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Die Kosmetikbranche nutzt Computer, um neue Rezepte für Lippenstifte zu entwickeln

Heute wird nicht mehr experimentiert

Salzhemmendorf (ist). Schon 3500 Jahre vor Christus entdeckten die Sumerer gefärbte Lippen als absoluten Hingucker. Die schöne Nofretete trug nicht nur markantes Schwarz um die Augen, sondern auch Rot auf den Lippen. Im Mittelalter galt als Hure, wer sich die Lippen färbte. 1883 kam er, in Seidenpapier gewickelt, natürlich aus Paris. In den 1950er Jahren liebten laut Emnid-Umfrage 80 Prozent der deutschen Männer ihre Frauen lieber ohne. Heute nutzen Millionen Frauen das kosmetische Utensil Nummer eins mehrmals täglich.

veröffentlicht am 03.12.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 21:21 Uhr

Heiko Patzer und Sebastian Georgi im Labor. Fotos: ist
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Der Lippenstift hat vom vierten Jahrtausend vor bis ins dritte Jahrtausend nach Christi Geburt eine bewegte Geschichte hinter sich gebracht. Was in diesem Jahr unter dem Weihnachtsbaum auf trendige Lippen kommt, wussten bislang nur Laborinsider bei der Logocos Naturkosmetik AG in Oldendorf wie die Chemikanten Heiko Patzer und Sebastian Georgi, die Chemielaborantinnen Brigitte Kirschstein und Karin Geisler im Entwicklungslabor, außerdem Romeo Peters und Frank Wilke im Farblabor der Produktion. Denn der absolut angesagte Weihnachtslippenstift 2010 von Logocos ist als geheime Verschlusssache längst in die Hülse gekommen.

„Etliche Monate vor dem Fest“, sagt Heiko Patzer, Entwicklungsleiter, und sein Stellvertreter Sebastian Georgi, „legt uns das Marketing jedes Jahr nach Trendanalysen aus Mailand, Paris oder Fernost Farbideen und -vorstellungen zur Entwicklung vor.“ Die könnten je nach Altersgruppe langfristig bewährt und konservativ, aber auch absolut trendig und außergewöhnlich sein. Ein blauer Lippenstift beispielsweise sei jahrelang alles andere als schlecht gegangen, als Hingucker bei besonders jungen Frauen. Dass zeitgleich blauer Christbaumschmuck ‚in‘ gewesen war, sei purer Zufall gewesen. Trends beim Weihnachtsschmuck und Lippenstift beeinflussten sich nicht wirklich.

Nach den Vorgaben des Marketings beginne die Arbeit des Entwicklungsleiters mit der Auswahl der Roh- und Wirkstoffe für den Lippenstift, quasi der

Rezeptur. Besonderes Augenmerk werde bei der Oldendorfer Firma auf die Qualität der rein pflanzlichen Rohstoffe gelegt, die weitestmöglich aus ökologischem Anbau oder kontrolliert biologischer Wildsammlung stammen. „Rizinusöl ist immer dabei, Jojobaöl, Beerenwachs, Wollwachs und viele weitere Rohstoffe – bei uns wird nur Natur eingesetzt“, sagt Georgi.

Da gehe es nicht immer nur um berauschenden Rosenduft, gelegentlich sei durchaus Käseverwandtschaft im Spiel. „Lebensmittelfarbstoffe, die wie im Käse auch über unsere Lippenstifte und die Lippen unserer Kundinnen in den Körper gelangen, können nicht schaden. Im Gegensatz etwa zu Paraffinöl aus der Erdölchemie“, so Patzer.

Im Laptop haben die beiden Chemikanten Tausende von Lippenstiftrezepturen, eigene Entwicklungen und die aller gängigen Anbieter, mit Abertausenden von Komponenten gelistet und gespeichert. Mit einem speziellen Entwicklungsprogramm werden Vergleichsexemplare, die den Marketingvorgaben möglichst nahekommen, in das geeignete Mischungsverhältnis gebracht: „Zu rot, zu kalt, mehr Glanz oder weniger, gelber für mehr Wärme, etwas mehr braun…?“

Die eigentliche Chemikantenarbeit findet heute am Laptop, nicht im Labor, statt, sagt Patzer. „Es ist eine Frage des Fingerspitzengefühls.“ Vierzehn Jahre „Ausprobieren“ in der Entwicklungsabteilung der Firma hätten ihm die notwendige Erfahrung gebracht. Nach drei Versuchen könne er heute 95 Prozent aller Lippenstiftfarben auf dem Markt herstellen – für besonders „harte Hunde“ brauche er manchmal, auch mit Unterstützung seines Vertreters Georgi, etwas länger.

Zusammen sind sie ein kompetentes Team als Chef und Souschef in der kosmetischen Rezeptküche am Laptop. „Wir machen alle Farben, „die die Natur hergibt“. Aber es gebe auch Grenzen: Neon gehöre nicht dazu, sei auch mit mineralischen Pigmenten nicht zu machen. Und ohne Karminrot – früher gewonnen aus getrockneten und ausgekochten Läusen – sei ein richtiges Rot ohne etwas Chemie kaum herzustellen.

Haben sie die passende Rezeptur zur Marketingvorgabe entwickelt, wird die Formulierung im Labor mit Pipette im kleinen Ansatz von den Chemielaborantinnen hergestellt, getestet und beurteilt. Wenn dann alles stimmt, geht es in das Farblabor zur kübelweisen Herstellung in den Produktionsmaschinen. „Wir machen in der Firma soweit es geht alles selber – von der Idee über die Entwicklung, erste Herstellung im Test- bis zur kompletten Produktion im Farblabor.“ Nur zum Abfüllen werde das Material weggeschickt, da vor Ort keine Abfüllanlage zur Verfügung stehe.

Ob man als Chemikant bei Logocos über eine besondere Leidenschaft für die geschminkte Lippe oder Physiognomie verfügen sollte? „Mathe, Physik, Chemie“, das seien ihre Leidenschaften sagen der Stadtoldendorfer Chef und der Salzhemmendorfer Souschef. Daher hätten sie diese dreijährige Ausbildung gewählt. Sie hätten damit auch in der Mineralölverarbeitung oder Entsorgungswirtschaft anfangen können. Die Kosmetik sei ihnen als Alternative aber lieber. Dieser Arbeitsplatz schärfe durchaus den Blick für weibliche Gesichter: „Meine Frau ist eine Naturschönheit“, sagt Patzer, „die keinerlei dekorative Kosmetik braucht!“

Und der Weihnachtslippenstift 2010? Knallrot ohne Gloss und Glitter wie in Paris angesagt oder doch dezenter Nude-Ton? Patzer hat ihn zu Testzwecken selbst ausprobiert. Mit dem Hinweis darauf, dass die Farben der Saison bereits in den Läden stünden, hüllen sich Heiko Patzer und Sebastian Georgi über die genaue Farbzusammensetzung in Schweigen.



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