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Nach 440-jähriger Schankgeschichte: „Kammerkrug“ bleibt – als eins von einst fünf Lokalen

Gegen das Kneipensterben

Bisperode. „Ich nehm’ noch eins“, ruft der Gast im neu eröffneten Herzoglichen Kammerkrug beim sonntäglichen Frühschoppen, dem Seniorenstammtisch oder der jugendlichen Knobelrunde – bekommt ein gepflegtes Blondes und hat richtig Glück gehabt. Denn das frisch gezapfte Bier an Theke oder Stammtisch zu Currywurst mit Pommes in Deutschlands Kneipen an der Ecke ist wie diese schon lange in die Krise gekommen und mittlerweile alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

veröffentlicht am 28.11.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 00:21 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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Jede vierte Kneipe im Land hat nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes seit 2001 dichtgemacht; besonders betroffen ist Niedersachsen mit einem Rückgang von über 41 Prozent. Für das Kneipensterben in der Region, so der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), Landesverband Niedersachsen, Rainer Balke, sei ein ganzes Bündel an Ursachen verantwortlich: „Der wichtigste Grund ist ein genereller kultureller Wandel: Man trifft sich heute eher im Netz und unterhält sich lieber per Facebook mit Fastfood vom Supermarkt von zu Hause aus als mit Gleichgesinnten in der Gaststätte.“ Was sowohl das persönliche Gespräch an Theke oder Stammtisch wie auch den abendlichen Imbiss in der Kneipe überflüssig mache. Dennoch behaupten könnten sich nur große, solvente Ketten durch entsprechenden Kapitaleinsatz und moderne Konzepte, stellt Balke im Gespräch mit der Dewezet fest. „Dieser eindeutige Trend in Richtung Systemgastronomie setzt sich fort und bereitet der kleinen Kneipe zusätzlich große Konkurrenz, wo diese Investitionen schlichtweg nicht zu leisten sind.“ Auch Einschnitte wie das Nichtraucherschutzgesetz und die kontinuierliche Zunahme an gastgewerblichen Angeboten in Dorfgemeinschaftshäusern sieht Balke kritisch. „Soweit geschlossene Privatveranstaltungen in Dorfgemeinschaftshäusern durchgeführt werden, ist jede Kommune aufgefordert zu prüfen, ob hier durch den Einsatz kommunaler Steuermittel den gewerblichen Steuerzahlern Konkurrenz gemacht wird.“ Als weiteres Problem führt er die unterschiedliche Besteuerung von Speisen an. „Eine Currywurst beispielsweise bezahlt man im Supermarkt mit 7 Prozent Mehrwertsteuer, am Imbissstand zum Mitnehmen auch – aber in der Gaststätte werden 19 Prozent fällig. Eine einheitliche Mehrwertsteuer auf alle Lebensmittel, egal, wo und wie verzehrt, würde in der Gastronomie zu deutlichen Entlastungen führen und einen Investitionsschub mit sich bringen.“

Der „Herzogliche Kammerkrug“ von 1576 in Bisperode ist durch einen rein ideellen Investitionsschub dem endgültig drohenden Kneipentod nach über 400-jähriger Schankgeschichte gerade eben noch von der Theke gesprungen. Denn hier wird abends nicht ausschließlich nach Euro und Cent abgerechnet, sondern nach Spaß. Und der sei immer im Plus, sagen die neuen Betreiber Birgitt Bock und Dietmar Richter-Bock. Seit August lädt das Ehepaar aus dem Ort in nigelnagelneu sanierte Räumlichkeiten mit gepflegter Atmosphäre und separatem Raucherraum ein. Im Angebot sind Bier, Wein, Hoch- und Nullprozentiges sowie wechselnde Kleinspeisen, außerdem ein Saal für Feierlichkeiten mit bis zu 70 Gästen. „Bei uns ist es nicht so, dass wir auf große Gewinne angewiesen sind oder von der Gaststätte leben müssen“, sagt das Ehepaar. „Die Einnahmen decken den Unterhalt, damit sind wir zufrieden.“ Das Ehepaar, insbesondere Dietmar, hat sich mit dem Kammerkrug als Nebenerwerb den Traum von der eigenen Gaststätte erfüllt und damit gleichzeitig der Geselligkeit im Ort einen großen Dienst erwiesen. „Vor allem die jüngere Generation, die bisher in der Gaststätte nicht gern gesehen war, ist regelmäßig bei uns zu Gast – um etwas zu essen, sich zu unterhalten oder Karten zu spielen.“ Der reanimierte Kammerkrug sei Anlaufstation nach allen Fußballspielen im Ort, für diverse Vereinssitzungen, ein wöchentlicher Seniorenstammtisch habe sich bereits fest etabliert. „Wir versuchen auch immer, Anregungen aufzunehmen und neue Events anzubieten.“ Im Oktober wurde beim bayerischen Abend und beim Karaoke-Abend einander zugeprostet, ein Grünkohl-Essen ist geplant, am 6. Dezember kommt für die kleinen Gäste der Nikolaus, für Größere gibt es Kaffee und Kuchen. „Wir waren einfach, mit breiter Zustimmung der Bisperoder, der Meinung, dass es nicht sein kann, wenn von ursprünglich einmal fünf Gaststätten im Ort nicht eine einzige übrig bleibt.“ Also hätten sie Haus inklusive Gaststätte gekauft, gemeinsam mit Freunden die Ärmel hochgekrempelt und vier Monate von morgens früh bis abends spät renoviert, repariert, versucht, alles neu, gemütlich, freundlich und hell zu gestalten. „Und unsere Gäste bestätigen uns immer wieder, dass sich unsere Mühe gelohnt hat. Das ist das Wichtigste.“ Und wenn sie an den Wochenenden teilweise erst gegen halb vier aus der Gaststätte nach Hause kommen, sind sie glücklich.

„Keine Kneipe im Dorf, das geht gar nicht!“ Birgitt Bock und Dietmar Richter-Bock im Herzoglichen Kammerkrug (links: heute, rechts: zu Beginn des letzten Jahrhunderts).

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