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Pierpaolo Lucca schreibt Musical neu

Italienischer Komponist verliert Herz an Rattenfängersage

COPPENBRÜGGE. Es war wie Liebe auf den ersten Blick, als der in Genua lebende Musiker und Komponist Pierpaolo Lucca im Internet surfte und die Rattenfängersage entdeckte. Besonders angetan hat es ihm die Auslegung des Coppenbrügger Heimatforscher Gernot Hüsam. Entstanden ist ein Musical, das schon dieses Jahr Uraufführung feiern könnte.

veröffentlicht am 21.01.2019 um 17:14 Uhr

Hin und wieder treffen sich Gernot Hüsam (li.) und Pierpaolo Lucca vor der Burg Coppenbrügge, um Details zu besprechen. foto: sto
Stolte Christiane

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Christiane Stolte Reporterin
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Immer mehr vertiefte er sich in die Handlung und stieß bei seiner Recherche auf die Version des Coppenbrügger Heimatforschers Gernot Hüsam. Sein „Musikerherz“ fing Feuer. „Die Version von Herrn Hüsam hat mich geradezu gefesselt, denn sie ist logisch und nachvollziehbar“, betont Pierpaolo Lucca. In einem Brief in englischer Sprache bat er Hüsam um Mitarbeit an einem Musical über den Rattenfänger.

Das war Anfang September vergangenen Jahres. Mittlerweile sind vier Monate vergangen. Lucca und Hüsam haben sich mehrmals in Coppenbrügge getroffen, um Details zu besprechen.

Bei ihrer jüngsten Zusammenkunft vor wenigen Tagen im Museum in der Burg Coppenbrügge gab Lucca bekannt: „Das Musical ist so gut wie fertig.“ Die Uraufführung könnte noch in diesem Jahr erfolgen. Derzeit laufen Gespräche mit diversen Hamelner Institutionen, die als Veranstalter infrage kommen könnten. „Die Gespräche sind bisher sehr positiv verlaufen“, betont Susana de Brito. Sie lebt in Aerzen und ist eine Bekannte des Musikers. Das Musical, bei dessen Entstehung sie als Co-Autorin mitgewirkt hat, wird von ihr in die deutsche Sprache übersetzt. Die ersten Zeilen des Manuskripts hat Lucca übrigens in Aerzen verfasst.

Die Version von Herrn Hüsam hat mich geradezu gefesselt.

Pierpaolo Lucca, Musiker und Komponist

Worum geht es in dem Stück? Tritt der Rattenfänger als eine finstere Gestalt mit einem „erschrecklichen Angesicht“ auf, wie die Brüder Grimm in ihrer Sage „Die Kinder von Hameln“ schreiben? Ist er ein Sonderling mit kaltem Herzen? Wie ist sein Charakter? Ernst, heiter oder melancholisch? „Von allem hat er ein bisschen“, verrät der Musiker. Er sei ein Mensch, wie du und ich. Und er kann sich sogar verlieben. In seinem Musical spielt die Liebe nämlich eine große Rolle – und mittendrin der Rattenfänger von Hameln. Auch der Bürgermeister der Stadt und seine Tochter gehören zu den Protagonisten. Ebenso Moritz von Spiegelberg – einer der drei Grafen von Spiegelberg aus der damaligen Grafschaft Spiegelberg, zu der Coppenbrügge und fünf weitere Dörfer gehörten.

Luccas Musical nämlich spielt in Hameln und in Coppenbrügge – in Anlehnung an die Theorie von Hüsam. Seiner Meinung nach waren die in der Sage genannten 130 Kinder keine Kinder, sondern junge Leute. Auch wurden sie vom Rattenfänger nicht aus der Stadt herausgeführt, um sie in einem Berg verschwinden zu lassen oder sie in die Ostkolonien zu verschleppen. „Auch in den ältesten Dokumenten ist nicht die geringste Andeutung einer Auswanderung zu finden“, argumentiert Coppenbrügges Heimatforscher. Auswanderungen habe es damals in vielen Regionen gegeben, was aber nicht zu ähnlichen Sagen geführt habe.

Auch Ratten gibt es nicht in seiner Theorie. Die Nager seien lediglich Symbole für die jungen Seelen, die den Verlockungen der Musik des Rattenfängers erlegen seien. Als Quelle diente dem Heimatforscher das Aquarell aus der Mörsperger Reisechronik von 1592. Eine Interpretation des Bildes nach den Kriterien mittelalterlicher Bildsymbolik sei bisher nicht erfolgt. Hüsam hat sie sich angeeignet. Für ihn liegt die Antwort um den Verbleib der Kinder in dem Bild verborgen. Die 130 „Kinder“ seien junge Leute aus Hameln gewesen, die sich regelmäßig auf dem „Koppenberg“ bei Coppenbrügge in einer Höhle getroffen haben, um heidnische, von großen Ausschweifungen geprägte Feste zu feiern – angelockt von den wundersamen Flötentönen eines bunt gekleideten Pfeifers.

Die äußerst religiösen Spiegelberger Grafen waren angewidert von den Festen, lösten einen Steinschlag aus und ließen die Höhle zuschütten. Keine Spur mehr von dem Pfeifer und den Kindern.

Pierpaolo Lucca war fasziniert von Hüsams spannender Theorie und hat sie in sein Musical einfließen lassen. Auch Ratten gibt es in seinem Musical nicht – wohl aber die genannte Symbolik. Ob das aus Pop, klassischer Musik und mittelalterlichen Stücken bestehende Musical von einem professionellen Theaterensemble aufgeführt werden soll oder von begabten Laiendarstellern aus der Region, ist noch offen. „Das werden wir aber sobald wie möglich klären“, betont Susana de Brito.

Der Film- und Theaterkomponist, Orchestrator, Pianist und Arrangeur Lucca wurde am 24. April 1970 in Genua geboren. In mehr als 30 Jahren seiner Komponistentätigkeit hat er mit verschiedenen Musikstilen experimentiert, vom Songwriter bis zu den Kompositionen für Grande Orchestra, über keltische Musik, Pop, Rock, klassische Musik, Funky, elektronische Musik, New Age, Weltmusik, kinematographische Musik und Sacred Polyphony. Er ist tätig für Orchester und kleine Ensembles.



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