weather-image
23°

Rot-Grün überrascht

Ith-Steinbruch soll nun doch Deponie werden

BISPERODE. Knapp 90 Jahre hat der Mensch das Gestein des Ith abgebaut – in den kommenden 25 bis 30 Jahren soll die große Wunde im Berg weitgehend geschlossen werden. Die Hannoverschen Basaltwerke möchten das Areal zur „Deponie Schanzenkopf“ umwandeln. SPD und Grüne im Kreistag hatten das eigentlich verhindern wollen.

veröffentlicht am 24.05.2019 um 14:17 Uhr
aktualisiert am 24.05.2019 um 18:23 Uhr

Der Steinbruchbetrieb am Ith zwischen Bisperode und Lauenstein ist eingestellt worden. Der Betreiber möchte den Tagebau in den kommenden Jahrzehnten mit Bauschutt verfüllen. Foto: dana
Marc Fisser

Autor

Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Kreisvorsitzende der Grünen, Britta Kellermann, ist verärgert. Gegenüber der Dewezet betont sie: „Weder mir noch der Kreistagsfraktion war bislang bekannt, dass die Hannoverschen Basaltwerke nun
das Planfeststellungsverfahren einleiten wollen.“ Vor drei Jahren habe Rot-Grün „sehr deutlich gemacht, dass eine politische Entlassung des Steinbruchs aus dem Landschaftsschutzgebiet mit uns nicht zu machen ist. Diese Haltung vertreten wir weiterhin.“ Das unterstreicht SPD-Fraktionschef Ulrich Watermann: „An der kritischen Einschätzung seitens der SPD hat sich nichts geändert. Wir fordern das Gewerbeaufsichtsamt Hannover auf, einen etwaigen Beschluss des Kreistages hierzu zu akzeptieren und keine Ausnahmegenehmigung zu erteilen.“ Gemeindebürgermeister Hans-Ulrich Peschka (CDU) äußert sich trotz Dewezet-Anfrage nicht.

Nach siebenjähriger Vorbereitung, nach allerlei Protesten und nach der Einbindung von Naturschützern sind nun die Unterlagen für das Genehmigungsverfahren fertiggestellt, bestätigt Geschäftsführer Stefan Entrup. Das Vorhaben wird am kommenden Mittwoch offiziell angekündigt. Der Genehmigungsantrag soll vom 5. Juni bis zum 3. Juli öffentlich ausliegen und auch im Internet verfügbar sein. Die Deponie werde „schwach belastete mineralische Abfälle ohne organische Bestandteile“ aufnehmen, bekräftigt Entrup. Das könne Bauschutt sein oder Restmaterial, das bei der Produktion im Rigipswerk in Bodenwerder anfällt. Mit Blick auf die Bedenken der Kritiker versichert der Steinbruchchef: „Es wird keine auswaschbaren Schadstoffe und keine organischen Ablagerungen geben.“ Watermann und Kellermann machen sich hingegen nach wie vor Sorgen um die Trinkwasser-Gewinnung in der Umgebung.

Die abgedichtete Deponie werde am Ende mit einer Bodenschicht bedeckt, in die Bäume gesetzt werden, führt Entrup aus. Ziel sei es, den Tagebau so zu verfüllen, dass von der verbleibenden restlichen Steilwand eines Tages nichts mehr zu sehen sein wird. Auch kleine Wasserflächen seien vorgesehen. Der „Landschaftspflegerische Begleitplan“ sei mit Vertretern der Naturschutzbehörde bei der Kreisverwaltung und des Naturschutzbundes (Nabu) abgestimmt worden. „Die Brutplätze für den Uhu bleiben“, gibt Entrup ein Beispiel. „Wir haben auch schon Amphibien umgesetzt.“

2 Bilder
B. Kellermann Foto: pr

Das Vorkommen der Geburtshelferkröte hatte Rot-Grün 2016 zum Anlass nehmen wollen, den Steinbruch in das umgebende Flora-Fauna-Habitat Ith zu integrieren. Die beiden Parteien hatten eine gemeinsame öffentliche „Informationsveranstaltung zur Entwicklung des Ith-Steinbruchs“ organisiert. Im Okal-Café in Lauenstein hatten Kellermann, damals als Kreistagsabgeordnete, sowie Deike Peters als Kreisvorsitzende der Grünen gesagt: „Wir haben die Vision, dass sich der Steinbruch am Ith zu einem Rückzugsgebiet für seltene Tierarten entwickelt und so für den Naturschutz von höchster Bedeutung ist.“ Barbara Fahncke von der SPD hatte ergänzt: „Auch touristische Belange spielen bei den Überlegungen eine große Rolle.

Nebenbei gibt es den erfreulichen Effekt, dass der Schwerlastverkehr in den Flecken Coppenbrügge und Salzhemmendorf zurückginge.“ Watermann hatte gesagt: „Im Fall des Steinbruchs holt sich die Natur etwas zurück. Das unterstütze ich.“ Im März 2016 beauftragte der Kreistag gegen die Stimmen von CDU und FDP die Kreisverwaltung, beim Land zu beantragen, „das weitere Verfahren einzuleiten, den Steinbruch Bisperode/Ith als Flora-Fauna-Habitat auszuweisen zum Schutz der Geburtshelferkröte und als potenziellen Vernetzungs- und Wiederansiedlungspunkt für die Gelbbauchunke“. Der Wunsch aus Hameln-Pyrmont sei vom Land allerdings nicht berücksichtigt worden, heißt es auf Nachfrage im Kreishaus.

Mit dem Eingehen auf einen Teil der Bedenken hofft der Betreiber, das Genehmigungsverfahren doch noch und möglichst konfliktarm über die Bühne zu bringen. Der Steinbruchchef kalkuliert mit einer jährlichen Anlieferungsmenge von 200 000 bis 250 000 Tonnen. Aus dem 20 Hektar großen Steinbruch waren 500 000 Tonnen Material pro Jahr abtransportiert worden. Insofern werde sich die Zahl der Lkw-Fahrten halbieren. Doch Entrup räumt ein: „Der Verkehr wird stärker als bisher über Bisperode laufen.“ Denn ein Großteil der Lastwagen dürfte von der Autobahn 2 kommen, also die Strecke über Hameln oder Hachmühlen nehmen. In Lauenstein mit seiner Bergstrecke haben Anrainer in der Vergangenheit über lärmende Lastwagen geklagt. „Leider gibt es keine Möglichkeit für einen Bahnanschluss“, sagt Entrup. Für Rigips verbessere sich die Situation, denn bislang muss der Abfall bis nach Sachsen-Anhalt gekarrt werden.

Entrup hofft auf den Beginn der Umbauarbeiten im Steinbruch im kommenden Jahr. Ein weiterer Eingriff in die Landschaft sei dabei nicht nötig. Die Waage, das Büro und die Werkstatt könnten weiterbenutzt werden, die Brechanlage werde abgerissen. 2021 könnten die ersten Anlieferungen für die Deponie erfolgen. Kellermann hält es für möglich, dass dort eines Tages Abrissmaterial des dann stillgelegten Atomkraftwerkes Grohnde untergebracht werden soll.

Information

Das Planfestellungsverfahren

Die Planungspapiere inklusive das Ergebnis der Umweltverträglichkeitsprüfung können von Mittwoch, 5. Juni, bis Mittwoch, 3. Juli, von jedermann eingesehen werden – und zwar an folgenden Stellen:

  • Flecken Coppenbrügge: Rathaus, Schloßstraße 2, Zimmer 1, montags bis donnerstags 7 bis 12.30, freitags bis 12 Uhr, montags und dienstags auch von 13.30 bis 16 Uhr, donnerstags bis 18 Uhr.
  • Flecken Salzhemmendorf: Rathaus, Hauptstraße 2, Bürgerbüro, Zimmer 1, montags und donnerstags 7 bis 18 Uhr, dienstags, mittwochs und freitags 9 bis 12.30 Uhr.
  • Gewerbeaufsichtsamt Hannover: Am Listholze 74, Foyer, montag bis donnerstags 8 bis 16 Uhr, freitags bis 14.30 Uhr.

Im Internet unter www.gewerbeaufsicht.niedersachsen.de, Pfad „Bekanntmachung“ – „Hannover-Hildesheim“. Den Umweltbericht gibt es auch unter http://uvp. niedersachsen.de.

Der Erörterungstermin, an dem alle Einwender teilnehmen können, findet am Mittwoch, 14. August, ab 10 Uhr im Gasthaus „Mittendorf“ in Buchhagen bei Bodenwerder statt. mafi

Mein Standpunkt
Marc Fisser
Von Marc Fisser

Muss ein Steinbruchbetreiber auch aus der fälligen Renaturierung Profit ziehen? Das lässt sich durchaus kritisch hinterfragen. Aber die Öko-Abwägung sollte umfassend und über die Region hinausblickend sein. Letztlich müssen die Papiere für den Genehmigungsantrag zeigen, was da auf den Ith und seine Anwohner zukommt. Dafür ist das Verfahren gedacht. Gut, dass es öffentlich ist.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?