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Interview mit Rainer Schicker, Leiter der Spiegelbergschule, zur Diskussion über die Förderstunden

„Ein Optimum wäre eine Schule für alle“

Wenn das Konzept abgelehnt wird, wäre das eine Niederlage für die Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf, meint Rainer Schicker, Leiter der Spiegelbergschule.

veröffentlicht am 02.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 12:21 Uhr

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Die Spiegelbergschule in Coppenbrügge; Träger ist der Landkreis.

Unterrichtet werden die Schüler an der Spiegelbergschule von Klasse 5 bis 9.

Fotos: Wal

Coppenbrügge/Salzhemmendorf. Das neue Konzept zur sonderpädagogischen Grundversorgung sorgt zurzeit für reichlich Diskussionsstoff. Der Arbeitskreis der Schulleiter hat – wie bereits berichtet – vorgeschlagen, die Förderstunden künftig an zwei Schulen in Coppenbrügge und Salzhemmendorf zu „poolen“. Mit dem Schulleiter der Spiegelbergschule, Rainer Schicker, sprach Dewezet-Redakteurin Kerstin Hasewinkel über das Thema.

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Herr Schicker, was heißt Poolung genau und warum ist ein neues Konzept überhaupt notwendig?

Poolung bedeutet, dass wir beabsichtigen, die Förderschullehrerstunden zu bündeln, und zwar an den Standorten Coppenbrügge und Salzhemmendorf. Das heißt, dass alle zur Verfügung stehenden Stunden auf diese beiden Schulen aufgeteilt werden. Nach dem aktuellen Sachstand wären das insgesamt 78 Stunden. Und diese Stunden sind jetzt auf die einzelnen, also sechs, Grundschulen aufgeteilt.

Welche Vorteile bietet das neue Konzept?

Am Beispiel Wallensen kann ich das vielleicht erklären: Dort gibt es zurzeit sieben Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Wenn man das regionale Integrationskonzept und den Erlass des Ministeriums zugrunde legt, würde das bedeuten, die Schule hätte zur Zeit Anspruch auf acht Stunden, das würde pro Schüler 1,14 Stunden bedeuten. Würde man die Stunden allerdings gebündelt umlegen auf alle 22 Förderschüler des Fleckens, wäre dies schon eine Verdreifachung auf 3,54. Berechnet man das auf die Jahrgänge, hätte Wallensen pro Jahrgang zwei Stunden. Bei einer Poolung hätte ich pro Jahrgang fast 20 Stunden zur Verfügung. Das heißt also, ich hätte eine Verzehnfachung der Unterrichtsstunden für die Förderschulkinder. Wallensen hatte bis jetzt immer sehr gute Bedingungen, da wir dort bereits das dreifache an Stunden gebündelt, also bereits gepoolt haben. Ab dem nächsten Schuljahr ist nicht mehr möglich.

Also geht es nicht nur um die Fahrtzeiten der Lehrer, die bei einer Poolung wegfallen würden und die man so dazugewinnen würde, wie in der Diskussion angeführt?

Das wurde in unserer Argumentation angeführt, war aber nie der Schwerpunkt. Dennoch habe ich als Schulleiter auch eine Fürsorgepflicht gegenüber meinen Lehrern. Es ist auf Dauer nicht zumutbar, in den Pausen von A nach B zu fahren. Ich vergleiche das immer mit einem VW-Arbeiter, dem man sagen würde, du fährst in deiner Frühstückspause mit deinem Pkw zum Walzwerk und holst dort Kotflügel. Das würde der auch nicht machen. Aber das war nur ein Punkt unter vielen bei der Argumentation für das neue Konzept. Der Schwerpunkt war immer die bessere Beschulung der einzelnen Förderschulkinder.

Der Anlass, ein neues Konzept zu entwickeln, kam aus dem Kreis der Schulleiter heraus aus rein pädagogischen Gründen?

Ja, aus rein pädagogischen Gründen. Alle Schulleiterinnen und Schulleiter der Grundschulen und der Förderschule treffen sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch, dabei wurde auch über das bestehende Förderkonzept gesprochen. Wir haben festgestellt, dass zwei Stunden pro Klasse an einer Schule definitiv zu wenig sind. Wir haben uns überlegt, wie man die Stunden konzentrieren kann, sodass die Förderschüler davon profitieren. So sind wir auf die Poolung von Stunden gekommen, wie es auch bereits erfolgreich an anderen Schulen funktioniert, zum Beispiel in Aerzen oder in Fischbeck. Kolleginnen aus diesen Schulen haben uns davon nur von positiven Erfahrungen berichtet. Deshalb haben wir gesagt, wir nähern uns diesem Konzept an und versuchen es umzusetzen.

Was sagen Sie den Eltern der Grundschule Wallensen, die sehr überzeugt von ihrem Konzept sind und auch die Befürchtung haben, dass langfristig die Integration vor Ort kaputt gemacht werden könnte und die sogar den Schulstandort gefährdet sehen?

Man kann eine Standortfrage nicht mit Förderschülerzahlen begründen. Und das Integrationskonzept geht ja gar nicht kaputt, sondern bleibt bestehen und wird sogar noch intensiviert. Nicht an der Schule in Wallensen, sondern es würde nach Salzhemmendorf verlagert werden. Das bedeutet natürlich, dass die Schüler aus Wallensen auch nach Salzhemmendorf fahren müssten. Das ist uns sehr wohl bewusst. Aber wir sagen: lieber eine intensivere, mit mehr Stunden bessere Förderung als nur diese zwei Stunden. Dafür müssen die Schüler die geringe Fahrzeit in Kauf nehmen. Aber der Erlass fordert auch nur eine wohnortnahe Unterrichtung. Aber die Förderschüler würden ja trotzdem in einer Grundschule verbleiben und hätten sogar mehr von der Integration, da sie nicht allein in einer Klasse wären, sondern vielleicht mit zwei oder drei anderen Förderkindern. Sie wären dann nicht allein und hätten somit eine vergleichbare Lerngruppe. Das ist wichtig für die Entwicklung ihres Selbstbewusstseins. Folgerichtig wären sie mehr integriert als nur allein in einer Klasse.

Die Wallenser verweisen auf die bestehende Kooperation mit dem Kindergarten. Viele Eltern würden ihre Kinder wegen der guten Arbeit dort von vornherein in Wallensen anmelden.

Aber das wäre nur eine Frage der Zusammenarbeit der Schule Salzhemmendorf mit dem Integrationskindergarten Wallensen. Da könnte man genauso intensiv zusammenarbeiten wie bisher; vielleicht sogar besser, weil wir letztlich auch mehr Förderschullehrerstunden in Salzhemmendorf hätten, die dann auch für die Zusammenarbeit mit dem Kindergarten genutzt werden könnten.

Warum befürwortet ausgerechnet die Spiegelbergschule, die ja Förderschule ist, das neue Konzept?

Letztlich steht die Integration im niedersächsischen Schulgesetz. Niedersachsen hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass Kinder integrativ beschult werden sollen. Deswegen wurde, beginnend mit dem Jahr 2005, das regionale Integrationskonzept eingeführt. Die Förderschulkinder, die früher bei uns waren, werden seitdem an den Grundschulen unterrichtet. Und die Spiegelberger sind dafür, weil sie darin ein integratives Konzept sehen und keine Aussonderung der Schüler mehr aus ihrem Schulbezirk.

Wäre das auch möglich für die späteren Klassen 5 bis 9, die es ja im Moment auch noch an der Spiegelbergschule gibt? Wäre irgendwann in naher Zukunft die Spiegelbergschule überflüssig?

Ob dafür die Voraussetzungen geschaffen werden, wage ich zu bezweifeln. Aber ein Optimum wäre eine Schule für alle. Schüler von der 1. bis 9. Klasse in einer Schule – da favorisiere ich skandinavische Modelle. Da funktioniert das seit Jahrzehnten. Wenn man die Integration zu 100 Prozent zu Ende denkt, dürfte man sich nicht damit zufriedengeben, dass die Förderschüler nach der vierten Klasse wieder zu uns kommen und wieder ausgesondert werden. Wir wollen alle, dass die Kinder wegkommen vom Stigma der Sonderschulbedürftigkeit. Es wäre eigentlich viel wichtiger, das zu Ende zu denken.

Nun hat die Landesschulbehörde angeblich das Konzept negativ beurteilt.

Ich kenne keine Äußerung seitens der Landesschulbehörde, nur aus den Medien. Ich weiß nichts von einer offiziellen Stellungnahme. Grundversorgung an den Grundschulen wird favorisiert. Ich weiß aber auch, dass Poolungsmodelle vom Kultusministerium genehmigt worden sind.

Was wird geschehen, wenn das Konzept abgelehnt wird?

Es wäre eine Niederlage für die Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf. Aber für den Fall sind die Stunden schon gemäß Erlass und dem Regionalen Integrationskonzept für das neue Schuljahr auf die Schulen verteilt, das heißt zwei Stunden pro Klasse, Wallensen hat sogar zwei Stunden mehr, weil sie einen Schüler aus Oldendorf haben. Wallensen hätte dann zehn. Bei der Verteilung ist auch die präventive Arbeit berücksichtigt worden.

Und mit Poolung würde es mehr Stunden geben?

Wichtig für die Berechnung ist die Jahrgangsstufe, weil dort mehrere Schüler zusammen in einer Klasse sind. Bei dem neuen Modell hätten die Grundschulen jeden Tag mindestens in den ersten zwei Stunden eine Förderschullehrkraft vor Ort. Mit dem enormen Vorteil, dass immer die Fächer Mathe und Deutsch betreut werden können, da das die wichtigsten Fächer mit dem größten Förderbedarf sind. In den Fächern wie Sport oder Musik sind nicht immer Förderschullehrer notwendig.

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