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Wie aus dem Luder der Luther wurde

Großer Andrang bei Kanzelpredigt

MARIENAU. Eigentlich bietet die nur wenige Meter von der B 1 entfernt gelegene St. Marien-Kapelle im Herzen von Marienau gerade mal 80 Gläubigen Platz. Bei der Kanzelpredit des Ex-Bischofs der evangelischen Landeskirche und amtierenden Abt von Loccum, Horst Hirschler, jedoch platzte das Gotteshaus aus allen Nähten.

veröffentlicht am 14.08.2017 um 18:36 Uhr

Horst Hirschler: „Beim Thesenschreiben hat er seinen Namen geändert.“ Foto: eaw
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Autor

Ernst August Wolf Reporter
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So musste die Predigt des lutherischen Theologen für die vor der Kapelle stehenden Zuhörer sogar per Lautsprecher übertragen werden. Mehr als 120 Gäste waren gekommen, um Hirschler im Rahmen des Abschlussgottesdienstes der diesjährigen „Sommerkirche“ in Coppenbrügge zu hören. An sieben Sonntagen in Folge hatten namhafte Persönlichkeiten wie TV-Pastor Jürgen Fliege aber auch Politiker wie der ehemalige niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann zu Lutherworten Stellung bezogen.

„Ich muss ein bisschen auf die Uhr schauen“, so der 84-jährige, der allein mit dem Auto angereist ist. „Heute Abend muss ich nämlich in Würzburg sein, da treffe ich mich mit meinen Freunden Dirk Rossmann und Martin Kind treffe“, berichtet er den dichtgedrängten Zuhörern in der Kapelle.

Der gelernte Starkstrom-Betriebselektriker ist ein begnadeter Erzähler. Mit seiner markanten, festen, immer leicht dröhnenden Stimme und seiner bildhaften, einfachen Sprache schlägt er auch in Marienau die Zuhörer in seinen Bann. „Sola fide“, allein durch den Glauben, so erreiche der lutherische Christ Gottes Gerechtigkeit. „Das ist uns durch Gott geschenkt, der Gerechte lebt aus dem Glauben!“ Anschaulich und spannend erzählt Hirschler, dass das Wort „allein“ im lateinischen Originaltext gar nicht vorkäme, und wie Luther auf diesen Einwand in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ reagiert habe. Ein Reclam-Heftchen schwingend gipfelt Hirschlers Darstellung in Luthers Wort vom „… dem Volke aufs Maul schauen …“

Publikum amüsiert
und belehrt zugleich

Das gleichermaßen amüsierte, belehrte und erhobene Publikum genießt Hirschlers Kanzelpredigt, die sicher auch Luther selbst große Freude gemacht hätte. Der habe, so Hirschler, die 95 Thesen an Albrecht von Mainz geschickt, und dabei erstmals mit „Martinus Luther“ unterschrieben. „Vorher hieß er „Luder“, Sohn des Hans Luder aus Eisenach, berichtet Hirschler zur allgemeinen Verblüffung seiner Zuhörer. „Beim Thesenschreiben hat er seinen Namen geändert.“ Aus dem Luder sei der Luther geworden. Er habe wohl eine Art „Freiheitserlebnis“ gehabt. Martin Eleutherios, Martin, der Freie, habe sich so zu Martinus Luther gewandelt.

Die Bannandrohungsbulle und deren öffentliche Verbrennung gerät dem amtierenden Abt von Loccum zu einem ganz großen Erzählstück. „Das römische Recht auf der örtlichen Müllkippe verbrennen, das macht man wenn man, wenn man selbst auf den Scheiterhaufen will“, so Hirschler, dessen Kanzelpredigt an diesem Nachmittag in einer psychologisch hoch spannenden Schilderung von Luthers heimlich aufgeschriebenen, in einem Loccumer Dokument aus dem 18. Jahrhundert gefundenen Dokument von Luthers nächtlicher Gebete in Worms gipfelt. „Das ist blanke Angst“, so Hirschler zu dem atemberaubenden Texten, die er in hoch dramatischem Stil vorträgt. „Als wäre man dabei gewesen“, so ein Besucher hinterher. Luther widerruft nicht vor dem jungen, 21-jährigen Kaiser Karl. Es folgen Reichsacht, Entführung, die Bibelübersetzung auf der Wartburg.

Hirschler, dem Publikumsmagneten, gelingt es unübertrefflich, den Kern der evangelischen Theologie mit spannender Geschichte zu verbinden. Dann setzt sich der 84-Jährige in sein Auto, rangiert ein paar Mal und braust in Richtung Würzburg davon.



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