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Bodo Breves hat noch immer das Recht zum Tongraben im Naturschutzgebiet Nesselberg

Einst Lebensgrundlage, heute Leidenschaft

Brünnighausen (ist). Die Witwe des Brünnighäuser Töpfers Heinrich Breves unterschreibt im Februar des Jahres 1878 das „Ministerial-Reskript“ der Königlichen Finanzdirektion Hannover, das die Tonentnahme für den Töpferbetrieb aus dem Nesselberg gestattet. „Die Witwe Breves hat als jährliche Entschädigung für den zu gewinnenden Ton die Summe von ‚10 M‘ mit Buchstaben zehn Mark am 2. Januar jeden Jahres praenumerando (...) bis ult. Dezember 1878 (...) bei Vermeidung der Einziehung im Exekutionswege zu entrichten.“ Und der Königliche Oberförster in Coppenbrügge bestätigt ihre Unterschrift. Gleiches Prozedere wird sich von da an unter ebensolchen strengen Auflagen alle sechs Jahre bis 1908 wiederholen, wo dann das jährliche Pachtgeld auf „buchstäblich zehn Mark zehn Pfennige“ erhöht wird und der Vertrag an Sohn Fritz der inzwischen verstorbenen Witwe des Töpfers Heinrich Breves übergeht. Später wird der Gestattungsvertrag zum Tongraben im Nesselberg von dessen Sohn Friedrich übernommen, nach seinem Tod im Jahr 1956 von dessen Witwe Anne, bis deren Sohn Bodo übernimmt, der ihn bis heute hat – und letztmalig 1998 100 DM gezahlt hat. „Ich muss mal wieder bei der Staatsforst nachfragen“, sagt Bodo Breves, blättert am Wohnzimmertisch in alten Akten und holt wie immer bei dieser Gelegenheit den „Henkelpott“ aus Brünnighäuser Ton oben vom Schrank, in dem ihm die Mutter vor über 60 Jahren die Suppe, die darin nie kalt wurde, in den Wald brachte, wenn er dort schuftete. Denn auch, wenn er das Recht zum Ton graben im Naturschutzgebiet des Nesselberges mit seinen heute 79 Jahren längst nicht mehr nutzt und er mit großer Wahrscheinlichkeit der Letzte sei, der es habe, ist ihm die vertragliche Regelung wichtig. Von einer Kündigung wisse er nichts und wolle er auch nichts wissen. Während das Statistikunternehmen Statista nach einer Meinungsumfrage 2011 feststellt, dass 51 Prozent der Deutschen nie ihr Auto, 48 Prozent nie das Haustier, 45 Prozent nie das Werkzeug und 43 Prozent nie die Waschmaschine mit anderen außer Familienangehörigen teilen würden, so ist in der Familie Breves der Gestattungsvertrag zum Ton graben im Nesselberg seit Generationen zu hundert Prozent fest in Familienhand. Der qualitativ hochwertige, gute Ton aus dem Nesselberg war seit dem 18. Jahrhundert bis 1956 Lebensgrundlage auch der Familien Breves gewesen. „Mein Vater hat nie etwas anderes gemacht, Großvater und Urgroßvater auch nicht, warum denn ich?“ habe Bodo Breves 1948 als 16-Jähriger sich und seinem Vater 1948 gesagt. Hatte die letzte Monatskarte für den Bus zum lustlosen Schulunterricht in Hameln abgefahren und am nächsten Tag frühmorgens um sieben Uhr angefangen: Tongraben im Wald vor dem Haus. Wie die Vätergenerationen der einstmals 17 Töpfer im Dorf: so tief, dass er nicht mehr rausgucken konnte aus der Tongrube. „Hartes Brot für Knochenarbeit – vergisst man nie“, sagt er und reibt wie zum Beweis die kräftigen Arbeitshände. „Erst einen halben Meter ‚Kummer‘ (Lehm Steine Wurzeln) wegschaffen, dann bis zwei Meter Tiefe Ton nach unten immer tiefer graben, nach oben immer höher rauswerfen.“ Drei Tage lang zu Beginn jedes Arbeitsdurchganges – mittags wurde die Suppe in jenem Henkelpott gebracht, der jetzt auf dem Tisch neben ihm steht, aber eigentlich Dekoration mit hohem Erinnerungswert auf dem Wohnzimmerschrank ist – wurden zu zweit etwa sechs Kubikmeter Ton ausgegraben; dann von Pferdefuhrwerken zur Töpferei geschafft, dort zu Blumentöpfen gedreht und gepresst und am Ende von vier Wochen durchgehend bewacht für 50 bis 60 Stunden in den Brennofen verbracht. „Das waren in vier Wochen vom Graben bis zum Brennen monatlich im Schnitt 20 000 Blumentöpfe; pro Topf gab’s je nach Größe durchschnittlich 10 Pfennige. Bei zwei Mann war das bis 1956, als die Töpferei Breves als eine der letzten in Brünnighausen den Betrieb einstellte, für den einzelnen ein Verdienst von 500 DM. Wovon natürlich die Kohle und das Feuerholz gekauft werden mussten.“ Nicht und nie sei der Ton etwas zum Reichwerden gewesen, weiß Bodo Breves wie die Väter vor ihm seit dem 18. Jahrhundert: das Graben im Wald, in der Werkstatt mit Füßen treten, mit den Händen formen und das stundenlange Feuern in der Brennofenhitze bei 1000 bis 1400 Grad, das er wohl hundertmal in seinem Leben durchgemacht hat. Aber gerade diese Schufterei sei es, die über Jahrhunderte Familiengenerationen in besonderer Weise verbunden, nicht nur ernährt und am Leben gehalten habe. „Den Gestattungsvertrag“, habe er sich gesagt, „will ich deshalb auf jeden Fall am Hause und in der Familie halten.“ Und was sich da in seinem Aktenschrank lückenlos aus über drei Jahrhunderten vom historisch königlich Besiegelten bis zum staatsforstlich Abgestempelten aneinanderreiht, wird mit Gewissheit zumindest noch eine weitere Generation überdauern: Sohn Detlef Breves, als erster in der Reihe der Väter kein Töpfer, sondern Forstwirt, wird den Vertrag übernehmen.

veröffentlicht am 08.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 15:21 Uhr

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Heute wird nur noch zu Präsentationszwecken – wie für das Fleckenfest – im Nesselberg nach Ton gegraben (hier Bodo Breves, re., und Sven Bormann).Foto: ist

Bodo Breves als Kind mit Vater und Gesellen: Bevor die geformten Tontöpfe in den Brennofen kamen, wurden sie an der Luft getrocknet.

Foto: pr

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