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Rätsel um Identität gelöst: Schriftsteller B. Traven war Otto Feige / Vortrag bringt Licht ins Dunkel

Literarische Spurensuche führt nach Wallensen

Wallensen (gök). Kein Wallenser konnte ahnen, dass der Umzug eines renommierten Literaturwissenschaftlers von Düsseldorf nach Bochum für eine kulturelle Sensation in dem kleinen Ort am Rande des Landkreises sorgen würde. Als Dr. Jan-Christoph Hauschild vor einem Jahr nach Bochum zog, vertrieb sich der Publizist, der in der Vergangenheit Standardwerke über Georg Büchner und Heinrich Heine verfasste, die Zugfahrt mit Lesen. Ihm waren die Bücher B. Travens in die Hände gefallen und erregten seine Aufmerksamkeit. Denn hinter B. Traven verbirgt sich ein literarisches Geheimnis, die Aufdeckung seiner Identität eine echte Detektivarbeit. Bekannt ist von ihm, dass der Schriftsteller bis zu seinem Tod am 26. März 1969 in Mexiko lebte und unter diversen Pseudonymen vor allem sozialkritische Abenteuerromane veröffentlichte, die weltweit Anerkennung erhielten: darunter „Das Totenschiff“ und „Der Schatz der Sierra Madre“. Von ihm wurden schätzungsweise 30 Millionen Bücher verkauft und in zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Seine wahre Identität und Herkunft hat B. Traven zeitlebens verborgen gehalten. Doch nun scheint klar, B. Traven ist ein Schriftsteller aus Wallensen.

veröffentlicht am 01.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 09:41 Uhr

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Ret Marut ist eins

von vielen Pseudonymen

Zahlreiche Reporter versuchten zu klären, warum B. Traven um sein Leben so ein großes Rätsel gemacht hat. Seine Witwe gab nach der Beerdigung zu, dass B. Traven sich früher Ret Marut genannt hatte. Doch wer war Ret Marut? Von ihm weiß man, dass er in München ein radikal-politisches Blatt verlegte und vorher als Schauspieler tätig war. In Essen war er 1907 Mitglied der Schauspieler-Gewerkschaft geworden. 1978 beschäftigte sich die Londoner BBC in einer TV-Dokumentation mit dem Mythos B. Traven. Sie fanden Zusammenhänge zum Leben von Otto Feige in Wallensen. In der BBC-Dokumentation kamen auch seine Geschwister Ernst Feige und Margarethe Henze zu Wort. Sie bestätigten, dass es sich bei B. Traven eindeutig um ihren Bruder Otto Feige handle.

Seine Eltern Adolf Rudolf und Hermine Feige kamen im Jahre 1900 aus Schwiebus in Ostbrandenburg nach Wallensen. Ihr Sohn Otto wohnte rund vier Jahre bei ihnen. Vermutlich wegen Streitigkeiten über seine politischen Ansichten verließ er seine Familie mit unbekanntem Ziel. Erst 1924 erhielten die Eltern ein Lebenszeichen. Otto Feige war als Ret Marut in London mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Um dessen Identität festzustellen, nahm die Gendarmerie Kontakt zu seinen Eltern auf, die eine Bestätigung allerdings verweigerten. Dennoch kam Ret Marut frei und reiste nach Mexiko aus.

Dialekt lässt zunächst Zweifel aufkommen

Die Biografie über den mysteriösen Schriftsteller haben auch Karl-Heinz Grießner und die Mitglieder des Vereins Dorfkultour Wallensen gelesen. Zunächst wurde in der Biografie angenommen, dass Traven aufgrund seines norddeutschen Dialekts aus Hamburg oder Lübeck stammen musste, doch Hauschild war sich sicher, „die Spur führt nach Wallensen und zu Otto Feige“.

Jan-Ch. Hauschild

Zum 40. Todestag des Schriftstellers hat nun der Verein dem „Sohn der Stadt“ ein Denkmal gesetzt und Jan-Christoph Hauschild zu einem Vortrag eingeladen. Zahlreiche Wallenser kamen ins evangelischen Gemeindehaus und lauschten begeistert den Ausführungen, die manchmal an echte Detektivarbeit denken ließen. Auch einige Nachfahren der Feiges – Mitglieder der Familie Constabel – ließen sich den Vortrag nicht entgehen, der Licht in ihre Familiengeschichte brachte. Als Rahmenprogramm lasen Rudi Oppermann und Helmut Blaschke aus den Werken B. Travens. In vier Kurzgeschichten veranschaulichten Oppermann und Blaschke den Sarkasmus des Schriftstellers und die unendliche Trockenheit seines Witzes. „Wer die Bilder von Otto Feige, Ret Marut und B. Traven miteinander vergleicht, wird zweifelsohne zu der Überzeugung gelangen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt“, sagte Hausschild, der in mühevoller Arbeit eindeutige Beweise für die Identität Travens gefunden haben will. So forschte er über das Leben von Ret Marut und schickte im vergangenen Jahr Anfragen an verschiedene Stadtarchive im Ruhrgebiet, wo Marut nachweislich als Schauspieler gewirkt habe. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, doch dann kam mit der letzten Antwort vom Stadtarchiv Gelsenkirchen des Rätsels Lösung. In einem amtlichen Schreiben bestätigte das Archiv, „dass Geburtstag und Geburtsort die Vermutung zulassen, dass es sich bei dem hier gemeldeten Otto Feige um den Gesuchten handelt“.

Der Wissenschaftler Hauschild schloss seinen Vortrag mit den Worten, vom Geheimnis des B. Traven, „dem einst größten literarischen Rätsel des Jahrhunderts, bleibt wenig mehr übrig als die Erkenntnis, dass sich hier ein Mensch über Regeln und Konventionen hinweggesetzt hat, um ohne Rücksicht auf Vorbehalte und Vorurteile seine Anlagen und Fähigkeiten zur Geltung bringen zu können“. Aus dem Maschinenschlosser und Gewerkschaftsfunktionär Otto Feige wurde über Nacht der Schauspieler Ret Marut, aus dem Schauspieler der politische Publizist, aus dem politischen Publizisten Ret Marut der Schriftsteller von Weltrang B. Traven. „Es waren drei Leben in einem. Und dass eines dieser Leben wenigstens vorübergehend in Wallensen seinen Fortgang nahm, dessen wird man hier, da bin ich mir sicher, noch in Zukunft mit berechtigter Freude gedenken.“

Ein Mann mit vielen Pseudonymen: Otto Feige, alias Schauspieler Ret Marut, alias Schriftsteller B. Traven.



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