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Chronist Vespermann hat die lange Geschichte der Pulvermühle in Dörpe niedergeschrieben

Einst wurde dort Öl gemahlen

Dörpe. Es gibt Nachbarn, die, wann immer es kneift, mit dem fehlenden Ei zum Kuchenbacken bei überraschendem Besuch, Babysitting bei unvorhersehbarem Termin und Gassigang mit Bello bei Unpässlichkeit aushelfen. Und es gibt Friedrich-Wilhelm Vespermann in Dörpe, der unversehens frühmorgens am 40. Jahrestages des Einzugs in das Familiendomizil auf der Treppe steht, noch bevor Hausherr Rudolf Lauterbach in die Feiertagshosen gestiegen ist. Und der staunte nicht schlecht, als der leidenschaftliche Dörper Archivstöberer Vespermann mit der „Chronik Pulvermühle oberhalb Dörpe“ zum 40. Jahrestag gratulierte. Rund dreihundert Jahre zurück erinnert dessen Chronik an die Geschichte der Pulvermühle, die auch die Geschichte der erweiterten Lauterbach’schen und anderer regionaler Familien ist. Nachdem die um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert an Grenz- und Gelbbach betriebene Mühle 1727 abgebrannt war, kam die Familie Habenicht ins Geschäft. Und das, weiß der Chronist, „ist heute nicht nur eine unserer ältesten Dörper Familien“, die Familienmitglieder sind auch direkte Ahnen von Lauterbachs Ehefrau Ute und Schwiegermutter Elisabeth Schumacher aus Coppenbrügge. Nach dem Brand hatten sich jahrelang zunächst Jobst, dann Hans-Herrmann Habenicht bei der „durchlauchtigsten“ Obrigkeit „unterthänigst“, „erbötigst und mit steter Devotion“ um die Genehmigung zum Wiederaufbau und den Betrieb einer Öl- und Grützmühle geradezu auf die Knie geworfen. Letztlich mit Erfolg: 1746 wurden für den Ölmühlenbau und -betrieb „Bauholz und dreijährige Freiheit zugesprochen“, gegen die Abgabe von jährlich „6 Malter Roggen und 7 Malter Gerste“. Und noch im gleichen Jahr wurde das in den folgenden Jahrhunderten mehrfach umgebaute Wohnhaus errichtet, weiß Vespermann aus seinen langjährigen intensiven Recherchen. Jetzt steht er vor dem Haus und überreicht den Habenicht-Nachfahren Elisabeth und Ute einen Blumenstrauß sowie Rudolf Lauterbach die von ihm verfasste Chronik. Es ist eine bewegte Geschichte der Generationen um „widrige Zufälle“, „vaterlose Waisenkinder“, Schulden in Höhe von „200 Reichsthalern, steinerne Thorsäulen und Kuhkrippen“. Es geht um aus heutiger Sicht geradezu schwindelerregende jährliche Verzinsungen von 4 Reichstalern, abgelehnte Schuldenerlasse, um wiederholte Brände bis auf die Grundmauern, um Wiederaufbau und Verfall. Es ist ein Text für Sinnsucher und Pfadfinder in historischer und altersbedingt verblichener, daher lückenhafter, Verwaltungssprache. Im Jahr 1863 war die Öl- und Grützmühle endgültig verrottet und unbrauchbar. Die Kleinkötnerstelle wurde Standort eines Fuhrbetriebs, wo schwere Arbeitspferde Kohle, Holz und Bruchsteine zogen, später auch Standort einer zusätzlichen kleinen Landwirtschaft. 100 Jahre nach dem Verfall entzweien Familienzwistigkeiten Eltern, Schwäger und Kinder. Doch der Betrieb floriert. Von 1950 bis in die 1970er Jahre wird das Wohnhaus mehrfach umgebaut, im Garten ein Leibzuchthaus errichtet, im Wald eine freitragende Scheune, ein moderner Kuhstall in den alten Scheunen. Es werden großzügige Ländereien dazuerworben, ein Verwalter, ein Schlepperfahrer, ein Melker, eine Hauswirtschafterin beschäftigt. Im Salon lädt Dr. Dr. Eduard Bergmann, Königlich Dänischer Vizekonsul, Schwager der Besitzerin und Witwe Klara Bergmann, Gäste aus Politik und Wirtschaft zu einem formidablen Festessen ein. Nach dessen Tod verkauft seine Tochter das Erbe im April 1975 an Helmut Lauterbach, verstorben 1993. „Was für eine Wahnsinnsarbeit für ein Stück Dörper Geschichte“, staunt dessen Sohn Rudolf mit großer Anerkennung an Vespermann. Seit der Jahrtausendwende hat er den Betrieb von Ackerbau auf Pferdezucht mit einem Pferdepensionsbetrieb umgestellt, den Kuh- zum Pferdestall um- und eine große Reithalle gebaut. „Diese Chronik ist das Herzstück für unsere Ahnengalerie.“ „Geschichte wiederholt sich“, stellt Vespermann zufrieden fest. Der Sohn von Rudolf Lauterbach ist heute ausgebildeter Müllermeister.

veröffentlicht am 24.04.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel


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