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Zur Walpurgisnacht gehen die Bessinger den Ursprüngen der Tradition auf den Grund

Ein Tanz um das originellste Hexenkostüm

Bessingen (ist). „Richtige Hexen? Nee, die gibt’s nicht in Bessingen, das wüsste ich.“ Die Antwort ist spontan, da kommt Lea (9) gar nicht erst ins Grübeln, hat aktuell auch ein viel wichtigeres Problem: Giftgrün (ihr siegreiches Hexenmodell des Vorjahres), doch Schockschrillblau oder besser spinnennetzklebriges Orange mit Rabe? Gemeinsam mit Lilly (8), Maira (7), Maike (7) und Sofie (6) wird zwischen Flatterkleidern, Spitzhüten, Warzennasen und Schminkschwämmen an Hexengarderobe und -maske 2010 gearbeitet. Die Zeit drängt, denn heute Abend wird die Walpurgisnacht an der Grillhütte gefeiert, und rund ums Lagerfeuer wird auch um das originellste Hexenkostüm getanzt – „Schwarze Nacht“ und „Schöne Hexe“ werden mit auf den Besen sein.

veröffentlicht am 29.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 09:41 Uhr

Lea mag es farbenfroh – egal, ob grün…
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„Richtige Hexen gibt und gab es mit ziemlicher Sicherheit seit der Gründung unseres Dorfes im Jahr 800 nie“, meint auch die Mehrheit der befragten Bessinger, was man allerdings von den übrigen Ortsteilen vielleicht nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen könne. Schließlich gebe es nur in Bessingen jene Quelle, die, im Gegensatz zur kurzlebigen isländischen Vulkanaschewolke, schon von alters her mit ihrem Schwefeldunst für freien Luftraum ohne Flugverkehr von Besenreiterinnen sorge. Seit nunmehr 19 Jahren lädt der Heimatverein Bessingen am Vorabend des 1. Mai ab 18 Uhr zur gruselig-geselligen Walpurgisnacht ein – der nachweislich einzigen außerhalb des Harzes. Auf zunächst spektakuläre Performances von Hexenverbrennungen (in Form von Strohpuppen) wurde bald – zwar ungern, aber nachgiebig – verzichtet, weil vor Jahren öffentliche Proteste von auswärts laut geworden waren. Im Übrigen habe die Walpurgisnacht (jenseits des Harzer Brockens) herzlich wenig mit Hexen zu tun, die sei vielmehr deren ultimative Deadline und Exitus, weiß Rainer Olze nach gründlichen Recherchen: Historisch leitet sich das Brauchtum vom heidnischen, keltisch-germanischen Frühjahrsfest Beltane ab, bei dem die Ankunft des Frühlings mit nächtlichem Freudenfeuer und Peitschenknallen zum Schutz des Hofes gefeiert wurde. Namensgeberin nach einer zweiten, germanischen Auslegung war die heilige Walburga, Tochter des angelsächsischen Königs Richard und Nichte des Heiligen Bonifatius. Sie verstarb bereits 780, hatte Bessingen daher nie kennenlernen können, sondern bis zu ihrem Tod als Missionarin und Vorsteherin eines Benediktinerklosters im mittelfränkischen Heidenheim gewirkt und war vermutlich am 1. Mai 870 heiliggesprochen worden.

Bis heute gilt sie als Schutzheilige gegen Krankheiten und Seuchen, Tollwut, Hungersnot und Missernte sowie als Patronin der Kranken, Wöchnerinnen und Bauern. Also wird in Deutschland verbreitet und mit Frühlingsbegeisterung in den Mai getanzt statt gehext, die Besen am Brocken gelassen – bis auf dieses kleine Dorf am Ith, deren Bewohner sich mit Humor sagten: „Warum nicht mal was anderes? Passt irgendwie zu unseren düsteren Sagen um die Felsen Adam und Eva!“ So lassen sie die kleinen Puppen tanzen und begrüßen den Frühling mit einer wirbelnden Bibi-Blocksberg-Riege um das Feuer. Und das brennt lange – die ganze Nacht hindurch – auf dem Grillplatz, aber bei weitem nicht so lange wie die schmantigen Reste des Bessinger Hexenburgers nach Teufelsrezeptur zwischen Zähnen, Fingern und Haaren gehütet werden, denn diese Delikatesse gibt’s erst wieder im nächsten Jahr…

… oder orange. Fotos: ist
  • … oder orange. Fotos: ist

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