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Jochen Lambers und Klára Schneider haben den Bogen raus, wie man die Zähne schont

Mission Entspannung: Relaxen statt Knirschen

Coppenbrügge/Hameln (ch). Mit geübtem Griff bringt Jochen Lambers das Drahtgestell am Kopf an, Klára Schneider überprüft noch einmal den richtigen Sitz, „alles klar“, es kann losgehen. Was nun beginnen soll, ist zum einen nichts und zum anderen sehr viel: „Mission Entspannung, Relax“ könnte man es nennen. Zahnarzt Jochen Lambers und Physiotherapeutin Klára Schneider haben einen sogenannten „Relax-Bogen“ entwickelt, der ein Knirschen oder Aufeinanderpressen der Zähne verhindern und eine Entspannung der Kaumuskeln erreichen soll.

veröffentlicht am 05.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 07:41 Uhr

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„Zahnärzte gucken von innen, ich von außen“, erklärt Schneider. Zwei Blickwinkel, zwei Behandlungen für eine Ursache. Ihr Fazit: Kooperation. 2009 beginnt die gemeinsame Forschungsreise Lambers‘ und Schneiders. Die heute 30-jährige Physiotherapeutin, die bei LifeSports in Hameln arbeitet, erzählt, sie habe über mehrere Jahre hinweg beobachtet, wie immer mehr gestresste Patienten zu ihr kamen, die unter Schmerzen und Verspannungen im Kopf, Nacken- und Schulterbereich bis hin zu Rückenproblemen litten, Lambers behandelte ähnliche Fälle, bei ihm klagten die Patienten über Zahnschmerzen. Doch die Diagnose war oft die gleiche: Bruxismus, eine Überlastung der Kaumuskulatur durch übermäßiges Knirschen oder Pressen der Zähne. Häufigste Ursache: Stress. Meistens geht es in der Nacht los. Knirschend mahlen die Zähne aufeinander, Ober- und Unterkiefer sind fest zusammengepresst. Die Kaufläche der Zähne schleift sich ab, die Kiefermuskeln vergrößern sich durch das andauernde „Training“ und werden größer, Zähne und verspannte Muskeln schmerzen. „Bei mir waren die Muskeln so vergrößert, dass ich von Patienten gefragt wurde, ob ich Zahnschmerzen hätte“, sagt Lambers. Und so wurde er nach der Gründung des Forschungsteams vor drei Jahren das erste „Versuchskaninchen“ für die eigene Erfindung.

Beim Zahnarzt wird bei Bruxismus zum Schutz der Zähne meist eine sogenannte „Beißschiene“ verschrieben, eine an die Zähne angepasste Plastikschiene, die verhindert, dass die Zähne aufeinander treffen. „Als Schutz für die Zähne funktioniert das gut, aber der Tragekomfort ist nicht so gut“, findet Lambers. Die Sprache wird undeutlich, das Plastik über den Zähnen sieht nicht gut aus, die Speichelproduktion wird angeregt. „Und speziell für die Muskeln bringt es nichts“, sagt Schneider. Stattdessen habe sie bei ihren Behandlungen gemerkt, dass es sogenannte „Triggerpunkte“ im Gesicht gibt, die – wird sanfter Druck auf sie ausgeübt – dafür sorgen können, dass sich die Verspannung löst. „Ich dachte: Da müsste man ansetzen.“ Mit diesem Ausgangsgedanken sucht sie sich einen Zahnarzt als Forschungspartner, um die Idee fachübergreifend zu verfolgen. Über das Fitnessstudio LifeSports findet sie den Zahnarzt Jochen Lambers – und beide haben das Gefühl: „Das passt“.

In den Mittagspausen oder abends treffen sie sich in der Praxis in Coppenbrügge und in Hameln, spinnen die Idee weiter, wälzen Fachliteratur, zeichnen erste Entwürfe, basteln. „Plötzlich denkt man die ganze Zeit darüber nach, überlegt Formen und Materialien“, „wir haben einfach alles Mögliche ausprobiert.“ Mithilfe eines Fragebogens an zahnärztliche und physiotherapeutische Patienten versuchten sie genau herauszufinden, was die Patienten brauchen. Wo tut es genau weh, wie sollte der „Relax-Bogen“, ein Drahtbogen, der ähnlich wie ein Haarreif am Kopf befestigt werden kann, und auf die Triggerpunkte drücken soll, konzipiert sein, um so wenig wie möglich zu stören. In der Zahnarztpraxis, aber auch im Bastelgeschäft suchen sie verschiedene Sorten Draht und Perlen zusammen, um damit zu experimentieren. „Mit der Zeit sind wir immer mutiger geworden“, sagt Schneider. Die Kugeln werden kleiner, der Bogen am Hinterkopf kürzer, immer wieder testen Lambers und circa 50 Patienten die unterschiedlichen Modelle. Was Ende 2010, als sie das Patent einreichen, nach mehr als 200 Stunden Entwicklungsarbeit, übrig bleibt, ist ein dünner Drahtbogen, eine Handspanne breit mit erbsengroßen Perlchen an beiden Enden. Unauffällig genug, um ihn sogar tagsüber zur Entspannung teilweise anzuziehen, finden die beiden Erfinder, eine Patientin würde ihn bereits beim Autofahren tragen. Sogar ein Design-Modell mit Lederumwicklung und Strasssteinchen hat Schneider schon gebastelt. „Eine Patientin hat die Perlen orange gefärbt und trägt Ohrringe in der gleichen Farbe dazu – das sieht wirklich gut aus“, findet Lambers.

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  • Auch ein handgefertigtes Design-Stück gibt es. Foto: pr
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Bislang ist jedes Stück, das in der Praxis bestellt werden kann, ein handgefertigtes Einzelstück. „Wir brauchen nur die Hutgröße, dann können wir loslegen.“ Derzeit verhandeln sie mit einer Berliner Firma, die den „Relax-Bogen“ produzieren soll. 60 bis 80 Euro wird das Stück, das in circa drei Monaten auf den Markt kommen soll, kosten.

Klára Schneider achtet darauf, dass der Relax-Bogen bei Jochen Lambers richtig sitzt. Der Coppenbrügger Zahnarzt hat die Erfindung der beiden immer wieder selbst getestet.

Fotos: ch

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