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Renate Topf schwärmt von „Bioware zum Schnäppchenpreis“: Obstbaumversteigerung auf dem Lande

Feldmark ist für sie Alternative zum Supermarkt

Benstorf (ist). „Mmmh! Jeden Abend Apfelmus und Vanillesoße bis Weihnachten sind gesichert! Herz was willst du mehr?“ Renate Topf (77) drückt Ortsbürgermeister Rudi Heuer bei der Äpfelversteigerung an der Benstorfer Landwehr zwei Euro und fünfzig Cent in die Hand: Preis für die gesamte diesjährige Ernte von zwei Apfelbäumen beim Ziegenbocksgarten. „Das ist Bioware zum Schnäppchenpreis und Fitnesstraining an der frischen Luft noch obendrauf“, schwärmt die Oldendorferin, schwingt sich aufs Fahrrad, das sie schon vor Versteigerungsbeginn vom Vorder- bis Hinterrad mit Fallobst beladen hat, und tritt in die Pedale Richtung Oldendorf. Wilhelm Sander kauft sich zum gleichen Preis das Pflückrecht an einem Apfel- und an einem Birnbaum. „Ökofruchtsaft“ ist seine Passion. Für Ulla Vennekohl und ihren Mann geht nichts über Birnen direkt vom Baum mit Kartoffeln und Speck. An den Zutaten für den exklusiven Schmaus – woher sie das Rezept hat, weiß sie längst nicht mehr – wird es nach Ersteigerung von zwei gut tragenden Birnbäumen nicht mangeln. „Sechs von fünfzig Bäumen sind versteigert“, resümiert Rudi Heuer am Ende.

veröffentlicht am 06.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 00:41 Uhr

„Alte deutsche Sorten, die es im Supermarkt gar nicht gibt
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„Zwei Apfelbäume gehen zum Nulltarif an den Kindergarten – Pflück- und Most-event sind Hits bei den Kids!“ Acht Euro hat Heuer in der Hand. Der Erlös der diesjährigen traditionellen Versteigerung der Ortsratsobstbäume sei in der Tat nicht wirklich überwältigend. „Für das Pflanzen eines neuen Baumes wird es kaum reichen. Aber manchmal sind’s eben die Gesten, die wichtig sind, die das Ideelle bisweilen nachhaltiger machen als das Finanzielle.“ Mit großem Reibach und Wahnsinnsansturm habe man aufgrund der mageren Obsternte in diesem Jahr von ohnehin nicht rechnen können. Spärliche Obsttracht an und ebensolche Teilnehmerzahl unter den Bäumen entsprachen einander an der Landwehr. Hammerharte Bieterschlachten („Zum ersten, zweiten und dritten“) waren Fehlanzeige zugunsten des bescheidenen Euros, der überhaupt geboten wurde, damit die Ernte Interessenten fand. Obstversteigerungen haben seit Jahrzehnten Tradition im ländlichen Raum – nicht nur in den Obstregionen wie zum Beispiel im Alten Land. Wie in Benstorf hatten sich auf diese Weise die Bewohner vor allem in der Nachkriegszeit mit dem Ertrag der kommunalen Obstbäume versorgt. Die Teilnehmer der „Äpfelversteigerung“ 2010 erinnern sich zum großen Teil noch an diese Zeiten – als das ersteigerte Pflückrecht fast schon Himmelreich gegenüber dem Glück des Fallobstsammelns war. Diese Tradition hat Rudi Heuer 1996 mit Beginn seiner Amtszeit als Ortsbürgermeister wieder aufleben lassen. Und es ist vor allem die ältere Generation, die Krieg und Hungerzeiten miterlebt hat, die es ihm dankt.

„Der überwiegende Teil der jungen Leute und Familien kennt die Not doch gar nicht und weiß unseren Überfluss in keiner Weise zu schätzen – egal, ob in meinem früheren Zuhause in Magdeburg oder hier! Die lassen das frische Fallobst im Gras verfaulen und kaufen geschmacksneutrale Billigchemie mit Stiel und Idealfigur für drei Euro im Karton“, sagt Renate Topf kopfschüttelnd, bückt sich unter vorsichtigem Ausjonglieren des Fahrrads und sammelt weiter gefallene Äpfel auf. „Das hier sind alles alte deutsche Sorten, die es im Supermarkt gar nicht gibt! James Grieve, Clapps Liebling … Zwar mit Wurm, von Form und Farbe nicht immer makellos, aber gesund und schmecken nach was!“

Mit dem Problem einer mäßigen Apfelernte 2010 – das weiss nicht nur jeder Gartenbesitzer mit Obstbäumen – ist Benstorf nicht allein. In der Europäischen Union wird nach der Apfelschwemme 2009 die niedrigste Ernte seit 15 Jahren erwartet. In Deutschland wird die Menge voraussichtlich um 17 Prozent auf 900 000 Tonnen sinken. Obstexperten gehen daher davon aus, dass die Preise steigen werden. Kein Grund zur Sorge für die Topfs, die Vennekohls und die Sanders.



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