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Ohne Kirche, Kneipe und Kaufmann am Dorfplatz: Einwohner sehen neue Formen des Zusammenhalts

„In Herkensen leben wir auf der Sonnenseite“

Herkensen (ist). Kirche, Kneipe, Kaufmann und Schule rund um den zentralen Dorfplatz waren einst Herzstück der Dörfer, fungierten im Tagesverlauf mit wechselndem Schwerpunkt von morgens bis abends sowohl als alltägliche Nachrichtenbörse für jedes Alter wie auch Kommunikations- und Veranstaltungszentrum für jegliche Festivität im Lebenslauf von der Taufe bis zur Trauerfeier. Heute ist – die beiden größeren, zentralen Ortsteile Coppenbrügge und Bisperode ausgenommen – von den vieren auch in den zehn kleinen Coppenbrügger Dörfern wenn überhaupt die Kirche im Dorf geblieben, hier und da eine Gaststätte, noch seltener ein Lebensmittelhändler. Das klassische Thekengespräch wird zunehmend ge-twittert oder findet auf Facebook statt; auf den Dorfplätzen wird es stiller. Aber Angst oder Sorge um die Zukunft im demografischen Wandel sei im 353-Seelen-Ort Herkensen absolut Fehlanzeige, sind sich Wilfried Wiemann (67), Gustav Buchheister (72), Heinz Vespermann (76) und Gerhard Meyer (75) einig.

veröffentlicht am 26.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 02:41 Uhr

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„Nehmt ihr noch ein Bier?“, fragt Wiemann. Im privaten Wintergarten zwischen Katasterkarten und vergilbten Fotos erinnern die vier Senioren sieben persönlich erlebte Jahrzehnte im Dorf rund um die zentrale Eiche: Die zwei Gaststätten Wiemann und Tacke unweit der Dorfmitte, wo die Väter und Großväter ab den späten 1940er Jahren ihr Bier zum Feierabend oder sonntags zum Skat nach Kirche und Mittagessen gezischt hatten, „gibt’s schon seit den 90ern nicht mehr.“ Ebenso wenig wie die Schule, die Ende des 19. Jahrhunderts anstelle einer neuen Kapelle am Dorfplatz gebaut worden war. Oder die Milchbänke davor, auf denen die Kinder nachmittags tobten, während sich abends die unverheiratete Jugend unter der stattlichen Eiche mitten auf dem Platz zum Klönen traf. „Der Dorfplatz für die Jugend – die Kneipe für die Männer (manchmal für die Frauen, weil’s dort auch Lebensmittel gab!) – unter Nachbarn traf man sich generell abends für eine Stunde in der Veranda“, erinnert sich Vespermann, was Meyer fotografisch belegt. „Die gab’s vor jedem Haus, das war Standard. Man saß mal hier und mal da, rückte zusammen, und wenn die Bank nicht reichte, war da noch die Treppe.“ Es sei einfach ein unkompliziertes und selbstverständliches Miteinander gewesen, in dem man sich überall im Dorf, nicht unbedingt am Dorfplatz, begegnete, austauschte und half.

Heute gibt es die Geselligkeit der Verandahäuschen in Herkensen nicht mehr. Wie überall habe der Individualismus natürlich auch in Herkensen zugenommen, bedauert Buchheister. „Man sitzt zu Hause oder trifft sich privat auf Einladung. Jedermann ist mobil, die Jugend geht lieber abends um elf mit dem Auto auf die Piste, als auf dem Dorfplatz zu hocken.“

Der präsentiert sich heute gepflegt, mit meist ungenutzter Sitzgruppe, dafür aber großem Wiedererkennungswert zu den 1950er Jahren: die mächtige Eiche in der Mitte, rundum asphaltiert statt wie einst geschottert, mit viel Rasengrün und Blumenbepflanzungen vor massiv gemauerten Einfriedungen und luftigen Glasvorbauten an den Höfen, die noch aus den Gründerzeiten des Dorfes stammen. Auch ohne Kirche (die es ohnehin hier nie gab), Kneipe, Kaufmann und Schule: „In Herkensen leben wir auf der Sonnenseite und haben keine Sorge um die nachfolgende Generation, die bereits die Pflege der Geselligkeit übernommen hat. Wir sind autark mit Schlachter, Hofladen, Bestattungsgeschäft, acht Handwerksbetrieben und 50 Arbeitsplätzen vor Ort.“

Heute ist die ehemalige Gastwirtschaft ein Wohnhaus. Foto: ist

Da könne man unbesorgt die Beine in Herkenser Ruhe und dem Garten hochlegen. Und für die Geselligkeit gibt es in Herkensen wie in vielen anderen Dörfern auch das Dorfgemeinschaftshaus, das einmal die „neue“ Schule war. Der gute alte Dorfplatz, so das abschließende Fazit der Seniorenrunde auf der Sitzgruppe unter der alten Eiche, sei heutzutage, wo jeder entweder zu Hause vor Fernseher und Computer sitzt oder vor der Haustür ins Auto steigt und aufs Gas tritt, längst nicht mehr der Renner.



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