weather-image
12°
Warum sich das Dorf in einer existenziellen Krise befindet

Ist das Landleben Luxus?

OSTERWALD. Das Dorf – immer wieder für tot erklärt, feiert in einzelnen Regionen fröhliche Auferstehung. Das zumindest ist die Meinung von Professor Dr. Gerhard Henkel, seines Zeichens Humangeograf. Jetzt war er in der Steigerklause zu Gast und referierte über die Krise der Dörfer und über Wege aus dem Dilemma.

veröffentlicht am 09.04.2017 um 17:03 Uhr

Sichtlich zufrieden: Dr.-Ing. Johann Josef Hanel (re.) hat den „Dorfpapst“ Professor Dr. Gerhard Henkel für einen Vortrag nach Osterwald in die Steigerklause geholt. Foto: boh
bohrer1

Autor

Stefan Bohrer Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Seit 45 Jahren befasst sich Henkel mit den unterschiedlichsten Themen der historischen und vor allem der aktuellen Entwicklung im ländlichen Raum. Und kommt zu dem Schluss, dass bei aller Landlust – immer mehr Städter zieht es hinaus ins Grüne – sich das Dorf trotzdem in einer existenziellen Krise befindet. „Landleben ist Luxus!“, lautet Henkels markiges Fazit in der vollbesetzten Steigerklause im beschaulichen Osterwald. „Lasst das Dorf nicht sterben!“ Um diesen Prozess aufzuhalten, sollten Bürger und Kommunen an einem Strang ziehen. Jedoch – Patentrezepte habe er leider nicht, bedauert Henkel. Stattdessen gibt er den Tipp, dass jedes Dorf sich selbst kennen sollte, um zukunftsorientiert zu planen, denn „jeder Ort ist so lebenswert wie seine Bürger, die sich dafür engagieren.“ Trotzdem verweist Henkel auf den seit Jahren anhaltenden Abwärtstrend, was nicht zuletzt damit zusammenhänge, dass immer mehr jüngere Menschen in größere Städte abwandern würden. Wie diesem Trend nachhaltig entgegenzuwirken ist, bleibt Henkel in seinem Vortrag schuldig. Oder anders gesagt, er kann kein allgemeingültiges Patentrezept für die Erhaltung lebendiger Dorfstrukturen geben.

Was allerdings auch nicht seine Intention ist. Beispiele für eine intakte Dorfstruktur, die Jung und Alt nicht nur am Ort hält, sondern an einem Strang ziehen lässt, hat er dagegen einige parat. Sei es das intakte Dorfleben in Jossgrund im nördlichen Spessart, wo es kaum Leerstände zu beklagen gibt, und das Engagement der Bürger aller Altersgruppen als ebenso vorbildlich zu bezeichnen sei wie im lippischen Hiddenhausen.

„Innenentwicklung sollte immer Vorrang vor der Außenentwicklung haben“, sagt Henkel. Vereine beispielsweise gelten als Erfolgsmodell für jede Dorfgesellschaft, auch wenn einige von ihnen Krisensymptome aufweisen, weil schlicht und ergreifend der Nachwuchs fehle. „Vereine brauchen intensive Zuwendung von Bürgern und Kommunen“, erklärt Henkel. Um das zu gewährleisten, regt er dazu an, innerhalb der Kommunen die Stelle eines offiziellen Ansprechpartners für Vereine zu etablieren. Ein Tipp, der in Osterwald auf offene Ohren stößt. Auch die Bildung von Bürgervereinen, die integrativ über den Traditionsvereinen anzusiedeln sind, sollte nachhaltig von Verwaltungsseite unterstützt werden. „Wenn Politik endlich die Belange der Bürger auf allen Ebenen ernst nimmt, ehrenamtliches Engagement kräftig unterstützt und gemeinsam Konzepte zum Erhalt des Dorfes entwickelt werden, nur dann kann das Dorfsterben verhindert werden.“

Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare