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Plötzlich allein: „Junge Witwen“ helfen seit 15 Jahren anderen Betroffenen

In der ersten Zeit funktioniert man nur

Coppenbrügge. Der schlimmste Tag im Leben von Gudrun Kleiszmantat (57) begann am frühen Montagmorgen des 25. Oktober 2004, als zwei Polizisten an der Haustür klingelten. Am Sonntagabend zuvor hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann bis in die Nacht gekniffelt und Musik gehört. Sie Barclay-James-Harvest-Fan, „ihm ging nichts über Pink Floyd“, sagt sie. „Bei ‚High Hopes‘ grinste er, das würde er gern bei seiner Beerdigung hören, und spielte die CD immer wieder … werd ich nie vergessen!“

veröffentlicht am 12.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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„Tschüss, bis heute Abend“, hatte er dann wie täglich am nächsten Morgen um 6 Uhr gerufen und startete mit dem Roller zur Arbeit nach Hameln. Wenig später, die Kinder waren gerade zum ersten Schultag nach den Herbstferien aus dem Haus gegangen, war da dieses Klingeln. Diese Nachricht, der Tisch, der durchs Zimmer flog, der Notarzt, der sie mit Psychopharmaka vollpumpte, „20 Tropfen, hörte ich noch, was am weiteren Tag abgelaufen ist, weiß ich nur aus Erzählungen, die eigene Erinnerung ist so gut wie null.“ – „Tragischer Unfall auf der B 1 bei Afferde“, stand am nächsten Tag in der Zeitung – „Familienvater stirbt“. Der Rollerfahrer war bei schlechter Sicht auf einen parkenden Pritschenwagen aufgefahren – zwei gebrochene Rippen, die eine hatte die Herzschlagader durchbohrt, Reanimierung erfolglos.

Gudrun Kleiszmantat hatte mit 36 ihre große Liebe gefunden und geheiratet – mit 48 Jahren war sie Witwe, ihre Töchter elf und zwölf – als von heute auf morgen Schluss war mit einer Ehe und einem Familienleben, wo immer „Lebensfreude mit Fullspeed und Pfeffer“ angesagt waren, nichts nicht und nie ohne den Riesenfreundeskreis gefeiert wurde. „Drei Freunde davon sind heute übrig geblieben, drei, vier neue dazugekommen“, sagt sie. „Gefeiert wurde nur noch mit und für die Kinder. Es hat drei bis vier Jahre gedauert, bis ich mich mit der neuen Lebenssituation arrangiert habe. Zwei Jahre heftiger Kampf mit mir selbst und die Fragen: schaffst du das, schaffst du das nicht, in einem Haus mit Erinnerungen bis in jeden letzten Winkel? Die Verantwortung für die Kinder erdrückte mich fast, die ,Hahn Henriette‘, Kuscheltiergeschenk vom Vater, noch heute mit ins Bett nehmen und bis heute mit dem Verlust des Vaters hadern.“ Das erste halbe Jahr funktioniere man nur – bis das Finanzielle, der ganze Papierkram irgendwie geregelt seien. Das richtige Trauern und Abschiednehmen komme ja erst später, nach der Bestattung – „wenn die anderen damit bereits fertig sind und es keiner mehr versteht“. Dass sie mit ihrer Trauer und Erinnerung schließlich ins (alltägliche) Leben zurückgefunden und Perspektiven entwickelt habe, verdanke sie der Selbsthilfegruppe „Junge Witwen“, eine Zusammenarbeit des Frauenwerkes der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover mit der Coppenbrügger Kirchengemeinde. „Die Gruppe wurde 1998 gegründet“, sagt Diakonin Angelika Dikhoff, die die Witwen begleitet. Sie selbst hatte damals, als eine junge Witwe um Hilfe bat, ihr Studium als Diakonin beendet, seit einigen Jahren Trauergruppen begleitet und sich in klientenzentrierter Gesprächsführung weitergebildet. „Seit 15 Jahren treffen sich junge Witwen im Alter zwischen 35 und 55 Jahren einmal im Monat in Coppenbrügge. 25 Frauen waren seit Gründung bei uns, aktuell sind wir acht – manche aus den Anfangsjahren der Initiative, manche scheiden irgendwann aus, immer wieder kommen neue dazu.“

Nach einigen Monaten

heißt es oft: Nun ist es gut mit der Trauerzeit

Die zwanglose Gesprächsrunde ohne religiöse Rituale in der Gemeinschaft mit anderen betroffenen Frauen und in absolut geschützter Umgebung tue der Seele gut und sei heilsam. Besonders nach einigen Monaten, wenn Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen meinen: „Nun ist es genug mit der Traurigkeit.“ Wie es auch Gudrun Kleiszmantat erfahren hat. „Die Heftigkeit der Gefühle und die vielen Veränderungen im Alltag werden von den Witwen oft als überwältigend empfunden“, erklärt Dikmann, „dass selbst und gerade Familienangehörige, Freunde und Freundinnen damit überfordert sind und den Trauernden nicht die Unterstützung geben können, die erwartet und gebraucht wird.“ Trauern ist individuell und lebenserhaltende Reaktion – Einzelgespräche und die Witwengruppe können dann besser helfen, aus der Isolation in der Trauer neue Lebensperspektiven zu entwickeln und heilsame Formen des Erinnerns zu finden. „Einsamkeit mit dem eigenen Schmerz, Umgang mit der Trauer der Kinder und die alltäglichen Widrigkeiten der nun Alleinerziehenden in Finanz-, Erwerbs- und Versicherungsnotwendigkeiten im besonderen Fall“, benennt Dikhoff als die drei Hauptprobleme junger Witwen. „Oft sind es ganz einfache, kleine Sachen in der Gruppe, die helfen, wieder ins Leben zurückzufinden. Die Frauen brauchen vor allem Menschen, die in der Nähe bleiben, zuhören und helfen – was sie sich gegenseitig geben.“ Wenn langjährige Teilnehmerinnen über ihr neues Leben nach der Trauer, über ihren heute ganz anderen Alltag, berichteten, würden sie zum Vorbild: „Sie haben es geschafft und leben den anderen vor: Der Tod und der Schmerz um den geliebten Partner beenden das eigene Leben nicht. Ein neues Leben will liebevoll und selbstbestimmt gelebt werden – mit der lebendigen Erinnerung an den Partner im Herzen.“

Gudrun Kleiszmantat ist eine von etwa 600 000 jungen Witwen und Witwern in Deutschland. Die Selbsthilfegruppe hat ihr geholfen, heute hilft sie dort mit ihrer Geschichte jüngeren Witwen.

„Lange habe ich mich gefragt, warum haben wir uns am Abend vorher unsere Beerdigungslieder ausgesucht?“, sagt sie. High Hopes hört sie immer öfter, ebenso wie Hymn von Barclay James Harvest. „Und dann denke ich an das, was vor dem Oktober 2004 war. Als ich das konnte, hatte ich es geschafft.“

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