebensmittel, Möbel, Haushaltsgegenstände, Hygieneartikel oder Spielsachen – es fehlte den DDR-Flüchtlingen und Übersiedlern 1989 an allem. Die Hilfsbereitschaft sei jedoch überwältigend gewesen. Vom Rat und von der Verwaltung der Gemeinden Salzhemmendorf und Coppenbrügge bekamen sie Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, von der Bevölkerung, den Geschäftsleuten, den Vereinen und Kreditinstituten Sach- und Geldspenden.

veröffentlicht am 22.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 01:41 Uhr

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„Deutsch-deutsche Weihnachten 1989 –

grenzenlos“

Besonders berührt habe ihn die Unterstützung durch die niederländische Partnergemeinde Arcen-Velden-Lomm. Obwohl damals noch kein Partnerschaftsvertrag mit der Gemeinde Salzhemmendorf bestanden habe – dieser wurde erst 1991 geschlossen –, hatte sich die niederländische Partnerschaftskommission als Freund und Helfer in der Not erwiesen und in ihrer Heimatregion zu einer spontanen Hilfsaktion aufgerufen. „Die Sammlung war sehr erfolgreich, wie wir am 15. Oktober 1989 sehen konnten“, erinnert sich Walter Kramer, der damalige Ortsbürgermeister Osterwalds. An diesem Tag seien die Niederländer mit einem gut gefüllten Lastwagen und einigen Privatautos in den Bergort gekommen und hätten viele Hilfsgüter an die Übersiedler verteilt. Da es ein Sonntag war, bedurfte es einer Sondergenehmigung für die Abwicklung beim Zoll. Sogar an Spielsachen war gedacht worden. Im Dorfgemeinschaftshaus Osterwald kamen sich Osterwalder, Übersiedler und Niederländer bei Essen und Trinken näher.

Im „Fichtenwirt“ waren für etwa sechs Wochen rund 20 Familien einquartiert. Einige wurden außerdem in Ferienwohnungen untergebracht. Der Kontakt zur Bevölkerung war schnell geknüpft. „Uns lag die Einbeziehung der Gäste in das dörfliche Leben sehr am Herzen“, sagt Kramer. Hans-Joachim Höflich aus Osterwald erinnert sich, dass ein Übersiedler sich sogar der alteingesessenen „Sauna-Clique“ im Dorfgemeinschaftshaus Osterwald angeschlossen hatte. Den Übersiedlern war damals Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche versprochen worden. „Die Versprechen wurden gehalten“, betont Ulrich Hasenbruch, der mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Fichtenwirt untergebracht war und später in Coppenbrügge eine Wohnung bekam. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und der Niederländer werde er nie vergessen. „Das war einmalig“, sagt Hasenbruch, der heute bei der Paritätischen Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland als Geschäftsbereichsleiter der Werkstätten Hameln-Pyrmont arbeitet. Er sei nach Osterwald gekommen, weil Gemeindevertreter aus Salzhemmendorf im Herbst 1989 in einem Sammellager in Obernkirchen Übersiedler in die Region Salzhemmendorf eingeladen hatten. „Etwa 60 Personen waren unserem Aufruf gefolgt“, erinnert sich Grießner, der mit Salzhemmendorfs damaligem Gemeindedirektor Udo Stenger in Obernkirchen gewesen war.

Im Rittergut Voldagsen waren in den Räumen der damaligen Schule des Bundesverbandes für den Selbstschutz (BVS) auf Anordnung des niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten rund 150 Übersiedler untergebracht. „Innerhalb von drei bis vier Stunden sollte sich der BVS im Coppenbrügger Ortsteil Voldagsen auf die Unterbringung von 150 DDR-Übersiedlern einrichten“, berichtete die Dewezet am 13. November 1989. Es sei eine immense logistische Herausforderung gewesen, erinnert sich Klaus Münchhausen, damals Gemeindedirektor Coppenbrügges. Auch für die in Voldagsen untergebrachten Übersiedler waren Sach- und Geldspenden gesammelt worden. Außerdem erhielten die Neubürger kostenlosen Eintritt für das Hallenbad Coppenbrügge. Bevor sie jedoch ins Wasser eintauchen konnten, musste erst einmal Badekleidung her. „Eine Soforthilfe von 500 Mark einer heimischen Bank hat die Situation gerettet“, erinnert sich Münchhausen. Viele der Übersiedler blieben in Voldagsen auch über Weihnachten. Am Heiligen Abend stimmten Münchhausen und Helmut Zeddies, der damalige stellvertretende Bürgermeister, unter einem riesigen hell erleuchteten Tannenbaum Weihnachtslieder an. Günther Eickstädt als Ortsbürgermeister Bisperodes las die Weihnachtsgeschichte. Auch der Weihnachtsmann, in Gestalt einer Weihnachtsfrau, verteilte Geschenke. „Deutsch-deutsche Weihnachten 1989 – grenzenlos“ berichtete die Dewezet am 27. Dezember 1989.

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Hier bedankt sich Ulrich Hasenbruch (li.) im Fichtenwirt bei allen für die außergewöhnliche und spontane Hilfe.

Von Christiane Stolte

Das ehemalige Berggasthaus „Fichtenwirt“ in Osterwald und das Rittergut Voldagsen haben eines gemeinsam: Sie waren für mehr als 200 DDR-Übersiedler das Sprungbrett ins neue Leben. Beide Gebäude dienten ab Herbst 1989 als Notquartiere.



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