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Heiner Rodewald ist Ballonführer

Eine ganz eigene Art, auf die Welt herabzusehen

Coppenbrügge. Sie sind leichter als Luft. Ihr Treibstoff heute wie vor über 200 Jahren: heiße Luft. Der Job: „Wir machen heiße Luft und lassen uns das auch noch bezahlen“, sagt Heiner Rodewald (49) aus Coppenbrügge. Mit dem Ballon, an dem Glück, Leben und Einkommen des Heißluftballonführers hängen, schwebt er in der Luft und mit Wind in den Himmel zwischen Hameln Hannover und Hildesheim. Die Sehnsucht mancher Beobachter verfolgt ihn mit den Augen, Mutige und weniger Mutige fahren mit ihm zu einem „Logenplatz am Himmel“, wie der Ballonführer sagt. Rodewald sitzt in der Sonne auf seinem Balkon, rückt die Sonnenbrille zurecht, lehnt sich zurück, verschränkt die Arme im Nacken, streckt die Beine aus und blinzelt über die hügelige Wiesenweite am Ith, wo er schon Hunderte Male in die Luft gegangen ist.

veröffentlicht am 23.05.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 09:41 Uhr

Gründliche Vorbereitung muss sein: Heiner Rodewald erklärt die Ausstattung des Korbes.  Fotos: ist

Autor:

Ingrid Stenzel
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Der 1,94 Meter große Mann ist es gewohnt, auf die Welt hinabzuschauen, aber dabei unbedingt den Himmel im Blick zu haben – als Drachen- oder Gleitschirmflieger und Ausbilder, mit dem Leichtflugzeug, seit 2000 professionell mit dem Ballon und seinem „Ballonteam Perspektive“. Rodewald ist familiär vorbelastet, meint er – durch einen Vater mit Motorflugleidenschaft, der ihn, als er etwa zwei Jahre alt war, erstmals in höhere Sphären entführte.

Der Flugschein habe jedoch Jahre später nicht seiner Vorstellung vom Fliegen entsprochen. Motorflug habe zu wenig Dynamik und Bewegung, keinen Kontakt zum anderen Medium. „Drachenfliegen – in Luft und Wind liegen wie ein Vogel, eben wie Dädalus und Ikarus“, das sei das Allergrößte, schwärmt Rodewald. Zeitgleich zu seinem Diplom als Industriedesigner machte er 1992 die Ausbildung zum Drachenfluglehrer, gründete eine Flugschule in Coppenbrügge, von der er aber nach acht Boomjahren des Drachenfliegens nicht mehr leben konnte. Ganz durch Zufall habe er dann die Marktlücke Ballonflug entdeckt, die Ausbildung gemacht, ein Unternehmen gegründet: „Weil ein Freund drei Jahre auf eine Ballonfahrt warten musste.“ Im Jahr 2000 startete das „Ballonteam Perspektive“ mit seinem ersten Ballon im Hamelner Bürgergarten. Heute hat er drei Ballone mit jeweils einem Volumen von 4250 Kubikmeter für eine bis zu fünf Personen. „Der nächste“, plant Rodewald, „wird 6000 Kubikmeter messen und Platz für bis zu acht Personen haben.“

Das Gefühl da oben: „Eins werden mit dem Wind, Stille und Freiheit in großer Höhe ohne Trennwand zum Himmel, für eine Stunde Leichtigkeit, in der auch Probleme auf Puppenstubengröße reduziert oder ganz vergessen werden. Ängste gibt es da oben nicht, das bestätigt jeder, der einmal dabei war.“ Seine Empfehlung: „Einfach mal in die Luft gehen, wenn sich Probleme aufblasen.“

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Einen Tag später liegt auf der Weserwiese gegenüber des Hamelner Krankenhauses die blau-weiße Hülle eines Ballons – schlaff wie eine zusammengefallene Riesenblüte aus Nylonstoff. Dann wird kalte Luft mithilfe eines motorgetriebenen Ventilators zischend hineingeblasen und der Ballon bläht sich auf wie eine Riesenbirne. Ein Propangas-Brenner erwärmt die Luft, der Ballonhülle steigt in die Höhe. „Der Ballon steigt mit heißer Luft, die mit dem Propangas auf Temperatur gehalten wird; er sinkt, wenn der Brenner nicht mehr genügend feuert“, erklärt Rodewald. Wenn das Propangas verbraucht ist, sei auch die Fahrt zu Ende. Er habe noch keinen Passagier erlebt, der am Ende nicht „verklärtes Glücklichsein“ ausstrahle, sagt Rodewald, keiner in zehn Jahren, der sich unsicher gefühlt habe.

Ballonführer seien weder Draufgänger noch besonders besonnene Menschen, meint der Coppenbrügger. Sie bräuchten das Gefühl, die gewaltige Trägheit von eingeschlossenen 4,5 Tonnen Luft entsprechend der Wetterlage zu steuern, rechtzeitig zu beschleunigen und abzubremsen. „Es gibt viele Tage im Jahr, an denen ich von einem Bein aufs andere trete und überlege, mache ich heute was oder nicht?“

Wetterbeobachtung, Planungs- und Wartungsarbeit und Telefonate mit den Gästen zur bisweilen wetterbedingt sehr spontanen Terminabsprache seien seine Hauptarbeit. „Wie komme ich in die Luft?“, „Wo komme ich an?“ – das sind die häufigsten Fragen, die Rodewald zu hören bekommt. Er antwortet meist mit Ballonführer-Regel Nummer eins: „Der Wind hat immer recht!“ Regel Nummer zwei: „Die Uhr tickt.“

Vier Gasflaschen trage der enge Korb, Propan für drei Stunden Feuer und Fahrt. „Wenn zwei leer sind, gehen wir runter. Der Rest ist Reserve. Denn du weißt zwar immer, wo du startest, aber nie, wo du landest“, sagt Rodewald. Wenn das Gas ausgeht, müsse man dort runter, wo einen der Wind hingetrieben habe.

Übrigens: Die ersten Fahrer dieses altmodischen Luftfahrzeuges mussten länger als drei Jahre bangen, bis sie überhaupt abheben durften. 1783 ließen die französischen Brüder Montgolfier zum Test den ersten Ballon mit Passagieren in Versailles in die Lüfte steigen. An Bord: ein Huhn, ein Hammel und eine Ente. Erst nachdem einwandfrei bewiesen war, dass die erlittenen Flügelverletzungen der Ente nicht aeronautischer Ursache, sondern schlicht Folge eines Hammeltritts waren, durfte auch der Mensch abheben.

Blick aus Rodewalds Ballon: Häufig führen westliche Winde den Ballon beim Start in Hameln oder Coppenbrügge zur Marienburg.

Bange Blicke beim Start: In zehn Jahren habe sich noch niemand bei ihm unsicher gefühlt, sagt Heiner Rodewald.



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