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Dorfbewohner haben weite Wege bis zur nächsten Praxis – dabei gibt es im Landkreis rein rechnerisch genug Mediziner

Krankes Gesundheitssystem: Land sucht Arzt

Hameln-Pyrmont. In Deekelsen ist die Welt noch in Ordnung. Seit 25 Jahren hat „Der Landarzt“ hier seine Praxis geöffnet. Egal, ob es um Schnupfen, eingebildete Kranke oder gebrochene Herzen geht, Dr. Jan Bergmann (Wayne Carpendale) weiß Rat. Die Dorfbewohner bekommen immer einen Termin. Soweit das Fernsehidyll.

veröffentlicht am 21.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:27 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Patienten im wahren Leben müssen dagegen eine bittere Pille schlucken: Wenn Arno Rose-Kielau in Bisperode einen Arzttermin hat, muss er ins Auto steigen. Für den 56 Jahre alten Schlachter noch kein großes Problem, er ist mobil. Schwieriger ist es schon, wenn seine Mutter zum Doktor muss. Die gehbehinderte Dame ist 80 Jahre alt, sie hat Atemprobleme, muss regelmäßig zum Kontrolltermin. Öffentliche Verkehrsmittel – so sie denn auf dem Land überhaupt fahren – „würde sie sich nicht zutrauen“, weiß Arno-Rose-Kielau, denn die Mutter ist auf den Gehstock oder gar den Rollator angewiesen. Aber auch das ist regelbar – sie hat ja ihren Sohn, der sie zum Arzt fährt. Ältere Bisperoder, die alleine leben, sind auf Angehörige oder Bekannte angewiesen, wenn es um Arztbesuche geht. Der kleine Ort ist besonders stark vom Ärztemangel auf dem Land betroffen – und nicht etwa, weil sich dort niemand niederlassen möchte. Seitdem der Allgemeinmediziner in Bisperode aus Altersgründen seine Kassenzulassung abgegeben hat – er öffnet seine Praxis nur noch für Privatpatienten – müssen sich die Dorfbewohner anderweitig orientieren. Zwar ist die Zulassung auf die Salzhemmendorfer Praxis Mackenthun übergegangen. Aber zum einen „ist das mit viel Fahrerei über den Ith verbunden“, wie Rose-Kielau anmerkt, und zum anderen können weder die Salzhemmendorfer noch die beiden in Coppenbrügge niedergelassenen Allgemeinmediziner den Bedarf abdecken.

„Das ist keine gute Versorgung“, sagt auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Schuld ist ein krankes System. „Die bestehende Bedarfsplanung ist in der Tat viel zu starr“, sagt Dr. jur. Bernhard Specker, Geschäftsführer der Bezirksstelle Hannover, auf Anfrage. Die Zulassungsgrenzen orientieren sich an den Landkreisgrenzen. Hameln-Pyrmont ist rein rechnerisch sogar überversorgt, es gibt eine Zulassungssperre für Hausärzte. Coppenbrügge und auch Emmerthal haben wenig von der statistischen Überversorgung, denn die Ärzte ballen sich an anderen Orten; für Kranke sind die Wege oft viel zu weit.

Specker bedauert, dass es keine verbindlichen Aussagen darüber gibt, wie viel Versorgung die Bevölkerung eigentlich braucht. Er nennt als Messzahl für eine Mindestversorgung einen Hausarzt auf 1659 Einwohner. Legt man diese Parameter zugrunde, ergibt sich für Coppenbrügge ein Versorgungsgrad von 44,7 Prozent und für Emmerthal von 47,2 Prozent. „Das sind Gemeindebezirke, die wir besonders im Blick haben“, sagt Specker – gleichwohl: Die Kassenärztliche Vereinigung ist nicht für diese Regelung bei der Zulassung zuständig: „Auch wir haben da keine freie Hand.“

So ist zwar gut gemeint, doch nützt es wenig, wenn Coppenbrügger Politiker im Bemühen, einen Arzt nach Bisperode zu holen, auf ein aktuelles Förderprogramm des Landes verweisen. Niedersachsenweit gibt es eine andere große Sorge der Dörfer: Immer weniger junge Ärzte sind bereit, sich auf dem Land niederzulassen. Die Mittelvergabe ist gedacht, um Nachwuchsmedizinern in strukturschwachen Regionen einen finanziellen Anreiz zu bieten.

Keinen Arzt zu finden, war und ist allerdings nicht das eigentliche Problem der Coppenbrügger – eben deshalb, weil es keine Zulassung mehr gibt. So nützt auch das Förderprogramm des Landes nichts. Bürgermeister Hans-Ulrich Peschka, der bereits mehrfach in Hannover vorstellig geworden ist, wird nicht müde, immer wieder Überlegungen anzustellen. Neueste Idee: Ein Hamelner Arzt übernimmt die Zulassung eines ausscheidenden Kollegen und eröffnet eine Zweitpraxis, um dort einen Arzt einzustellen. Die Erfahrung des Bürgermeisters: „Man muss immer wieder nachhaken, sonst bewegt sich nichts.“ Bei einem Kongress in Berlin zur Zukunft der ländlichen Region sei noch einmal deutlich gemacht worden, dass die Gesetzgebung sich ändern muss. Was er wie viele andere nicht verstehen kann: „Die Zahnärzte können sich niederlassen, wo sie wollen. Warum geht das bei Hausärzten nicht?“

Für eine wohnortnahe Versorgung mit Ärzten kämpft „seit geraumer Zeit“ auch die KV. Deren Forderung: Die Ärzteversorgung müsse deutlich kleinräumiger sein als auf Landkreisebene. „Nach dem Versorgungsstrukturgesetz, das Anfang dieses Jahres in Kraft getreten ist, gibt es bezüglich der Verlegung von Arztsitzen eine neue Regelung, nach der eine Praxissitzverlegung nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist“, erklärt Dr. Uwe Köster, Sprecher der KV. Möchte ein Niedergelassener seine Praxis verlegen, darf sich die Versorgungssituation am Ort des Praxissitzes dadurch nicht verschlechtern. Das gilt auch für die Verlegung von Praxissitzen in Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Ärzte, die sich niederlassen wollen, haben gegenüber MVZ unter bestimmten Bedingungen übrigens ein Vorkaufsrecht für Vertragsarztsitze.

Davon zu trennen sind die Pläne für eine „kleinräumige Bedarfsplanung“. Köster: „Dieses Konzept wurde von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung entwickelt, ist aber im Moment noch in der Abstimmung.“ Nach den Vorstellungen der Bundesvereinigung sollen für den hausärztlichen Versorgungsbereich die bisherigen starren Grenzen der Planungsbezirke aufgehoben werden. Statt derzeit 395 soll es bis zu 4000 Planungsbereiche geben. Sie orientieren sich an den Grenzen der Gemeindeverbände und Verbandsgemeinden.

Bei Planungsbereichen, die zu groß oder zu klein sind, können die regionalen Landesausschüsse entscheiden, ob eine weitere Untergliederung oder eine Zusammenlegung sinnvoll ist. Köster: „Hier wäre ein Ansatzpunkt gegeben, um Zulassungsmöglichkeiten gezielt für bestimmte unterversorgte Gemeinden zu schaffen“, wie etwa in Coppenbrügge. Die derzeitigen Planungen gehen davon aus, dass die neue Bedarfsplanung 2013 in Kraft tritt.

Zwischenzeitlich werden verschiedene Modelle getestet, mit denen dem Nachwuchsproblem begegnet werden kann. Denn laut Köster wird in Zukunft Hauptproblem sein, wo denn die neuen Ärzte herkommen sollen – selbst, wenn die Bedarfsplanung flexibler wird. „Arztmobile“, besser noch Fahrdienste für Patienten zu den Ärzten und die Versorgung über qualifizierte medizinische Fachangestellte unter Aufsicht des Arztes nennt er als Beispiele. Auch Köster verweist auf die Möglichkeit der Gründung einer Zweigpraxis: „Das ist für ,verwaiste‘ Gemeinden immer noch eine Versorgungsmöglichkeit. Gemeinden können übrigens durch die Bereitstellung von Praxisräumen eine solche Möglichkeit fördern.“

Übrigens: Deekelsen ist ein erfundener Ort. Gedreht werden die Folgen in Kappeln und Umgebung. Die Arztpraxis, um die sich die Geschichten ranken, steht in Lindaukamp in der Nähe von Lindaunis.

Ärztemangel auf dem Land: Grundsätzlich nimmt das Interesse des Medizinernachwuchses ab, sich dort niederzulassen. Doch selbst, wenn ein junger Arzt wollte – es gibt im Landkreis Hameln-Pyrmont eine Zulassungssperre. Besonders leidet darunter die Gemeinde Coppenbrügge.

Foto: Wal



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