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Heimatforscher macht erstaunlichen Fund im Archiv / Hinweise auf einen alten Fischteich in Dörpe

Einem Forellen-Dieb auf der Spur

DÖRPE. Einen erstaunlichen Fund hat der Dörper Heimatforscher Friedrich Wilhelm Vespermann im Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover gemacht. Beim Sichten von Dokumenten aus dem 18. Jahrhundert entdeckte er eine bislang von heimischen Historikern übersehene Urkunde von 1732, die ein Licht auf die damaligen Lebensverhältnisse auf dem Lande bei Coppenbrügge wirft.

veröffentlicht am 10.10.2017 um 13:20 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 15:10 Uhr

Friedrich Wilhelm Vespermann auf dem von ihm entdeckten Damm über den Gelbbach (im Hintergrund die Strasse von Dörpe nach Eldagsen). Foto: Heinrich Härke/pr

Autor:

Friedrich Wilhelm Vespermann
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Besonders interessant und vielleicht sogar schockierend aus heutiger Sicht: das strikte Verfolgen von Diebstahl, den wir heute eher als Mundraub ansehen würden sowie die Begründung des Diebes für seine Tat. Doch immer der Reihe nach.

In besagtem Jahr hat der Kuhhirt Jobst Ahrens „aus der Dörpe“ 14 Forellen unterschiedlicher Größe aus dem Gehlenbach entwendet. Dies wurde zur Anzeige gebracht. Da nun dieser Bach, der vom Osterwald zur Holzmühle hinunterfließt, den Klosterforst Wülfinghausen und den königlich-hannoverschen Forst berührt, somit keineswegs zum öffentlichen Fischen freigegeben war, wurde die Justiz aktiv – und dadurch wissen wir von dieser Angelegenheit. Mit Hilfe von Zeugen aus dem Dorf wurde der Kuhhirt verdonnert, und zwar gleich zu zweimal 24-stündigem Gefängnis sowie zur Bezahlung der umgerechnet vier Pfund Forellen. Ein anrührendes Detail: Seine Frau ging nach der Festsetzung ihres Mannes zum königlichen Amte Lauenstein und bat um Nachsicht. Daraufhin wurde tatsächlich auf ihr „bittliches Flehen“ die Hälfte der Geldschuld erlassen, aber es wurde verfügt, dass der Dieb erst nach Abarbeiten der Restschuld, gemeinsam durch Mann und Frau im Tagelohn, freigelassen werden sollte. Angesichts dieses Einsatzes seiner Frau ist aber die Erklärung des Diebes zu seinem Tatmotiv wenig charmant: das Dokument vermerkt, „seine grob gefrässige Frau habe ihn dazu angestiftet, weil sie auf Forellen sehr steht“!

Dieses Dokument erinnert daran, wie schlecht es um Einkünfte und Versorgung der ländlichen Bevölkerung zu dieser Zeit gestanden haben muss, aber auch, dass man nicht einfach so in den Wald zum Forellenfang oder Jagen gehen durfte, um den Speisezettel aufzubessern. So musste die Bevölkerung des königlichen Amtes Lauenstein bis 1840 den Zehnten in Naturalien, also Getreide, Fleisch und Geflügel persönlich an der Zehntscheune der Domäne abliefern. Zusätzlich waren Hand- und Spanndienste zu leisten. Und im Wald gab es festgelegte Besitz- und Nutzungsrechte, die von Förstern und Holzvögten überwacht wurden. Sogar das Sammeln von Brennholz unterlag der Erlaubnispflicht!

Eine Seite aus dem amtlichen Brief mit der Darstellung des Fischdiebstahls im Jahre 1732. Foto: Landesarchiv Hannover/pr
  • Eine Seite aus dem amtlichen Brief mit der Darstellung des Fischdiebstahls im Jahre 1732. Foto: Landesarchiv Hannover/pr

Ob es aber den anderen Kuhhirten von Dörpe ebenso schlecht ging, dass sie zum Fischdiebstahl schreiten mussten, wissen wir nicht. Bekannt sind die Namen von acht Kuhhirten des Dorfes, die von Friedrich Wilhelm Vespermann aus den Kirchenbüchern von Coppenbrügge für die Jahre 1586 bis 1830 zusammengetragen worden sind. Der erste war ein Christoph Münter, aufgeführt als „Kuhhirt to de Doerpe“, geboren 1586 und gestorben 1672. Die letzte Nennung eines Kuhhirten für das Dorf war ein Johann Anton Friedrich Hasenbein, geboren 1754 und verstorben 1830. Die Hasenbeins waren zu dieser Zeit in der Gemeinde Coppenbrügge zahlreich in landwirtschaftlichen Berufen tätig, als Hirten, Schäfer, Hofmeister und ähnliche. Ob er wirklich der allerletzte Kuhhirt war, ist unsicher; bis zum Ende des ersten Dörper Hutewaldes waren es immerhin noch 60 Jahre – in Dokumenten belegt ist aber keiner mehr.

Den Dörper Kuhhirten oblag es, die Kühe des Dorfes in den sogenannten Hutewald, die gemeinschaftlich nutzbare Waldweide des Dorfes, zu treiben. Wer mit dem Auto von Coppenbrügge nach Eldagsen fährt, sieht, wo dieser Hutewald bis 1885 lag: oberhalb von Dörpe, bis an den Bergkamm herauf. Da liegt er nämlich heute wieder, markiert durch den starken Holzeinschlag im Zuge der kürzlich erfolgten Rekonstruktion durch die niedersächsische Forst- und durch die dort im Unterholz stehenden schottischen Hochlandrinder! Durch diese Tätigkeit waren die Kuhhirten bestens mit dem Osterwald vertraut. So wird auch Jobst Ahrens gewusst haben, wo er Forellen für seine „gefrässige Frau“ am Nordhang des Osterwaldes finden konnte.

Aber auch auf dem Südhang es am unteren Ende des Hutewaldes gibt einen möglichen Hinweis auf Fische und frühere Fischnutzung im Wald. Dort hat Vespermann am Gelbbach, der nach Dörpe fließt, einen alten Damm gefunden, der aus Lehm errichtet worden ist. Nach Lage und Bauweise kann dies eigentlich nur der Damm eines Fischteichs sein, und da er auf neueren Karten fehlt, müsste er vor dem 19. Jahrhundert angelegt worden sein. Solche Fischteiche waren bedeutsam, weil freitags und zur Fastenzeit kein Fleisch gegessen wurde und stattdessen Fisch auf die herrschaftlichen und kirchlichen Tische kam. In Frage kämen dafür, je nach Baujahr des Dammes, die Grafen von Hallermunt oder die Edelherren von Homburg. Wessen Tisch das nun tatsächlich war, wer also der Besitzer dieses Fischteiches war, kann nicht mit Sicherheit erschlossen werden, denn auch in den durchgesehenen Urkunden wird hier an dieser Stelle kein Fischteich erwähnt. So bleibt diese Neuentdeckung vorläufig ein Rätsel der Lokalgeschichte.

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