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Sterbliche Überreste von NS-Opfer Werner Wolters beigesetzt – im Beisein der Familie

Ein Abschied, der unter die Haut geht

Hameln-Pyrmont/Lüneburg. Es war keine leichte Reise, die Bärbel Jahn gemeinsam mit ihrer Mutter Renate Wippermann und weiteren Familienangehörigen am Sonntag angetreten ist, eine Reise in die Vergangenheit. „Das ging unter die Haut. Wir haben alle viel geweint“, sagt die Bad Pyrmonterin gestern nach ihrer Rückkehr aus Lüneburg. Dort nahm die Familie an der Einweihung einer Gedenkanlage für Opfer der NS-Psychiatrie teil. Die sterblichen Überreste von zwölf Kinder-Patienten aus Niedersachsen wurden zu Grabe getragen – nach über 70 Jahren. Darunter: Werner Wolters, der Onkel von Bärbel Jahn. Er starb im Alter von vier Jahren.

veröffentlicht am 27.08.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:25 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Der Junge aus Ahrenfeld war in der NS-Psychiatrie ermordet worden, was die Angehörigen jahrzehntelang nicht wussten. „Mit der Beerdigung ist ein Abschnitt abgeschlossen, vor allem für meine Mutter“, sagt die 44-Jährige. „Wir haben das Kind ja nie gesehen.“ Die Familie war im Glauben, dass Werner, der laut Bärbel Jahn als sehr intelligent galt, als Kind schwer krank gewesen und verstorben sei. Die unglaubliche Wahrheit, die erst jetzt ans Licht gekommen ist: Werner Wolters war als kleines Kind 1941 und 1942 Patient der sogenannten Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Dort wurde er vermutlich im Rahmen der „Kinder-Euthanasie“ der Nationalsozialisten getötet. Seine Leiche wurde zu Forschungszwecken missbraucht. Wie berichtet, waren sterbliche Überreste, Gehirn-Präparate von zwölf Kindern, 2011 im Archiv der Neuropathologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gefunden worden; Forschungen begannen. In zehn von zwölf Fällen konnten Namen zugeordnet werden.

Den Kindern wurde aber nicht nur der Name, sondern auch ein Gesicht, ein Stück Identität wiedergegeben. „Dies ist eine außergewöhnliche, wenn nicht gar einmalige Situation und das haben wir kaum zu hoffen gewagt. Wann können heute noch sterbliche Überreste von NS-Opfern im Beisein ihrer Familie beigesetzt werden?“, so Dr. Carola Rudnick. Die Historikerin, wissenschaftliche Ansprechpartnerin der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ in Lüneburg, hatte die Daten ausgewertet und sich an die Presse gewandt.

So erfuhr die Bad Pyrmonterin Bärbel Jahn vom Schicksal ihres Onkels. „Die Darstellung passte“, berichtet sie.

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  • Nina Bohrs (li.) und Anita Diebäcker, Schülerinnen der Krankenpflegeschule der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, lassen die Urnen ins Grab.

Werner wurde am 1. Mai 1938 in Celle geboren. Seine Eltern, der Landarbeiter Georg und die Mutter Herta Henriette Anna, zogen kurz darauf nach Ahrenfeld im Kreis Hameln-Pyrmont. Im Alter von 15 Monaten wurde Werner infolge eines Krankenhausbesuches in Hameln als „anstaltsbedürftig“ eingestuft. Am 9. Oktober 1941 wurde Werner Wolters verlegt. Zusammen mit 129 weiteren Kinder-Patienten kam er in die „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Statt zu heilen und zu pflegen wurde getötet. Dort starben rund 60 Prozent aller Kinder-Patienten in den ersten Wochen und Monaten nach ihrer Ankunft. Nach ihrem Tod wurden einzelne Kinderleichen seziert.

Nach einem Anruf von Bärbel Jahn stellte die Dewezet den Kontakt zur Historikerin Carola Rudnick her. Werner Wolters hatte – neben einem ebenfalls im Kindesalter verstorbenen Bruder – zwei Schwestern. „Beide Schwestern habe ich getroffen und kennengelernt“, erzählt Rudnick. Ein Treffen, das unter dem Eindruck der schockierenden Erkenntnisse stand.

Um einen würdevollen Umgang mit den sterblichen Überresten der Kinder zu finden, initiierte die Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ gemeinsam mit der Psychiatrischen Klinik Lüneburg die Errichtung einer Gedenkanlage. Die Hansestadt Lüneburg unterstützte das Vorhaben – nun wurde die Gedenkanlage eingeweiht.



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