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Urlaub am Humboldtsee jetzt nicht gefragt / Aber Gäste überwintern mit festem Wohnsitz

Im Winter auf dem Campingplatz

WALLENSEN. Im frostigen Winter auf dem Campingplatz? Kaum vorstellbar, doch gibt es Menschen, die hier sogar ihre Heimstatt haben – etwa auf dem Platz in Wallensen.

veröffentlicht am 10.01.2018 um 13:13 Uhr
aktualisiert am 10.01.2018 um 17:10 Uhr

Die besten Plätze mit Blick auf den Humboldtsee kosten pro Jahr 1500 Euro Pacht. Foto: wft
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Autor

Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Es ist nicht gerade das Wetter, das man sich auf einem Campingplatz wünscht. Tief „Burglind“ fegt gerade über das Weserbergland, heftiger Regen peitscht die Landschaft, der Rasen auf dem Campingplatz am Humboldtsee fühlt sich unter den Füßen an wie ein vollgesogener Schwamm. Den 58-jährigen Seemann Udo Matter stört das kein bisschen. Sieben Tage arbeitet er am Stück auf einem Schlepper in Bremerhaven, dann kommt er für sieben Tage nach Hause in sein Wohnmobilheim auf dem Campingplatz. Während draußen der Wind um die Bäume pfeift, sitzt er an der Rezeption bei Empfangschefin Birgit Firley und Platzmeister Andreas Silz, den beiden Angestellten der in Sachsen lebenden Eigentümer des Platzes, Peter Patt und Hans-Peter Fritsch, und trinkt sein erstes Bier nach der langen Anfahrt von Bremerhaven nach Wallensen.

Was treibt einen Menschen mit einer ordentlichen Arbeit und einem geregelten Einkommen an, sich einen Campingplatz weit ab vom Trubel der Städte als Heimstatt auszusuchen? „Hier habe ich Natur pur“, erzählt Matter. „Hier habe ich den Wald und den See direkt vor der Haustür und kann baden, wann ich will. Und hier lebe ich zu einem Preis, der viel niedriger ist als in jeder Eigentumswohnung.“ Rund 25 000 Euro hat er für sein Domizil mit zwei Räumen, Bad und offener Küche bezahlt, hinzu kommen eine jährliche Pachtgebühr von 1000 Euro und 102 Euro für die Nutzung des Platzes, das Baden im See, eine Wasser- und Müllpauschale.

Mit den Pachtgebühren in Höhe von 1000 bis 1500 Euro je nach Größe und Lage des Platzes und 155 dauerhaft belegten Plätzen dürfte sich der Campingplatz durchaus für die Eigentümer rechnen, auch wenn Birgit Firley und ihr Kollege davon ausgehen, dass der Platz eigentlich keinen Gewinn abwirft. Was sie annehmen: Die ursprünglich aus dem Ruhrpott stammenden Besitzer hätten ihn im Mai 2016 bei einer Versteigerung für 99 Jahre Erbpacht aus idealistischen Gründen erworben. Ihr langfristiges Ziel laut Birgit Firley: auch Pfadfindern und Jugendgruppen auf dem Platz eine Erlebniswelt zu bieten.

Empfangschefin Birgit Firley und Platzmeister Andreas Silz sind für den Platz zuständig. Foto: wft
  • Empfangschefin Birgit Firley und Platzmeister Andreas Silz sind für den Platz zuständig. Foto: wft

Hier habe ich den Wald und den See direkt vor der Haustür und kann baden, wann ich will.

Udo Matter, Seemann

Matter ist nicht der Einzige, der ein Domizil auf dem Campingplatz einer Behausung in der Stadt oder einem der Flecken im Landkreis bevorzugt. „25 bis 30 Personen haben hier ihren festen Wohnsitz in einem Wohnwagen oder einem der Wohnmobilheime“, berichtet Andreas Silz. „Sie sind in Salzhemmendorf ordentlich gemeldet. Das wird so von der Gemeinde akzeptiert.“ Echte Wintercamper, die jetzt im Januar oder Februar in der Nähe des Ith tatsächlich Urlaub machen, sind nicht auf dem Campingplatz. „Ein einzelner Reisender ist für eine Nacht mit seinem Wohnwagen gerade auf den Platz gefahren. Der ist auf dem Weg zu einem Montage- job. Und vier Wochen hatten wir einen anderen Mann hier, der in der Nähe auf Montage war“, so Birgit Firley. Sie ist für die Verwaltung verantwortlich, bezeichnet sich aber als „Mädchen für alles“. Gemeinsam mit dem Landschaftsgärtner Silz wartet sie darauf, dass es frostig kalt wird, damit die Bäume und Hecken beschnitten werden können. „Ja“, sagt Silz, „wir müssen hier Allrounder sein und den Platz in Ordnung halten, damit ab April hier wieder richtig Betrieb sein kann.“ Preislich ist der Platz absolut konkurrenzfähig und deutlich billiger als jede Jugendherberge. Zehn Euro kostet die Übernachtung mit Zelt für eine Person, 15 Euro für ein Paar und 20 Euro für eine Familie. Wird das Auto beim Zelt geparkt, kommen fünf Euro pro Nacht dazu. Und selbst jetzt im Winter hat die Gaststätte mit 50 Plätzen von Donnerstag bis Sonntag geöffnet und bietet den Samstag als Pizzatag an; der Kiosk wird erst zum Saisonbeginn wieder in Betrieb genommen. Udo Matter sitzt gerne in der Kneipe. „Alle 14 Tage treffe ich mich dort donnerstags mit zwei Freunden zum Stammtisch.“

Birgit Firley und Andreas Silz arbeiten seit Mitte des Jahres 2016 auf dem Campingplatz und können sich beide gut vorstellen, das noch die Jahre bis zum Übergang in die Rente zu tun. Den Landschaftsgärtner haben die beiden Eigentümer von einem anderen Betrieb abgeworben, Birgit Firley war selbst mit einem Bauwagen schon im Jahr 2012 zur Dauerpächterin eines Platzes geworden. „Dann hat man mich angesprochen, ob ich den Job nicht machen will. Ich fand das gut und habe angenommen.“

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