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Drei Jahre nach der Trauerfeier im 96-Stadion: Alina Schmidt blieb trotz Medienrummels bescheiden

Ihre Enke-Hymne rührte zu Tränen

Harderode. Es war ein feuchtkalter, schwermütig grauer Novembersonntag; ein Sonntag für fröstelnd hochgeschlagene Mantelkragen: Sonntag, 15. November 2009, als Hannover wie paralysiert schien, während Tausende in Schwarz auf dem Weg zum Stadion der Roten waren; auf den Tag genau heute vor drei Jahren. Und als Alina dort anfing zu singen, hatte auch der letzte harte Fan des runden Leders feuchte Augen. „96 – alte Liebe“, sang sie – zum zweiten Mal an dieser Stelle. Nicht ganz so rockig wie wenige Monate zuvor beim ersten Saisonheimspiel der Roten gegen Mainz, als die Schülerin der KGS Salzhemmendorf, Partnerschule von 96, als Stadionsängerin am Mikro und Robert Enke noch im Tor gestanden hatte. Jetzt vor seinem im weiten Stadionrund aufgebahrten Sarg war ihre volle, rauchige Stimme gefühlvoll, dabei fest und fast zärtlich. In einer anrührenden und aufwühlenden Zeremonie hatten rund 40 000 Menschen im Stadion in Hannover Abschied von dem toten Nationaltorwart Robert Enke genommen. So oder ähnlich sollten tags darauf die Medien berichten. Bei der größten Trauerfeier, die es je für einen deutschen Sportler gegeben hat, habe eine bislang ungekannte Stadion-Atmosphäre geherrscht: mit Andacht, Stille, Trauermusik, einfühlsamen Reden – und mit der 17-jährigen Alina Schmidt aus Harderode, die die Menschen in der Arena, an den Fernseh- und Radiogeräten zu Tränen rührte, als sie die Hannover-96-Hymne sang. „Das waren Minuten, Stunden, Tage voller Anspannung von Dienstag bis Sonntag, es ging alles so schnell, zum Nachdenken war gar keine Zeit“, erinnert sie sich am vergangenen Wochenende in ihrem Elternhaus in Harderode und nimmt einen Schluck Tee. „Meine Tränen flossen erst, als dann alles vorbei war.“ Am Mittwoch, einen Tag nach Enkes Tod, sei damals der Anruf des 96-Managements gekommen, erinnert sich Alinas Vater. Teresa Enke wünsche sich Alinas Auftritt bei der Trauerfeier, es sei ihr wichtig, dem Robert habe ihre Musik so sehr gefallen – ob die Tochter das machen und sich zutrauen würde. Tat sie, dieser ganz persönliche Wunsch sei ausschlaggebend gewesen, „das konnte ich doch nicht verwehren!“ Und so wurde sie durch den Spielertunnel in das Stadion geführt, sah den Sarg in der Mitte, saß mit Vater und dessen Freund samt Gitarren zwischen den trauernden, nächsten Angehörigen und den Größen und Funktionären des deutschen Fußballs. Dann trat sie ans Mikro. Bewusst geatmet und die zigste Portion Bachblüten von der Mutter geschluckt habe sie erst wieder, als die Musiker den Innenraum des Stadions verließen, sich in den Armen lagen und die Tränen kamen. Und dann kamen die Anfragen der Medien, RTL, Pro 7 und vielen mehr, Musikproduzenten mit Angeboten. In der KGS liefen die Telefone heiß: „Der damalige Schulleiter Brandt hielt wie gemeinsam abgesprochen alles von uns fern“, erzählen die Eltern. „Ich konnte doch nicht möglicherweise eine Karriere, die ich wirklich nicht unbedingt haben muss, auf dem Unglück eines anderen Menschen aufbauen“, sagt Alina heute als 20-Jährige. Eigentlich redet sie nicht gern über ihr außergewöhnliches Talent, das jeder, der sie je gehört hat, bewundert und lobt. Eigentlich mag sie nicht im Mittelpunkt stehen. „Klar, ist schon schön zu hören, dass es gefällt – andere finden das immer ganz cool, da müsste man was draus machen – aber ich singe, weil’s Spaß macht, und so soll’s auch bleiben! Der Druck von Superstar oder Voice of Germany wäre nicht meine Sache. Wenn allerdings jemand kommt…?!“ Alina ist sich auch drei Jahre nach ihrem Auftritt bei der Trauerfeier treu geblieben: Reifer, ja, aber weiterhin die bescheidene, offene, fröhliche und sensible, junge Frau, die keine Probleme hat, über sich selbst zu lachen. Mit Leidenschaft fürs Singen, die schon früh während ihres Schulwegs die ganze Nachbarschaft erfreute. Mit Leidenschaft für Fußball und, will man dem Vater glauben, einem satten Spannstoß schon als Zweijährige, als sie sich noch selbst auf das Trikot trat. Seit einem Jahr Studentin ihrer Traumfachrichtung in Osnabrück: Deutsch und Sachunterricht für das Grundschullehramt. Und mit Leidenschaft für die Familie: sie kommt so oft es geht an den Wochenenden nach Harderode, nicht nur wegen der Proben mit AROMA, wie sich das Trio von Tochter, Vater und Freund seit den Stadionauftritten nennt. Rund dreimal im Jahr geben sie in der Region Konzerte – zeitweise gesellen sich Schlagzeug, Klarinette, Mundharmonika, Posaune dazu. Aroma ist zu Aroma und Friends geworden. Und natürlich ist ihr Freund Michael Timme (21), Student der Biowissenschaften aus Osnabrück und „Gitarrenkoryphäe“, wie Martin schwärmt, dabei. Ihren ersten eigenen Song „Ladybirds“, von Michael komponiert, von Alina getextet, werden Aroma und Friends bei ihrem Konzert am 15. Dezember in Hajen vorstellen.

veröffentlicht am 15.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 00:41 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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Drei Jahre nach der Trauerfeier für Robert Enke im 96-Stadion (oben): Alina und Michael bei der Probe von Ladybirds, ihrem ersten eigenen Song.

Fotos: ist (1)/ Archiv (1)



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